Google-Earth kommentiert den Genozid in Darfur: Wie steht es um die Objektivität des weltweit größten Informationsverwalters?
Das Googlesche Weltbild hatte bisher etwas ungemein Tröstendes. Es ist nie Nacht bei Google Earth, und immer scheint die Sonne. Geographische Distanzen schrumpfen zu Millimetern mit der Maus, alle Sorgen der Menschheit lösen sich auf in einem spektakulären Erdumrundungsfestival.
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Zu abstrakt, zu fern, um von politischen oder sozialen Konflikten zu erzählen, waren selbst die detailliertesten Bilder, die man per Zoom-Sturzflug von irgendwelchen Punkten auf der Erdoberfläche erhielt. Doch diese Frühphase der zwei Jahre alten, mittlerweile von 200 Millionen Menschen benutzten kostenlosen Software ist nun vorbei.
Brillant aufbereiteter Multimedia-Essay
In Zusammenarbeit mit dem Washingtoner US Holocaust Memorial Museum hat Google eine Zusatzfunktion seiner Software eingeführt, die das Ausmaß des fortschreitenden Genozids in der afrikanischen Krisenregion Darfur veranschaulicht. Bisher sind dort 200 000 Menschen getötet und 2,5 Millionen vertrieben worden. 1600 Dörfer wurden zerstört. Die Auflösung der Satellitenbilder von dieser Region ist zu schwach, um Ruinen oder Flüchtlingslager als solche sichtbar zu machen. Stattdessen zeigen Symbole ihren Standort an: kleine Flammen stehen für zerstörte oder beschädigte Dörfer; blaue Zelte für Lager.
Zoomt man näher heran, tauchen anklickbare Icons auf, hinter denen sich kurze O-Töne der Vertriebenen sowie Fotos und Videofilme von Lagern, brennenden Dörfern und Leichen im Sand verbergen. Es ist ein erstaunlich kurzer Weg vom bloßen Satellitenbild zur kommentierten und illustrierten Landkarte und schließlich zum brillant aufbereiteten Multimedia-Essay, bei dem das Luftbild nur noch als Benutzeroberfläche und Rahmen für Inhalte ganz anderer Natur fungiert.
Google wolle die Menschen dazu ermutigen, etwas gegen den Genozid im Sudan zu unternehmen, sagte Firmensprecher Elliot Schrage bei der Vorstellung des Projekts in Washington. "Wir glauben, Technologie kann ein Katalysator für Aufklärung, Verständnis und, vor allem, für Handlung sein."
Wo will Google damit hin ?
So ehrenwert diese Absichten sind, so unklar ist, wohin Google damit will. Wendet es sein inoffizielles Firmenmotto "Don't be evil!" ins Positive? - "Tu Gutes!" Oder ist die Darfur-Initiative ein Testlauf für die - naheliegende - verstärkte kommerzielle Verwertung der über die Satellitenbilder gelegten Informations-"Schichten"?
Der Kurswechsel, den Google mit der Darfur-Aktion vollzieht, ist jedenfalls unübersehbar. Der Marke Google gelang es bisher, gleichzeitig omnipräsent und unsichtbar zu sein. Seine Suchmaschine durchforstet das Web nach strikt mathematischen Prinzipien. Menschen mit ihren Fehlern und Vorlieben sind nicht beteiligt. Man sei reine Infrastruktur, pure Technologie, hieß es immer, Neutralität war oberstes Gebot. Google Earth war keine Ausnahme: Ob Sahelzone oder Beverly Hills, die Satellitenkamera nimmt alles mit derselben Objektivität auf.
Google verkauft auch Welt-Anschauung
Doch dann tauchte in den Google-Earth-Menüs der Ordner "Global Awareness" auf, in dem sich außer den Plug-ins für die Darfur-Kampagne auch noch die des Umweltprogramms der Vereinten Nationen zu Veränderungen durch den Klimawandel und die der Bürgerinitiative iLoveMountains.org befinden, die gegen den Kohletagebau in den Appalachen kämpft. Brian O'Shaughnessy von Google erklärt, nur Gruppen mit "hochwertigen globalen Informationen aus seriösen Quellen" würden von Google Earth zugelassen.
