Falschnachrichten Warum Fake News das Netz überschwemmen

Fake News zu produzieren, ist zum lukrativen Geschäftsmodell geworden. Das liegt auch an der Funktionslogik sozialer Medien.

(Foto: dpa)

Immer mehr Menschen in Niedriglohnländern denken sich absurde Nachrichten aus. Mit billigen Geschichten verdienen sie mehr Geld als mit billiger Kleidung.

Von Michael Moorstedt

Wer war der Mann, der am vergangenen Montag Feuer und Tod über Las Vegas brachte? Ein Linker? Ein Islamist? Mindestens. Man müsse nun "das Narrativ kontrollieren", hieß es nach dem Attentat im notorischen Troll-Forum 4chan. Die gar nicht mal so feine Ironie, dass ausgerechnet diejenigen, die immer gegen vermeintlich systemgesteuerte Mainstream-Medien wettern und Fake News schreien, nun selbst Nachrichten frei assoziieren, um damit den "Mainstream" zu kontrollieren, ist den selbsternannten Spin-Doktoren wohl entgangen.

Oder sie war ihnen egal, schließlich hatten sie Erfolg. Ihr Text, der einen falschen Namen, eine falsche Person und ein falsches Motiv nannte, landete auf dem ersten Platz in Googles Nachrichtensystem.

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Die Suchmaschine war mit dem Missgriff nicht allein: Im Facebook-Sicherheitscheck, den das Netzwerk nach dem jüngsten Terroranschlag für seine Nutzer freischaltete, fanden sich Texte von Alt-Right-Aktivisten, und auch auf der offiziellen Nachrichten-Seite von Youtube waren noch bis Ende der Woche Videos voll von Verschwörungstheorien an vorderster Stelle sortiert. Google und Facebook hätten die Menschen "im Stich gelassen", schrieb daraufhin das Magazin Atlantic. Ihre Filter funktionierten nicht mehr.

Mit ausgedachten Meldungen lässt sich gutes Geld verdienen

Diese Kritik ist zwar gerechtfertigt, sie greift aber zu kurz. Die Algorithmen mögen die gefälschten Artikel verzeihen oder vielleicht auch begünstigen, doch es sind immer noch Menschen, die diese Schlupflöcher ausnutzen. Manche aus politischer Motivation, andere dagegen aus rein wirtschaftlichem Interesse.

Man sei im "Zeitalter der billigen Informationen aus Übersee" angekommen, hieß es vergangene Woche auf Buzzfeed. Genau wie schon seit langer Zeit Klamotten und andere Konsumprodukte billig und in zumeist minderwertiger Qualität in Ländern mit niedrigen Lohnkosten hergestellt werden, ergeht es heutzutage der Informationsindustrie. Dass ausgerechnet jenes Nachrichtenportal diese Entwicklung anprangert, das mit läppisch produzierten Fragebögen und simplen Lifestyle-Listen zur Multi-Millionen-Medienmarke aufgestiegen ist, entbehrt zwar nicht einer gewissen Ironie, macht den Missstand an sich aber nicht weniger wahr.

Im vergangenen Jahr kam die mazedonische Kleinstadt Veles zu zweifelhaftem Ruhm, weil von dort aus mehrere Dutzend Pro-Trump-Facebookseiten mit sagenhaft hohen Klickraten betrieben werden. Teilweise erreichen die dort fabrizierten Artikel Zugriffszahlen, die die von "etablierten" Seiten wie Fox oder Breitbart in den Schatten stellen. Schon längst kann man hier Kurse besuchen, in denen man lernt, wie man am besten leichtgläubige Internetnutzer mit billigen Texten ködert. Doch auch in Georgien, Kroatien, Pakistan, Indien und auf den Philippinen ist das massenweise Produzieren von Fake News zum veritablen Geschäftsmodell geworden.

Je kontroverser und emotionaler, desto viraler die Verbreitung

Schon längst werden von dort nicht mehr nur politische Null-Nachrichten verbreitet. Egal, ob Gesundheitsthemen, Naturschutz, Religion oder Sport - alles, was nur annähernd kontrovers erscheint, eignet sich als Produkt der Klick-Fabriken. Die Masse macht's. Websites mit pseudo-seriösen, generischen Namen wie "MedicalHealthRecords.us", "HealthTimes.info" oder "GeneralHealthcare.co" werden im Gros registriert. Ihre Inhalte sind zur einen Hälfte abgeschrieben und zur anderen Hälfte frei erfunden. Lautschreierische Überschriften, verbunden mit ungefähr so viel Informationsgehalt wie geschreddertes Löschpapier, ist zu einer gewinnbringenden Kombination geworden.

Wenn man so will und wenn man die Sache von einem globalen, ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese Entwicklung sogar eine Erfolgsgeschichte. Wo diese Menschen früher noch eine Stufe niedriger in der digitalen Verwertungskette standen, nämlich als Überwacher von fragwürdigen Inhalten auf Facebook oder Youtube, fungieren sie jetzt selbst als deren Produzenten.

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