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Geschlechterrollen im Netz - welche Rolle spielen sie? (© iStockphoto.com)
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Es geistern viele Thesen durchs Internet, die sich ganz selbstverständlich und selbstreferentiell mit diesem Medium beschäftigen: "Das Netz ist zu voll", zum Beispiel. Oder so ähnlich. Sie sind nett zu lesen. Aber von Bedeutung sind sie nicht. Mehr Relevanz attestiere ich da den Piraten und ihrer These, dass die Piraten postgender seien.
Postgender heißt, es seien keinerlei Diskussionen über Geschlechterverhältnisse mehr nötig, weil das Geschlecht keine Rolle mehr spiele, Frauen seien ergo auch nicht mehr benachteiligt. Und dieses Phänomen des Postgenderismus betreffe eben nicht nur die Partei selbst, in deren Geschäftsstelle es keine Herren- und Damen-Toiletten gibt, sondern entsprechende Räume "mit und ohne Urinal", die jedermann und jederfrau benutzen kann. Was für das Klohäuschen gilt, lasse sich natürlich auch auf die großen Räume wie das Internet übertragen.
Die griffige These der Piraten löste rege Diskussionen aus und rief vor allem Widerspruch hervor, in alten, nicht ganz so alten und neuen Medien. Dabei geht es um Vorwürfe wie Macht- und Geschichtsvergessenheit, Naivität und Ignoranz oder einfach Antifeminismus.
Debatte um Sexismus
Denn so wenig wie das Internet ein "rechtsfreier" Raum ist, ist es ein geschlechtsneutraler Raum. Dafür reicht es, sich die im vorderen Absatz verlinkten Artikel durchzulesen, sich die Kommentare anzusehen, die bei hatr.org gepostet werden oder auch die Debatte um Sexismus beim Chaos Communication Congress zu verfolgen.
Nicht immer äußert sich dieses ganz und gar nicht postgenderhafte Vehalten so eindeutig, aber es gibt Sexismus und Diskriminierung. Was empirisch leicht zu belegen ist, müsste doch auch inzwischen Eingang in die Forschung gefunden haben - gediehen doch in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Genderstudiengänge an deutschen Universitäten. Und so machte ich mich an des Journalisten liebste Pflicht, wissenschaftliche "Experten" zu suchen, die meine Annahme, dass das Netz alles andere als postgender sei, verifizieren oder auch falsifizieren können.
Um es kurz zu machen: Ich bin gescheitert. Zwar gibt es Studien, nach denen Frauen bei privaten sozialen Netzwerken wie Facebook aktiver als Männer sind, und es bei beruflichen Netzen wie Xing genau umgekehrt sei. Aber einerseits sind das Erhebungen von Unternehmen (Xing) oder wirtschaftsnahen Verbänden (Bitkom) und andererseits sind soziale Netzwerke nur, um im Raumbild zu bleiben, die Wände der Wohnzimmer des Internets.
Strategischer Essentialismus
Ich wollte die akademisch valide Expertise für das gesamte Haus. Sie sah so aus, dass eine angefragte Professorin, die annähernd zum Thema forschte, mir mangels Zeit absagte. Von einer zu Gender/Internet forschenden Doktorandin bekam ich den Hinweis, dass es falsch sei, den Piraten Antifeminsimus vorzuwerfen. Denn ihre Postgender-Position sei strategischer Essentialismus und außerdem gebe es in ihrem Grundsatzprogramm feministische Ziele wie die Teilhabe am digitalen Leben. Auch sei das Internet keinesfalls männlich, hier gehe es eher um den Zugang, also um die Überwindung der digitalen Kluft. Es seien eben doch mehrheitlich Männer, die den Zugang und die Zeit hätten zu posten und zu bloggen.
Nun kam aber kürzlich die ARD/ZDF-Onlinestudie zu dem Ergebnis, dass es diese Ungleichheit nur noch bei älteren, über 60-jährigen Internetnutzerinnen und -nutzern gibt. Schließlich fand ich mit Christina Schachtner eine Professorin, die an der Uni im österreichischen Klagenfurt zu Selbstkonstruktion und digitaler Kultur forscht und dafür junge und jugendliche Netznutzer interviewt hat
Von ihr erfuhr ich, dass es im Netz die Ausgrenzung von Frauen gibt, dass diese aber recht subtil geschehe. So seien ja Moderatoren und Administratoren im Netz nach wie vor mehrheitlich männlich. Sexismus spiele zwar eine Rolle und dafür seien aber eher bildungsferne Schichten verantwortlich. Dann wies sie darauf hin, dass sich junge Frauen im Netz auch traditioneller Rollenstereotype bedienen, sich also in Communitys auch gerne mal als "Tussi" präsentieren würden.
Moderne widersprüchliche Subjekte
Sie seien aber durchaus in der Lage, diese Selbstdarstellung zu reflektieren, während Jungs im Netz eher dem traditionellen männlichen Rollenbild verhaftet seien und sich Vorbilder wie Fußballstars suchen. Die jungen Frauen seien eben moderne widersprüchliche Subjekte, sozusagen das postmoderne Gesamtkunstwerk, dass sich aus verschiedenen Facetten zusammensetze. Die jungen Männer seien dagegen noch nicht so ganz in der Postmoderne angekommen.
