Folgen der Internet-Revolution Soziale Bewegungen agieren nun weltweit und lokal

Der niederländische Netzkritiker Geert Lovink spricht von rechthaberischer Rudelbildung in sozialen Medien. In einem kürzlich in der Anthologie "Generation Facebook" erschienenen Aufsatz beschreibt der Medienwissenschaftler das "pathologische Ausmaß des Bekenntnisses zum echten Selbst". Wie solle denn produktive Kontroverse entstehen, fragt er, wie "ist eine lebendige öffentliche Debatte möglich, wenn jeder dein 'Freund' ist?"

"Das Entscheidende im Netz von heute", hat Loovink in einem Zeit-Interview gesagt, "sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion." Nach ihm, und hier greift er das Narzissmus-Motiv von Christopher Lasch explizit auf, "schauen die Menschen in einen neuen technischen Spiegel, der ihnen Auskunft darüber gibt, in welchem Maß sie lebendig sind. Ihr Existenzbeweis ist an Google und Facebook übergegangen."

Derjenige, der diesen Solipsismus-Verdacht am weitesten entwickelt hat, ist der Evolutions-Biologe an der University of Reading, Mark Pagel. Die These seines Anfang Februar 2012 publizierten Essays "Unbegrenzte Dummheit" lautet in Kürze: Die Evolution des Menschen wurde durch soziales Lernen, Kreativität und die beständige Suche nach Innovation genauso befördert wie durch natürliche Selektion. Durch soziale Netze werden Information und Wissen abgewertet.

Kopie habe Kreativität geräuschlos ersetzt. Denn man komme "einfach nicht mehr auf neue Ideen. Muss man ja auch nicht. Je mehr wie vernetzt sind, umso mehr können wir kopieren. Wir müssen nichts mehr erfinden, denn Google und Facebook lehren uns, dass neue Ideen leicht zu haben sind. Es könnte sogar sein, dass fügsame, gelehrige Kopisten jetzt erfolgreicher sind als diejenigen, die innovativ sind. Das hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben."

Widerständigere Bürger

Diesem Sound der Verdummung durch Selbstbespiegelung steht eine pragmatisch bilanzierende, aktivistische Sicht gegenüber, die genau andersherum beobachtet, "dass die Existenz von sozialen Online-Netzwerken, die Verbreitung von Mobiltelefonen und der freiere Zugang zum Internet die Menschen zu aktiveren, widerständigeren Bürgern macht", so Matthias Bernold und Sandra Larriva Henaine in ihrem gerade erschienen Buch "Revolution 3.0."

Oder wie Daniel Boese in seinem ebenfalls gerade erschienen Buch: "Wir sind jung und brauchen die Welt" festhält: "Die Chance, die das Internet bietet, ist es, genug Menschen rund um die Welt in einer Bewegung zu versammeln, um den Stillstand und das politische Schwarze-Peter-Spiel zu überwinden. Über das Internet als Werkzeug können sie ihre Stimme erheben. Sie können das Dilemma überwinden, dass es bis jetzt nicht genug politischen Willen gab - etwa, um eine Weltwirtschaft ohne fossile Energien möglich zu machen. Das Internet schafft es dagegen, Hunderttausenden eine Stimme zu geben. Soziale Bewegungen arbeiten jetzt auf zwei Ebenen gleichzeitig: weltweit und lokal."

Die soziale Bewegung entsteht gerade

Die beiden Bücher versammeln Porträts und Geschichten von eindrucksvollen Menschen wie der ägyptischen Video-Bloggerin Sarrah Abdelrahman, die erst mit der vom inzwischen entmachteten ägyptischen Präsidenten Mubarak angeordneten Internetblockade, "die politische Bedeutung der Informationstechnologie" erkannt hat. Von Bewegungen wird berichtet wie der "Arabellion", der Wucht des arabischen Frühlings, bis zum "Clictivism" und den globalen "Wake-Up-Calls".

Alle nehmen ihren Ausgang in vernetzter Kommunikation. "Wo zum Teufel ist sie denn, diese angebliche soziale Bewegung?", fragt Harald Welzer im Vorwort zu Boeses Buch und antwortet gleich: "Gerade im Entstehen." Wichtig sei es, "die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was gerade entsteht. Das mag einstweilen noch punktuell sein und wenig machtvoll erscheinen. Aber so haben alle sozialen Bewegungen begonnen, bevor sie die Welt verändert haben." Da ist sie wieder, die Aufmerksamkeit. Es gibt sie also. Doch noch.