Frauenrollen in Computerspielen Ein Spaß, ein echter Schenkelklopfer

2011 hatte der Art Director von Deus ex: Human Revolution, Jonathan Jacques-Bellêtete, bereits ehrlicherweise angemerkt, dass er "immer versuche, sehr hübsche weibliche Charaktere zu haben". Genauer gesagt, Charaktere, mit denen er schlafen wollen würde. Überzeugende weibliche Charaktere zu programmieren sei viel zu aufwendig, redete sich Gordon Van Dyke von der Firma Dice heraus, als Battlefield: Bad Company 2 völlig frauenlos erschien. Die gleiche Firma, die zuvor in Mirrors's Edge mit Faith eine immer noch hübsche, aber nicht stereotyp überzeichnete weibliche Hauptfigur ins Rennen geschickt hatte und damit schon einmal eine Debatte losgetreten hatte.

Doch wollen am Ende alle nur laufende Sexpielzeuge spielen? Nein, meint die Spieledesignerin Shaylyn Hamm. In ihrer Masterarbeit entwarf sie realistische weibliche Modelle, angelehnt an Figuren aus Team Fortress 2, die im Spiel getestet werden konnten. In einer Internet-Umfrage fand die Mehrheit der Teilnehmenden die Charaktere passend und gab an, gerne häufiger realistischere Frauenfiguren spielen zu wollen.

Nischen, die weniger wert sind

Viel zu tun bleibt auch im Meatspace. Die Autorin Katie Williams vom Spiele-Blog Kotaku berichtete von unangenehmen Vorfällen auf der Spielemesse E3. Wieder und wieder wurde ihr dort angeboten, ihr Spiele vorzuspielen, statt sie selbst an die Demos zu lassen. Oder sie wurde einfach gleich an die Facebook-Casual-Games verwiesen, die vor allem von Frauen über 40 gespielt werden und auf die die "echten Gamer" herabschauen. Was Frauen auch machen, die Nischen, die sie sich erobern, sind einfach weniger wert - alte, sexistische Bewertungsmuster wiederholen sich also auch in Spielen.

Doch ab und an gibt es auch bessere Nachrichten. Das Gamer-Blog Destructoid feuerte im Sommer einen Schreiber, nachdem er Felicia Day als "verklärtes, unnützes Booth Babe" beschimpft hatte. Wer Day noch nicht kennen sollte: Mit "The Guild" hat sie eine der erfolgreichsten Web-TV-Serien geschaffen. Die Serie verfolgt das Leben und Leiden einer Gilde in einem unbenannten MMORPG und ist inzwischen mehrfach ausgezeichnet. Passenderweise erfand Day "The Guild" auch, um dem Bild des stereotypen Gamers im Keller seiner Eltern etwas entgegenzusetzen. So gehören auch eine Modestudentin und eine verheiratete Mutter dreier Kinder zu den Gildenmitgliedern.

Immerhin wirft der Vorfall auch ein Schlaglicht auf die Verachtung, die Booth Babes immer noch entgegengebracht wird. Eingestellt, um die vermeintlich untervögelten Nerds anzulocken, wird ihre Jobbezeichnung wiederum zum Schimpfwort. Zur Gamescom gab die Firma Reality Twist eine Pressemitteilung heraus und sagte ihre Beteiligung ab, da man den Booth Babes kritisch gegenüberstünde. War aber alles nur ein Spaß, ein echter Schenkelklopfer.

Spielerinnen bringt dies in eine schwierige Lage. Um ernst genommen zu werden, müssen sie sich gegenüber den Frauen abgrenzen, die ein vermeintlich schlechtes Licht auf sie werfen - wie z.B. Booth Babes oder "unernste" oder "unechte" Spielerinnen. Doch sich an diese Maßstäbe zu halten, ist wie der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln: unmöglich. Im Zweifelsfall wird der Rahmen so verschoben, dass einfach keine Frau hineinpasst. Ein Mechanismus, der schließlich andere Frauen davon abhält, selbst einmal zum Controller zu greifen oder sich gar als Computerspielerin zu outen. Und auch wenn es nicht jede Frau abschreckt, sind weibliche Identifikationsfiguren selten und viele der Charaktere so stereotyp und sexy gehalten, dass frau sich nicht mit ihnen identifizieren möchte.

Statt beim Daddeln abschalten zu können, muss frau in diesem Hobby ständig ihre Identität verhandeln - dabei würden gerade Computerspiele hier unendliche Möglichkeiten bieten, neue Identitäten auszuprobieren, Körper über 08/15-Vorstellungen hinweg auszutesten und neue Geschichten zu erzählen. Hoffen wir, dass die Debatten Früchte tragen und 2013 besser wird.