Erfinderpreis für Entwickler des QR-Symbols Mein Code, der hat drei Ecken

QR-Codes sind überall: Installation in Moskau

(Foto: REUTERS)

Masahiro Hara hat unseren Alltag verändert und die Automobil-Industrie revolutioniert. Und das nur, indem er einen rechten Winkel ignorierte. Dennoch kennt den Erfinder des QR-Codes kaum jemand. Jetzt erfährt er in Europa höchste Anerkennung.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Masahiro Hara hat die Automobil-Industrie revolutioniert. Dennoch kennt man den Erfinder des QR-Codes selbst in seiner Heimat Japan kaum. Sein Arbeitgeber "Denso", eine Toyota-Tochter und einer der größten Zulieferer der dortigen Auto-Industrie, hat die Lorbeeren für die Erfindung des 56-Jährigen bisher für das Unternehmen beansprucht. Erst seit der QR-Code Preise erhält, gesteht Denso ihm auch öffentlich ein Gesicht zu. Es gehört Hara. 2012 erhielt er in Japan eine Auszeichnung für gutes Design - und an diesem Dienstag in Berlin den Erfinderpreis des Europäischen Patentamts.

Der QR-Code ist jenes kleine Barcode-Quadrat, das man auf Bordkarten von Airlines, als Navigationshilfen, auf Plakaten oder in Museen zur Führung der Besucher sieht. Das japanische Visum enthält einen QR-Code, die Handy-Tickets der Bahn ebenfalls. Und seit es Smartphones gibt, kann man sich per eingebauter Kamera vom QR-Code direkt zu einer Webadresse leiten lassen.

Mit dem QR-Code kann man jede Art Text verschlüsseln. Das Quadrat fasst bis zu 7089 Ziffern, 2953 Buchstaben oder 1817 japanische Schriftzeichen - mehr als 300 Mal so viel wie traditionelle Strichcodes, wie sie etwa Lebensmittelpackungen seit langem tragen.

Als Hara im November 2012 den Besuchern der Ausstellung für gutes Design seinen preisgekrönten Code vorstellte, tat er das als bescheidener Fußsoldat seiner Firma. Und fast scheu. Er verlor kein Wort über sich als Erfinder, stattdessen pries er die fast universelle Anwendbarkeit des Codes, vor allem seit es Smartphones gebe. Das habe man sich nicht vorstellen können. Nach drei Minuten war er fertig, andere beanspruchten viel mehr Zeit für ihre Reden. Der Mann im Anzug fiel bloß durch seinen Mittelscheitel und die Spitzen seiner schwarzen Haare auf, die ihm in die Augen fielen. Dazu eine goldene Krawatte, viel mehr optische Individualität billigen traditionelle japanische Firmen ihren Mitarbeitern nicht zu. Umgekehrt fiele es einem Fußsoldaten wie Hara gar nicht ein, mehr Ruhm oder mehr Geld zu verlangen.

Den QR-Code hat Hara zu Beginn der 1990er-Jahre entwickelt, weil Denso mit dem gewöhnlichen Strichcode, den Einzelhandel und Post noch heute verwenden, an die Kapazitätsgrenze stieß. Der gewöhnliche, eindimensionale Barcode kann nur zwanzig Ziffern verschlüsseln.

Das reichte Denso und Toyota nicht mehr. Für "Kanban", das Etiketten-System der zeitlich genau abgestimmten Produktion von Toyota, brauchte man eine Methode, die sehr viel mehr maschinenlesbare Information erfasste. Und das schnell. "QR" steht dementsprechend für "quick response". Diese Methode entwickelte der damals junge Ingenieur Hara vor etwas mehr als zwanzig Jahren. Toyota führte Kanban bereits 1953 ein, zuerst mit von Hand beschrifteten Karten, später mit Strichcodes. Ziel war es, Autos ohne Materiallager zu bauen. Das verringerte Kosten und vermied Ausschuss. Allerdings musste Toyota seine Zulieferer dazu bringen, ihre Komponenten alle zur richtigen Zeit in der richtigen Zahl und Reihenfolge zu liefern. Das stellten die Autobauer mit den Kanban-Kärtchen sicher, die jedes Teil von Anfang bis zum Einbau begleiteten.

Die Ecke eines QR-Codes in der Nahansicht

(Foto: dpa)

Hara und seine vier Mitarbeiter, der Computeringenieur Takayuki Nagaya von Toyota, Motoaki Watabe, Tadao Nojiri und Yuji Uchiyama, experimentierten zunächst mit verlängerten Barcodes. Doch die brachten nicht viel. Also testeten sie zweidimensionale Codes. Auch das funktionierte nicht. Man konnte zwar viele Informationen reinpacken, aber der Scanner brauchte viel zu lange, um den Code zu lesen.

Inspiration vom Hubschrauberlandeplatz

In einem kurzen Film des Europäischen Patentamts erzählt Hara, wie er auf einem Spaziergang an einem Hochhaus mit einem Hubschrauberlandeplatz vorbeiging. Dieser hob sich markant von der gleichförmigen Fassade ab. Das brachte ihn auf die Idee, dass das Lesegerät für einen Code als Orientierungshilfe ein markantes geometrisches Muster brauche. Daraus entstanden die drei doppelten Quadrate in drei der vier Ecken jedes QR-Codes.

"Mit nur drei statt vier Ecken haben wir nur einen rechten Winkel, so kann das Gerät Größe und Ausrichtung des Codes leichter erkennen", sagt Hara. Er habe Tausende Schriften und Zeichen aus der ganzen Welt nach einem Symbol durchsucht, das noch nirgendwo verwendet wurde. Dabei kam er auf das Quadrat mit dem schwarzen Rahmen und einem ausgefülltes schwarzen Quadrat im weißen Inneren. Sein Kollege Nagaya errechnete Methoden für die Fehlerkorrektur, damit auch verdreckte oder beschädigte Codes lesbar blieben.

1994 publizierten die beiden ihre Erfindung. Haras Arbeitgeber Denso hat den QR-Code patentiert, verzichtet aber explizit auf die Durchsetzung seiner Rechte. Damit ist der QR-Code weltweit frei verfügbar und standardisiert. Diverse Anwendungen helfen dabei, jeden beliebigen Text in das Muster umzuwandeln. Dafür hat Denso die Produktion von QR-Scannern, die für den Eigenbedarf der Firma entwickelt wurden, zu einem eigenen Geschäftszweig gemacht. Den gleichen Weg geht die Firma übrigens mit ihren Industrie-Robotern: Auch sie sind von der Entwicklung für den Eigenbedarf zum Denso-Produkt geworden.

Masahiro Hara und die anderen Gewinner des Erfinderpreises des Europäischen Patentamtes werden in der Mittwochsausgabe der Süddeutschen Zeitung auf Seite 24 wie auch in der digitalen Ausgabe auf dem iPad vorgestellt.