Google-Entwicklerkonferenz Einfach mal das Smartphone weglegen

  • Google stellt auf seiner Entwicklerkonferenz die neue Android-Version P vor.
  • Neue Funktionen sollen es Nutzern erleichtern, das Smartphone einfach mal wegzulegen.
  • Andere Tech-Konzerne wie Facebook waren in die Kritik geraten, weil ihre Apps angeblich süchtig machen.
Von Simon Hurtz

Das Silicon Valley ist in der Krise. Die großen Tech-Firmen verdienen weiter Milliarden, aber ihr Ruf hat gelitten. Ehemalige Mitarbeiter warnen vor Risiken und Nebenwirkungen von Smartphones und sozialen Medien, und Mark Zuckerberg versucht, der Öffentlichkeit zu erklären, dass der Skandal um Cambridge Analytica ein bedauerliches und garantiert einmaliges Versehen gewesen sei.

Google sagt: Wir sind anders, wir gehören zu den Guten. Das war das Signal, das Sundar Pichai senden wollte. Gemeinsam mit anderen hochrangigen Managern hat der Google-Chef auf der Entwicklerkonferenz neue Produkte vorgestellt und erklärt, wie sein Unternehmen sicherstellen will, dass Nutzer das Smartphone öfter mal weglegen. Das waren die wichtigsten Ankündigungen der Google I/O:

Glücklich ist, wer auch mal abschalten kann

Google erfindet einen neuen Marketing-Begriff: Jomo ist eine Anspielung auf das Akronym Fomo, das für "Fear of missing out" steht, also die Angst, etwas zu verpassen. Diese Furcht sei unbegründet, sagt Google: Statt Angst solle man Freude ("Joy") empfinden, wenn man das Smartphone aus der Hand lege.

Seit Jahren warnt der frühere Google-Angestellte Tristan Harris, dass die Kombination aus Smartphones und sozialen Medien süchtig mache. Er fordert, dass Tech-Firmen ihre Apps nicht mehr darauf auslegen, dass Nutzer möglichst viel Zeit damit verbringen. Zahlreiche Wissenschaftler, Gründer und Entwickler haben sich seiner Initiative angeschlossen. Insbesondere Facebook kommt dabei nicht gut weg.

Sind Smartphones vielleicht doch ein Problem?

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Um nicht selbst am Pranger zu landen, will Google den Kritikern zuvorkommen. Unter dem Schlagwort "Digitales Wohlbefinden" fasst der Konzern alle Versuche zusammen, Nutzern die Kontrolle zurückzugeben. Die neue Android-Version bringt eine Übersichtsseite, die auf einen Blick zeigt, wie oft man das Smartphone aus der Tasche zieht und wie lange man einzelne Apps nutzt. Für jede Anwendung lassen sich Zeitlimits festlegen, etwa: 20 Minuten am Tag für Facebook. Kurz vor Ablauf der Frist erscheint eine Warnung, danach lässt sich die App nicht mehr öffnen. Wer doch rückfällig wird, muss das Limit manuell zurücksetzen.

Außerdem will es Google Nutzern erleichtern, das Chaos der Benachrichtigungen zu bändigen. Für jede App lassen sich Prioritäten und Zeiten festlegen, zu denen man nicht gestört werden möchte. Eine neue Einstellung ermöglicht es, das Display kurz vor dem Schlafengehen schwarzweiß zu schalten. Wer nachts komplett seine Ruhe haben will, muss das Smartphone einfach nur umgedreht neben das Bett legen. Dann bleibt es stumm und lässt nur wichtige Anrufe und das Weckerklingeln am nächsten Morgen durch.

Für Google ist es ein Balanceakt: Einerseits helfen solche Initiativen, das eigene Image aufzupolieren und sich von Facebook abzugrenzen, dessen Ruf massiv gelitten hat. Andererseits verdient das Unternehmen den Großteil seines Geldes, weil Menschen viel Zeit mit Produkten wie der Google-Suche oder Youtube verbringen und dabei Werbung angezeigt bekommen, die mit Hilfe von Daten personalisiert wurde, die sie zuvor preisgegeben hatten, indem die andere Google-Dienste nutzen.

Android P kopiert das iPhone X

Nur Google weiß, welche Süßigkeit auf Nougat und Oreo folgen wird. Wie jedes Jahr wird der Name der neuen Android-Version P wohl erst im Spätsommer bekanntgegeben. Seit Dienstagabend ist aber öffentlich bekannt, was sich für Android-Nutzer ändern wird. Google ersetzt die drei Navigations-Buttons am unteren Bildschirmrand mit einer Gestensteuerung, die an das iPhone X erinnern. Angeblich habe man Jahre daran gearbeitet - also schon damit angefangen, bevor Tim Cook im September das neue iPhone präsentierte. Vielleicht haben Apple- und Google-Entwickler einfach sehr ähnliche Ideen.