Zumindest auf dieser Ebene hat mir die Wissenschaft bestätigt, dass Gender nach wie vor eine Rolle im Netz spielt. Und vielleicht machen sich Forscherinnen und Forscher in der nächsten Zeit mal daran, Geschlechterdiskrimierung im Netz wissenschaftlich zu untersuchen. Zumindest ich würde gerne darüber berichten. Bis dahin müssen wohl die genauso validen Erfahrungsberichte der NetzakteurInnen diese Lücke schließen.
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(Süddeutsche.de/joku, luk)
Rekord in Deutschland
Voilà: der Kreis schließt sich! Es geht hier doch offenkundig nicht um eine objektive Beurteilung der Verhältnisse, es geht um subjektiv empfundenen Neid.
Neide ich es also Frauen, die - wie Sie sagen - für einen Hungerlohn alten Leuten den Po abwischen dürfen? Antwort: nein, denn zum einen arbeite ich bereits für einen Hungerlohn in einer ähnlichen Branche. Hätte ich die Möglichkeit zur einer "Karriere in der Wirtschaft" gehabt? Sicherlich. Dabei wäre mir das männliche Geschlecht jedoch ebenso wenig dienlich gewesen, wie weibliche Attribute hinderlich sind. Kenn ich Frauen, die - in Verhältnis zu mir - eine bessere Karriere, mitunter auch in der Wirtschaft hingelegt haben? Ja, durchaus. Stört es mich? Nicht wirklich, denn ich blicke nicht mit Neid darauf.
Neid kann unmöglich der Ausgangspunkt gesellschaftlichen Wandels sein. Neid hat nichts, aber auch gar nichts mit Gleichheit zu tun. Andernfalls erwarte ich womöglich Ihren nächsten Vorstoß, der Sportwagen und Reihenhäuschen für alle fordert. ...oder zumindest für Frauen. ;-)
"Dann möchten Sie sich zukünftig sicher auch für eine „Männerquote“ im Pflege- und Gesundheitswesen stark machen?"
Neiden sie es den Frauen denn etwa, dass sie für einen Hungerlohn alten Leuten den Po abwischen dürfen? Ich würde mal behaupten, das Ziel, mehr Frauen eine Karriere in der Wirtschaft zu ermöglichen, steht unter einer etwas anderen Prämisse.
Ihre rhetorische Frage möchte ich gerne aufgreifen: ich glaube in einer Welt zu leben, in der sich die Wirklichkeit nur bedingt durch Statistiken begreifen, keinesfalls aber in eine Quote pressen lässt. Ihre zuvor als Negativbeispiel geläuterte Berliner Landesliste (Zitat: „die Quotenfrau übernahm klassischerweise das Ressort Jugend & Familie“) verdeutlicht dies. Welche Aussage steckt hinter solch einer Feststellung? Das Frauen durch geschlechtsspezifisches Kastendenken „nur in der Puppenecke spielen“ dürfen? Dass eine Parlamentsquote her muss, welche die demokratische Beteiligung von Frauen sicherstellt (vgl. Frauenanteil der weiblichen Abgeordneten im Deutschen Bundestag: 32,9 % *schock*).
Dann möchten Sie sich zukünftig sicher auch für eine „Männerquote“ im Pflege- und Gesundheitswesen stark machen? Oder in den Abiturjahrgängen?! Und gegen den Blumenhändler von gegenüber ziehen wir endlich vor Gericht, denn dieser sucht per Aushang expressis verbis eine FloristIN - da könnte man(n) sich prinzipiell diskriminiert fühlen! *gemein*
Verzeihung, aber das ist doch Quatsch. Debatten dieser Couleur nerven. Sie gehen an der Realität vorbei. Ich denke, der Feminismus hat heute ganz andere Baustellen in diesem Land. Fragen Sie die Ehefrauen, Töchter und Schwestern mit Migrationshintergrund. Ihnen wird es fürchterlich egal sein, ob das Berliner Ressort für Jugend & Familie über "Räume mit und ohne Urinal" verfügt...
"Gleichheit im Geiste = gelebte Realität"? "feministisch-sexistische Kultur"? In welcher Welt leben Sie eigentlich? Die von Ihnen kritisierte Ungleichheit im Familienrecht (Gleichberechtigung im Sorgerecht z.B.) geht übrigens nicht auf den Feminismus der 70er Jahre zurück, sondern ist Relikt einer Epoche, die Ihnen zwar vergilbt erscheinen mag, deren Strukturen und Paragraphen aber bis zum heutigen Tag dazu beitragen, dass Gleichheit - und sei es nur im Geiste - leider weiterhin eine Wunschvorstellung bleiben.
@ Piratentussi:
Ein kleiner Denkanstoß für Sie:
"Dann wies sie darauf hin, dass sich junge Frauen im Netz auch traditioneller Rollenstereotype bedienen, sich also in Communitys auch gerne mal als "Tussi" präsentieren würden."
Das "Kriegsministerium" stand im übrigen gar nicht zur Debatte.
"Im Internet weiß keiner ob Du ein Hund bist."
Wie @Kruemelkuchen schon richtig sagt, auf das Verhalten kommt es an.
Paging