Was er nicht sagt, ist, dass Google außer einem Bild von der Welt nun auch eine Welt-Anschauung bietet - oder sogar mehrere. Es ist zum politischen Medium geworden - und das, scheinbar, ohne sich selbst im Klaren zu sein über die vielen Fragen, die auf Google jetzt zukommen: Wer entscheidet über die Auswahl der guten Zwecke? Steht Google hinter den Inhalten oder ist es nur Transmitter wie bisher? Wird man außer dem Genozid in Darfur auch den Tschetschenien-Krieg anprangern? Mit den ausgehöhlten Appalachen auch die überfluteten chinesischen Täler? Und was ist mit den geheimen Folterlagern der CIA? Der Ölbohrung in Alaska?
Voller politisch signifikanter Ungenauigkeiten
Seiner vermeintlichen Objektivität zum Trotz war Google Earth aber in Wahrheit schon immer ein Medium voller politisch signifikanter Ungenauigkeiten. Die Polkappen zum Beispiel fehlen dort, als hätten wir die Klimakatastrophe schon hinter uns. Noch bedeutsamer ist die unterschiedliche Auflösung der Bilder. Während ein Zoom auf Manhattan Details in schier unglaublicher Schärfe offenbart - die Farbe einer Decke auf der Wiese im Central Park ist sofort zu erkennen - verschwimmen weniger nachgefragte Weltregionen in einer Suppe aus Grün-Braun-Beige.
Darunter auch Darfur. Eine eingestürzte Garage in New Jersey wäre viel leichter zu identifizieren als die abgefackelten Dörfer im Sudan. Statt die Nutzer auf seine technischen Fähigkeiten aufmerksam zu machen, kompensiert Google mit den eingelinkten Fotos und Kommentaren also die eigenen Schwächen.
Auch das Zensurproblem beschäftigte Google Earth von Anbeginn. Hunderte Regierungs- und Militärstandorte weltweit sind auf den Satellitenbildern durch teils unübersehbare, teils geschickt kaschierte Pixelmuster unkenntlich gemacht, darunter der Amtssitz von Dick Cheney (aber nicht das Weiße Haus), die Residenz der niederländischen Königin oder ein IBM-Forschungszentrum nahe New York. Man kann das verstehen, aber wer genau verlangt diese Zensuren, und wer befindet über ihre Ausführung?
Schöne neue Google-Welt
Den bisher lautesten Eklat handelte sich Google ein, als es kürzlich Aufnahmen des durch den Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans durch solche aus der Zeit davor ersetzte. Googles überraschende Naivität wurde offenbar, als es sich damit verteidigte, dass die Prä-Katrina-Bilder technisch hochwertiger gewesen sein. Es sagt viel über das fragile Vertrauen in den mächtigsten Informationsverwalter der Welt, dass sich sogar eine Kongresskommission mit dem Vorfall beschäftigte - wenige Tage später waren aktuellere Bilder online.
Dass die US-Regierung hier Druck ausübte, hätte keinen überrascht, schockierender ist, dass man Google zutraute, dem Druck still nachgegeben zu haben. Die Welt ist politisches Terrain, egal aus welcher Höhe man sie zeigt.
(SZ. v. 13.04.2007)
Danke, liebe SZ für diesen Kommentar. Aber aus Leser-Sicht tritt aber schon auch deutlich ein wenig Neid zu tage. Google wird zum 'Medien-Konzern', nicht nur Informations-Transport, sondern auch Inhalte werden nun geboten. Zugegeben, etwas unbeholfen noch, manchmal vielleicht wie ein Elefant im Porzellanladen. Lange nicht so versiert und detail-genau wie eine SZ Redaktion. Aber am Ende macht 'Ihr' ja auch nichts anderes als Informationen auszuwählen, die nach Eurer Meinung zu Eurem Medium wie Euren Leserinteressen passen. Und Google hat da wohl einfach andere Interessen und wenn es um den Fokus der WELTöffentlichkeit geht, auch mehr Macht. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis diese Macht kanalisiert wird, subversiver durch Akzeptanz und Selbstverständlichkeit.