Freiheit im Internet Die Welt der Klick-Arbeiter

Auf den digitalen Tummelplätzen hinterlassen alle ihre Spuren - nicht immer wissentlich. Klick-Arbeiter finden sie - und machen die Unterscheidung von privat und öffentlich obsolet.

Ein Essay von Norbert Bolz

Der Autor ist Medien- und Kommunikationstheoretiker und lehrt an der TU Berlin. Zuletzt erschien von ihm "Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht" (Wilhelm Fink Verlag, 2010)

Schatz, die Raketenpost ist da

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Wenn Allwissenheit ein Merkmal Gottes ist, dann kann man Google göttlich nennen. Je mehr Menschen Google nutzen, desto größer wird die Angst vor seiner Allmacht. Die Macht liegt nämlich dort, wo die Standards der Informationsverarbeitung fixiert werden. Denn heute ist alles Information: das Leben, das Geld, meine Identität. Ein Kultwort unserer Zeit lautet deshalb "Apps". Gemeint sind die Tausende Applikationen, in denen sich Software in passgenaue Dienstleistungen verwandelt. Spätestens seit Apples iPhone leben wir in einer Kultur des allgegenwärtigen Computierens, im Zeitalter des digitalen Utilitarismus.

Je mehr Informationen wir haben, desto knapper werden wichtige Informationen - und desto wichtiger werden Informationen über Informationen. Das bieten Suchmaschinen. Im Angelsächsischen gibt es einen schönen Ausdruck für die Arbeit von Geheimdiensten: Intelligence Service. Heute erbringt Google als eine Art Geheimdienst des Alltags genau diese Dienstleistung der Intelligenz. Das wird sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass Intelligenz der Inbegriff von Suchtechniken ist. Und wenn der Suchraum groß genug ist, kann man Suchen nicht mehr von Kreativität unterscheiden. So lautet der natürliche Anspruch von Google: alles für jeden jederzeit und überall. Alles und alle werden transparent, erreichbar und verfügbar.

Das Internet ist ein globaler Computer, und wir alle sind die "Clickworker", die Mausklick-Arbeiter seines Programms, das sich evolutionär entwickelt. Jeder Mausklick ist ja eine kleine Transaktion und hinterlässt eine Datenspur. Das heißt aber, dass jeder, der Google nutzt, der Firma hilft, ihre Algorithmen zu verbessern. Wir arbeiten alle mit am Popularitätsalgorithmus von Google. Das macht man sich natürlich nur selten bewusst, und deshalb erscheint Google wie ein Orakel. Sein Algorithmus der Empfehlungen und Bewertungen wirkt wie ein wunderbarer Kurzschluss durch den Informationsdschungel. Niemand kennt diesen Algorithmus, aber was er leistet, ist klar: Suchmaschinen protokollieren unsere Aufmerksamkeit. Sie gehen davon aus, dass wichtig ist, was die wichtigen Anderen wichtig finden. Und dass die meisten wollen, was die meisten wollen. Dafür hat sich der Ausdruck "kollaborativer Filter" durchgesetzt. Zu Deutsch: meinesgleichen geschieht. Und weil ich das Urteil von meinesgleichen nutze, um mich im Dschungel der Informationen und Optionen zurechtzufinden, können Firmen wie Amazon ein Marketing der Vorlieben entwickeln. "Kunden, die A kauften, haben auch B und C gekauft."

Die Spuren der Klicks

Zusammen mit dem sogenannten Neuromarketing startet das Datensammeln der Suchmaschinen einen Zangenangriff auf den Konsumenten des 21. Jahrhunderts. An Konsumentendaten heranzukommen ist aber nicht nur die Bedingung der Leistungsfähigkeit von Suchmaschinen, sondern auch von sozialen Netzwerken. Suchmaschinen produzieren die Homogenität der Gleichgesinnten in Geschmacks-Clustern. Hinzu kommt die Selbstselektion der Gleichgesinnten in den Communities, den virtuellen Gemeinschaften. Das 21. Jahrhundert hat also nicht mehr das Problem des Massenkonformismus durch Massenmedien, sondern das Problem der Gleichgesinntheit in digitalen Echokammern.

Seit 1994 gibt es die sogenannten Cookies, die auf dem Computer des Nutzers selbst Dateien erstellen, die sein Suchverhalten und den "Clickstream" speichern. So entstehen Nutzerprofile, die von den Unternehmen für Werbung und Marketing ausgewertet werden können. Doch diese Profile werden uns nicht nur angetan; wir produzieren sie selbst mit jeder Selbstauskunft, mit jedem Mausklick. Und zum Verdruss der Datenschützer gibt es immer mehr Menschen - und keineswegs nur "unwissende" Jugendliche! -, die ihre Daten gerne preisgeben. Das sollte aber nicht mehr überraschen. Es gibt ja auch Unzählige, die sich telefonisch oder in der Innenstadt den "Umfragen" öffnen und bereitwillig über ihr Konsumverhalten oder ihre politische Meinung Auskunft geben.

Der Kampf hat begonnen

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