Glasfaser in der Provinz Fortschritt auf plattdeutsch

Ein Kabelbündel aus Glasfaserkabeln vor einer sogenannten Speedpipe (Leerrohr) für ein Glasfasernetzwerk.

(Foto: dpa)

Ein 650-Einwohner-Dorf in Schleswig-Holstein zeigt: Ländliche Region und schnelles Internet müssen kein Widerspruch sein.

Von Thomas Hahn

Der Bürgermeister Holger Jensen ist frei von Illusionen. Sein Löwenstedt ist ein Dorf im Nirgendwo, abgelegen und weitläufig. 650 Einwohner verteilen sich auf einer Fläche von knapp 20 Quadratkilometern. Andere Orte im Kreis Nordfriesland mögen vom Fremdenverkehr profitieren - Löwenstedt liegt dafür zu ungünstig, ziemlich genau in der Mitte zwischen der West- und der Ostküste Schleswig-Holsteins. Die Landwirtschaft hat den Ort geprägt und tut es immer noch, auch wenn von den 63 Bauernhöfen, die hier vor Jahrzehnten mal wirtschafteten, nur noch 15 übrig geblieben sind. In Löwenstedt gibt es eigentlich nur Felder, Windmühlen, Backsteinhäuser - und schnelles Internet in jedem noch so entfernten Haus. Jensen grinst wie ein zufriedener Schildbürger und sagt: "Wir sind Vorreiter."

Digitalisierung funktioniert nur, wenn sie flächendeckend gelingt. Schon jetzt ist die Kluft zwischen Stadt und Provinz groß. Demografischer Wandel und Landflucht setzen den Dörfern zu. Wenn die Gesellschaft sich dann auch noch aufteilt in Gegenden mit schnellem und langsamem Internet, verliert ein Teil der Bevölkerung endgültig den Anschluss.

Es geht deshalb auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn Politiker davon sprechen, das Netz aus Kupferkabeln, das einst für das analoge Telefonieren entstand, komplett gegen schnell leitende Glasfaserkabel austauschen zu wollen. Aber die Aufgabe ist mühsam. Schleswig-Holsteins Jamaika-Koalition will sie bis 2025 bewältigt haben, was selbst der FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz "sportlich" findet. Erst 32 Prozent der Haushalte im Land können ihr Internet über Glasfaserkabel beziehen. Und das ist noch ein relativ guter Wert im Bundesvergleich.

1000 Euro Eigenbeteiligung pro Bürger

Am Beispiel Löwenstedt kann man sehen, wie sich das schnelle Internet verbreiten lässt. Das Dorf hat in den vergangenen Wochen Aufmerksamkeit erregt, weil ein Sohn des Ortes, der Informatiker Simon Hansen, für Löwenstedt eine App entwickelt hat, über die jeder Bürger nachts die Straßenbeleuchtung einschalten kann. Vier Hotspots im Ort helfen dabei, dass die Nutzer auch wirklich Zugriff haben auf diese Internet-Anwendung. Löwenstedt stand plötzlich in allen Zeitungen als "Smart Village", das dem Rest der Republik zeigt, wie die Digitalisierung das Bürgerleben zur interaktiven Erfahrung macht.

Dabei ist der Ort schon seit bald vier Jahren bis in den letzten Winkel hinein mit Glasfaserkabeln versorgt. Im April 2014 begingen die Löwenstedter ihren Anschluss ans Breitbandinternet. Im örtlichen Gasthaus "Friedensburg" sprach Jensen damals von einem Podium, auf der Leinwand zuckten Blitze. Im Bauerndorf mit Amtssprache Plattdeutsch vollzog sich der Aufbruch ins 21. Jahrhundert.

Allein hätte Löwenstedt diesen Aufbruch nicht geschafft. Für große Unternehmen lohnt sich der Netzausbau im Dorf nicht, weil er zu wenige Kunden erreicht. Seit 2009 beschäftigten sich die Ämter im südlichen Nordfriesland deshalb mit der Frage, wie sie diesen Nachteil ausgleichen könnten. Die Lösung: Bürgerbeteiligung.

2012 gründete sich die BürgerBreitbandNetz GmbH & Co. KG (BBNG), um gemeinsam mit Investoren und den Menschen der Region die Zukunftsaufgabe zu finanzieren. Zu dieser Zeit wollten einige Bauern in Löwenstedt eine Biogasanlage bauen und regten ein Fernwärmekonzept für den gesamten Ort an. Das Dorf brauchte also neue Leitungen. Das wiederum machte die BBNG aufmerksam: Warum nicht auch gleich Glasfaserkabel legen, wenn man ohnehin die Straße aufreißen würde? Die Gemeinde willigte ein. "Wir wollten mit gutem Beispiel vorangehen", sagt Jensen.

Damals war Peter Thoröe Bürgermeister und Jensen dessen Stellvertreter. Sie gingen von Haustür zu Haustür, um die Löwenstedter für das Vorhaben zu gewinnen. Eine Zustimmung von 68 Prozent war die Voraussetzung für den Ausbau über die BBNG. 1000 Euro würde jeden Bürger die Eigenbeteiligung kosten. Keine kleine Summe, vor allem die Alten waren skeptisch. "Die wollten mit Internet erst nichts zu tun haben", sagt Jensen, "denen musste man das so verkaufen, dass die Immobilie mit schnellem Internet mehr wert wird." Die Werbetour endete erfolgreich. 90 Prozent der Löwenstedter Haushalte waren dabei. Das restliche Geld für den 850 000 Euro teuren Ausbau kam von örtlichen Unternehmen und vom Löwenstedter Bürgerwindpark. Die Zukunft konnte beginnen.

Anderswo dauert der Aufbruch länger. 59 Gemeinden sind Mitglied in der BBNG mit Sitz in Husum. Aber nach Löwenstedt ist das schnelle Internet erst in relativ wenigen Gemeinden angekommen, in Sollwitt, Behrendorf, Norstedt, Arlewatt, Olderup. In Horstedt, Haselund, Viöl, Simonsberg, Uelvesbüll und im Husumer Gewerbegebiet Ost schreitet der Ausbau voran. "Das ist in Ordnung", sagt BBNG-Geschäftsführer Ute Gabriel-Boucsein, "aber wir wären gerne schneller gewesen." Jensen findet: "Das ist immer noch sehr, sehr zäh."

Er selbst mag sich sein Dorf ohne schnelles Internet nicht mehr vorstellen. Jensen weiß noch, wie es vorher war: "Wenn einer im Ortskern ins Internet ging, wurden die anderen alle rausgeschmissen." Schulkinder mussten für ihre Hausaufgaben auf die Nachbarschaft mit stabilerer Verbindung ausweichen. Das ist Vergangenheit: Kein Löwenstedter Landwirt hat mehr Schwierigkeiten bei der Alltags-Kommunikation mit Ämtern und dem Lebensmittel-Kontrollverein, die praktisch nur noch digital läuft. Online-Banking ist kein Ärgernis mehr, die Jugend kann ihre sozialen Netzwerke pflegen. Und das Einkaufen ohne Fahrten in die nächste Stadt funktioniert auch, wie Bürgermeister Jensen am Geschäftsverkehr in seinem Dorf ablesen kann: "Amazon", sagt er, "ist jeden zweiten Tag hier."

"Viel zu spät und zu zögerlich"

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