Seit Dienstagabend steht die Beta-Version von Android P zum Download bereit, und bereits nach wenigen Stunden hat sich der Smartphone-Daumen an die neuen Gesten gewöhnt. Der Wechsel zwischen Apps fällt leichter, und insbesondere große Geräte lassen sich besser mit einer Hand bedienen.

Ansonsten setzt Google bei Android P voll auf Automatisierung. "Adaptive Battery" soll die Akkulaufzeit verlängern, indem das Betriebssystem von selbst Hintergrundprozesse einschränkt oder beendet, wenn diese selten genutzt werden. Eine andere Funktion namens "Adaptive Brightness" passt die Bildschirmhelligkeit an. Dabei spielt nicht nur das Umgebungslicht eine Rolle, sondern auch das frühere Verhalten des Nutzers. Das Tech-Portal The Verge konnte Android P vorab ausführlich testen und hält es für "Google ambitioniertestes Update seit Jahren".

Hier können sich Nutzer für den Beta-Test registrieren. Bislang standen die Testversionen nur Besitzern von Googles Pixel-Smartphones offen. In diesem Jahr gibt es Android P auch für weitere Geräte (hier die Übersicht der Smartphones). Allerdings enthalten solche Vorab-Versionen meist Fehler. Google empfiehlt sie ausdrücklich nicht für den produktiven Einsatz, da sie zu Datenverlust führen können.

Maschinen sollen mit Menschen telefonieren

"Hey Google, bitte reserviere mir einen Tisch für vier Leute. Bei meinem Lieblingsinder, morgen um 20 Uhr." Wenn es nach Google geht, reicht dieser Befehl bald aus, wenn man Essen gehen will. Den Rest soll dann künstliche Intelligenz (KI) erledigen: Der Google Duplex heißt dieser Dienst, in dem der Assistent selbst im Restaurant anruft und die Wünsche des Nutzers weitergibt.

Auf der Bühne spielte Google mehrere Gespräche vor - angeblich alles echte Anrufe. Die KI ahmt menschliche Interaktion dabei fast perfekt nach, sagt auch mal äh und ähm, antwortet auf Rückfragen und reagiert, wenn das Gespräch eine unvorhergesehene Wendung nimmt.

Im Entwicklerblog erklären Googles Chefentwickler, wie sie die Technologie mit Hilfe neuronaler Netzwerke realisiert haben. Noch ist unklar, wann Google Duplex verfügbar sein wird. Vermutlich müssen deutsche Nutzer wegen der Sprachbarriere noch länger darauf warten.

Weitere Ankündigungen im Überblick

  • Der Assistant soll natürlich und nützlicher werden. Im Wettlauf mit Apple (Siri), Alexa (Amazon) und Cortana (Microsoft) spendiert Google seinem persönlichen Assistenten sechs neue Stimmen, darunter auch die des Sängers John Legend. Die KI soll künftig fortlaufende Konversationen führen können und nicht mehr jedes Mal mit "Hey Google" aktiviert werden müssen. Wenn Nutzer Nachfragen stellen, erkennt der Assistant automatisch den Kontext.
  • Google baut Lens massiv aus. Bislang konnte die Technologie erkennen, was auf Fotos zu sehen ist und so etwa Sehenswürdigkeiten auf Urlaubsbildern identifizieren. Die Funktion kam allerdings nur innerhalb von Google Photos und dem Google Assistant zur Anwendung, in Deutschland konnten sie nur Pixel-Besitzer nutzen. Lens soll bald direkt in der Kamera-App funktionieren. Ein Anwendungsbeispiel: Man hält das Smartphone auf eine Speisekarte im Ausland. Lens scannt automatisch den Bildinhalt, identifiziert und übersetzt die Wörter und blendet Informationen über die Zutaten ein.
  • Die Nachrichten-Plattform wird komplett überarbeitet. Google schafft den Play-Newsstand ab und App und Desktop-Seite von Google News. Machine Learning und KI sollen Nutzern Nachrichten anzeigen, die für sie persönlich relevant sind. Über eine neue Schaltfläche können sich Leser unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zu bestimmten Themen anzeigen lassen.
  • Auch Google Photos sollen von KI profitieren. Ein Assistent schlägt künftig vor, wie Bilder verbessert werden könnten, etwa, indem die Helligkeit nachträglich angepasst wird. Außerdem ist es möglich, alte Schwarzweiß-Aufnahmen automatisch einfärben zu lassen.

Liebe Menschheit, es tut uns leid

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