Falschmeldungen Schalke stellt Strafantrag

Auf den Webseiten von Schalke 04 und Wolfgang Schäuble wurden Falschmeldungen publiziert - und eine große Reichweite erzielt.

Von Jürgen Schmieder

Ausgerechnet Kevin Kuranyi. Von mehr als 400 Bundesliga-Profis haben die Hacker ausgerechnet den auserkoren, der ohnehin am ärgsten gebeutelt ist. Hinausgeworfen aus der Nationalelf, eine einstellige Chancenverwertungs-Quote, verschmäht von den eigenen Fans. Und dann diese Meldung auf der Homepage des FC Schalke 04: "Nach medienwirksamen und für den Verein untragbaren Äußerungen von Kevin gegen die Mannschaft war eine Freigabe unausweichlich." Kuranyi werde deshalb entlassen.

Ausgerechnet Wolfang Schäuble. Von fast 600 Bundestagsabgeordneten haben die Hacker ausgerechnet den auserkoren, der ohnehin stark gebeutelt ist. Kritisiert aufgrund von Bundestrojaner-Forderungen, wegen Bundeswehr-Einsätzen im Inland, teils verschmäht von Parteikollegen. Und dann gibt es auf seiner eigenen Homepage einen Link zum Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, einer Initiative von Datenschützern.

Sowohl die Nachricht von der Entlassung als auch der Link waren Falschmeldungen, die Homepages wurden am Mittwoch Opfer von Hackern. Es sei eine "widerrechtliche Veränderung der Webseite", hieß es aus dem Büro von Schäuble. "Mit krimineller Energie ist die Homepage des FC Schalke 04 gehackt worden", teilte der Club mit.

Beide Seiten zu knacken war offenbar kein großes Problem. Beide Websiten werden mit dem Content Management System Typo3 betrieben. Es ist eine quelloffene Software, die von Programmierern in aller Welt stets weiterentwickelt und von zahlreichen Agenturen verwendet wird. Bereits am Dienstag gab es Meldungen, dass in dem populären Softwarepaket eine Schwachstelle dafür sorgt, dass Hacker auf beliebige Daten auf einem Webserver zugreifen können. Auf diese Weise war es möglich, das Passwort zu erhalten und die Falschmeldung beziehungsweise den Link platzieren.

Die Lücke hätte bereits am Dienstag geschlossen werden können, nur reagierten die Verantwortlichen der beiden Homepages wohl zu spät. Es war eine Einladung für Hacker, den falschen Inhalt auf die Seiten zu stellen. Vermutlich sind die Hacker erst durch die Meldung von den Sicherheitslücken darauf gekommen, die Webseiten anzugreifen. Es ist, als würde in der Zeitung stehen, manche Wohungstüren in einer Stadt stünden offen.

Mittlerweile sind beide Homepages mit der neuesten Version von Typo3 ausgestattet. Es bestand keine Gefahr für andere Homepages, die nicht mit Typo programmiert werden oder sich den sogenannten Patch - eine Weiterentwicklung der Software - nach der Meldung vom Dienstag schnell herunterluden.

Man könnte die Eingriffe nun abtun als zwei lustige Streiche innerhalb weniger Stunden. Doch das sind sie nicht - es wirkte zu echt, was da auf den Homepages zu sehen war. Es war weniger "hacken", was da am Mittwoch passierte, sondern "cracken". Die Angreifer wollten nicht auf Sicherheitslücken der Homepages hinweisen, sondern gezielt den Personen Kuranyi und Schäuble schaden, weil viele Nutzer die Einträge als wahr empfinden konnten.

Es ist eine neue Form des Protestes, der sich da im Internet auftut. Anstatt einen unbeliebten Fußballer nur noch auszupfeifen und auf Plakaten zu diffamieren, kann nun mit einer einzigen Falschmeldung eine viel größere Reichweite erzielt werden. Die Hacker nehmen gar eine Gefängnisstrafe in Kauf. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Essen erklärte, dass der Angriff auf die Homepages vermutlich den Tatbestand der Datenveränderung (Paragraf 303a Strafgesetzbuch) erfülle. In dem Gesetz heißt es: "Wer rechtswidrig Daten löscht, unterdrückt, unbrauchbar macht oder verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Schalke 04 hat inzwischen Strafantrag gestellt. "Was jetzt passiert ist, hat unseren Verein und unseren Spieler getroffen, das kann aber jedem anderen Bundesligaverein und auch jedem Unternehmen passieren. Das ist alles andere als ein Kavaliersdelikt", sagt Präsident Josef Schnusenberg. Kuranyi selbst reagiert gelassen: "Ich habe beim Abendessen mit meiner Frau mein Handy auf lautlos gestellt und daher einige Anrufe gar nicht mitbekommen. Der erste Anrufer, mit dem ich dann gesprochen habe, berichtete mir von der Entwicklung und sagte bereits, dass es eine Falschmeldung ist. Ich habe mir dann auch überhaupt keine weiteren Gedanken gemacht."

Die Betreiber von Schäubles Webseite nahmen sie nach dem Entdecken des Eingriffs vom Netz, mittlerweile ist sie wieder verfügbar. Mit dieser einen Aktion erzeugten die Hacker mehr Aufmerksamkeit, als sie es durch Demonstrationen und Eierwürfe jemals hätten erreichen können - weil sie sich gerade im Internet so schnell verbreiten.

Bild.de etwa veröffentlichte die Nachricht von der Entlassung Kuranyis zunächst ungeprüft. Erst später folgte eine Richtigstellung. Viele fühlten sich erinnert an den Wikipedia-Eintrag über den CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg, dem der elfte Vorname "Wilhelm" zugedichtet worden war und zahlreiche Medien es übernahmen. Man darf eben nicht immer alles glauben, was man liest - ob nun in einer Zeitung oder im Internet.