Entwicklerkonferenz I/O Google entdeckt die Macht der Kamera

Google-Chef Sundar Pichai während Googles Entwicklerkonferenz I/O (kurz für Input/Output) in Mountain View.

(Foto: AFP)
  • Auf der Google Entwicklerkonferenz I/O debütiert die visuelle Smartphone-Suche "Google Lens".
  • Weitere Ankündigungen: Der Orga-Helfer "Google Assistant" kann bald deutsch und kommt für Apple-Geräte.
  • Der schlaue Lautsprecher und Amazon-Echo-Konkurrent "Google Home" kommt ebenfalls in Deutschland auf den Markt.
Von Johannes Kuhn

Drei große Trends verändern gerade unseren digitalen Alltag: Smartphones haben Desktop-Rechner als bevorzugte Endgeräte abgelöst, die großen US-Firmen von Amazon bis Microsoft experimentieren mit Sprachsteuerung und lernende Software (oder auch "AI"/"KI", "Künstliche Intelligenz") erledigt kleine und größere Aufgaben für den Endnutzer.

Was Google am Mittwoch während der jährlichen Entwicklerkonferenz I/O in Mountain View präsentierte, ist das Resultat dieser Veränderungen. Ein Überblick der wichtigsten Neuerungen.

Google Lens - neuer Anlauf mit der Bildersuche

Google hat schon mehrere Versuche unternommen, die visuelle Suche in den Mainstream zu überführen; Veteranen der Android-Frühzeiten erinnern sich vielleicht noch an die Bilderkennungs-App "Google Goggles". Nun gibt es mit "Google Lens", das in die Orga-Software Google Assistant und die Foto-App "Photos" integriert wird, einen weiteren Anlauf.

"Google Lens" erkennt zum Beispiel Objekte im Suchfeld der Handykamera und schlägt Handlungen vor oder schreitet selbst zur Tat. Wer eine Blume fotografiert, bekommt nicht nur den Namen der Art angezeigt, sondern kann sich auch zum Floristen in der Nähe führen lassen. Das Scannen des WiFi-Codes am Boden des Routers sorgt dafür, dass das Smartphone sich gleich dort anmeldet. Zudem sollen Fotos mit der Google-Linse verschwommene Motive noch besser "schönrechnen" und bald sogar automatisch Foto-Hindernisse weg retuschieren - statt der Smartphone-Kamera rückt die Software in den Mittelpunkt.

Wie weit entwickelt Googles trainierte Bilderkennung ist, zeigt auch das vorgestellte "Virtual Positioning System" (VPS), eine Kombination aus der Augmented-Reality-Plattform "Tango" und Google Maps. VPS soll in geschlossenen Räumen die Navigation ermöglichen, indem es dort die Objekte scannt und mit einer Datenbank abgleicht. So können Nutzer beispielsweise in Supermärkten bestimmte Produkte leichter finden, wenn sie beim Laufen durch ihr Smartphone gucken.

Dem Trend zu schlauen Linsen folgt die ganze Branche, unter anderem will Facebook die Kamera stärker zur Identifikation, zur Veränderung von Bildern und zur Einblendung digitaler Objekte verwenden. Das ist auch eine Reaktion auf Snapchat.

Android O - kleine Veränderungen geplant

Zunächst in der Beta-Version erhältlich, ab Sommer für alle zugänglich, aber noch ohne Spitznamen: "Android O" ist die neueste Version des Smartphone-Betriebssystems, mit dem derzeit zwei Milliarden aktive Geräte ausgestattet sind.

Die Veränderungen, die Google vorstellt, sind vor allem Details, die den Alltag erleichtern sollen. Eine Bild-in-Bild-Funktion erlaubt zum Beispiel künftig in Videochats, nebenbei Notizen zu machen oder im Kalender zu blättern. Android O ermöglicht dann auch das automatische Ausfüllen von Passwörtern bei Apps, die nicht von Google stammen. Die Benachrichtigungen bei Apps erhalten kleine Sprechblasen, so dass ein ständiges Aufrufen nicht mehr nötig sein wird.

Im Play-Store verspricht Google mehr Sicherheit, bei Batterien mehr Laufzeit und mit der Light-Version "Android Go" eine Optimierung für rechenschwache Smartphones (Speicher von 512 Megabyte/ein Gigabyte). Wie immer lassen sich solche Versprechen erst seriös beantworten, sobald das "O"-Update verfügbar ist. Und hier sind viele Nutzer weiterhin vom Zeitplan von Herstellern oder Providern abhängig.

Google Assistant spricht deutsch und kommt für iOS

Die Organisations- und Bedienungs-Software Google Assistant hat derzeit CEO Sundar Pichai zufolge 100 Millionen Nutzer. Damit es mehr werden, werden in den kommenden Monaten weitere Sprachen freigeschaltet, darunter auch deutsch. Außerdem ist die App nun auch für Apples iOS-Geräte erhältlich. Die Öffnung des Assistenten für Entwickler soll die Steuerung von weiteren Geräten und Programmen ermöglichen. Die Befehlszentrale im Smartphone- und Sprachsteuerungs-Zeitalter zu werden, ist ein großes Ziel von Firmen wie Microsoft (Cortana), Apple (Siri) oder Amazon (Alexa). Um die Bedienung in lauten Umgebungen zu vereinfachen, sind beim Google Assistant künftig allerdings auch getippte Befehle möglich.

Google Home schickt visuelle Antworten

Googles befehlsempfangender Lautsprecher Home, der Konkurrent von Amazons Echo, soll im Sommer auch in Deutschland auf den Markt kommen. Details zu Preisen gibt es noch nicht, in den USA kostet das Gerät 130 US-Dollar. Funktionale Updates gibt es mit einer Telefonfunktion ("Ruf Mama an" leitet zum Beispiel einen Anruf bei der Mutter ein), die Integration von Spotify, Deezer und SoundCloud sowie der Anzeige von visuellen Antworten, falls ein Bildschirm in der Nähe ist - man denke an einen Kalender oder Google Maps. Zudem wird "Home" jetzt selbst aktiv, zum Beispiel, wenn das Gerät auf einen Termin hinweist oder auf der Strecke dorthin durch Stau Verzögerung droht.

Hardware präsentierte Google, das sich weiterhin mit eigenen Geräten schwer tut, an diesem Mittwoch nicht. Die Virtual-Reality-Software Daydream wird auf dem Samsung Galaxy S8 und auf den nächsten Premium-Smartphones von LG laufen. Eigene Datenbrillen sollen gemeinsam mit Partnern produziert werden.

Die Neuerungen überdecken wie immer, dass Google sein Geld weiterhin vor allem über die Textsuche verdient und damit die goldene Gans des Mutterkonzerns Alphabet bleibt. Im vergangenen Quartal konnte Alphabet 5,43 Milliarden US-Dollar Gewinn ausweisen, die Wachstumsraten lagen in Profit wie Umsatz bei mehr als 20 Prozent.

Dieses Wachstum hängt wohl auch damit zusammen, dass die Firma die Zahl der Anzeigenplätze in den mobilen Suchergebnissen stark ausgebaut hat. Ein Erfolg der visuellen Suche auf Smartphones könnte weitere Möglichkeiten für Werbe-Anzeigen schaffen.