Datenmissbrauch bei Facebook Die Heimlichtuerei muss ein Ende haben

Noch gibt es keine massentaugliche Alternative zu Facebook

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Skandal um die preisgegebenen Daten von Facebook zeigt: Persönliche Informationen sind bei den Internetkonzernen nicht sicher. Das muss sich ändern.

Kommentar von Vanessa Wormer

Lange waren Taschenlampen-Apps beliebt, mit denen das eingebaute Blitzlicht des Telefons als Taschenlampe genutzt werden kann. Doch wie viele Apps, so kann auch dieser vermeintlich harmlose Alltagshelfer meist noch mehr: auf den Standort des Nutzers zugreifen, auf die privaten Fotos, auf die Kamera, auf den Speicherplatz. Denn die Anwender räumen freimütig solche Rechte ein. Und die großen Digitalkonzerne wie Google, Facebook und Apple erlauben es sich selbst und den Entwicklern externer Anwendungen, möglichst viele Daten zu sammeln.

Die Daten von 50 Millionen Nutzern sollen abgeflossen sein

Der Schaden für den Einzelnen mag dabei immer erst einmal ein kleiner, individueller sein. Im Kollektiv wird der mögliche Datenmissbrauch aber zum gesellschaftlichen Problem. In vielen Fällen ist noch gar nicht absehbar, was in Zukunft alles möglich sein wird - und was jetzt schon alles möglich ist. Facebook musste vor wenigen Tagen eingestehen, dass Millionen Nutzerdaten unerlaubt an eine Privatfirma weitergereicht worden waren, welche die Daten für Donald Trumps Wahlkampf genutzt haben will. Hunderttausende Facebook-Nutzer hatten zuvor einer externen Anwendung auf Facebook erlaubt, auf ihre persönlichen Daten zuzugreifen. Der Spuk ging noch weiter: Die Anwendung konnte auch Informationen über die womöglich unwissenden Freunde dieser Nutzer erlangen. Die Daten von 50 Millionen Nutzerprofilen sollen so 2014 abgeflossen sein. Facebook hat die Betroffenen nicht darüber informiert.

Das passt in das Bild. Private Daten sind bei Internetkonzernen nicht wirklich sicher. Die großen Digitalfirmen versagen täglich darin, Kunden ernsthaft darüber aufzuklären, was mit ihren Daten passiert. Und die Nutzer haben keine wirkliche Wahlmöglichkeit. Sie können nur verzichten, wenn sie sich mit der Indiskretion unwohl fühlen. Das aber ist in einer auf digitale Kommunikation ausgerichteten Gesellschaft kaum praktikabel. Es gibt keine massentauglichen Alternativen zu Facebook, Apple und Google. Denn es ist diesen Konzernen gelungen, eine monopolisierte digitale Welt zu schaffen. Der Kunde ist in dieser Welt nicht nur Käufer, sondern auch Lieferant - von Informationen zu seiner Person. Auf dieser datenschutzrechtlich höchst fragilen Grundlage beruht der Erfolg der Konzerne. Und weil sich das so gut rechnet, fehlt es an massentauglichen Konkurrenzprodukten, welche die Privatsphäre wirklich schützen.

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Es ist jetzt an den Nutzern und an ihren politischen Vertretern, auf ihre Rechte zu pochen und eine grundlegende Wende einzuleiten. Die Plattformen müssen besser darüber aufklären, was mit den Daten passiert. Es reicht nicht, wenn sie den Nutzern auf Leuchtreklamen erklären, wie der Einzelne seine Erlebnisse nur noch mit ausgewählten Freunden teilen kann. Viel wichtiger wäre für die Anwender zu wissen, was mit ihren Spuren im Netz passiert, wie sie sich auch vor den Datenverwaltern selbst schützen können.

Datenschutzerklärungen der Dienste genügen nicht. Erreicht werden muss, dass die Plattformen standardmäßig nur so wenig Daten wie möglich sammeln dürfen - und der Nutzer noch viel öfter zustimmen muss. Beim Installieren einer Anwendung sollten also zuerst alle Optionen ausgeschaltet sein. Der aktuelle Fall zeigt zudem, dass oft Personen betroffen sind, die nie eine App heruntergeladen oder ihr Einverständnis erteilt haben. Der Nachrichtendienst Whatsapp beispielsweise hat auch Zugriff auf das komplette Adressbuch des Nutzers - ob die eingetragenen Kontakte bei Whatsapp registriert sind oder nicht, spielt keine Rolle. Der Einzelne hat es also überhaupt nicht in der Hand zu bestimmen, welche Plattform Informationen über ihn oder sie sammelt.

Die Datenschutzgrundverordnung, die von Mai an EU-weit gilt, geht hier einen Schritt in die richtige Richtung. Die Konzerne müssen ihre Nutzer besser aufklären. Für die Zukunft ist wünschenswert, dass sie weiterhin Daten teilen, dies aber mit mehr Umsicht tun. Denn zu dem Datenwust tragen alle bei, die kollektiven Informationen sollten also weiterhin für Wissenschaftler, Journalisten, Entwickler nutzbar sein. Schließlich kann daraus auch Gutes entstehen. Forscher beginnen gerade erst, die Datenschätze zu heben und mithilfe etwa von Facebook Aussagen über die Ungleichheit in der Gesellschaft zu treffen.

Aber: Die Nutzer müssen darüber Kontrolle haben, wie und von wem ihre Daten zu welchem Zweck genutzt werden. Sie müssen entscheiden können. Die Standardeinstellung muss sein: Der Nutzer hat die Wahl - und damit die Macht.

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