Enthüllungsplattform Anonymous will Wikileaks Konkurrenz machen

Die Enthüllungsplattform Wikileaks meldet sich mit der Veröffentlichung eines alten Guantanamo-Handbuchs zurück. Spannender ist die Ankündigung, Material zu US-Geheimgefängnissen in Europa publizieren zu wollen. Chef-Enthüller Julian Assange könnte allerdings bald neue Konkurrenz erhalten - aus den Reihen von Anonymous.

Von Johannes Kuhn

Kein "Megaleak", eher ein Lebenszeichen: Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat angekündigt, in den kommenden Tagen mehr als hundert geheime US-Dokumente zum Umgang mit Militärgefangenen zu veröffentlichen. Als erstes stellte die Organisation ein Handbuch aus dem Jahr 2002 online, das Instruktionen für die Aufseher des Gefangenenlagers Guantanamo beinhaltet.

In der Anleitung, die noch aus der Anfangszeit des Lagers zu stammen scheint, sind Regeln für die Behandlung der Gefangenen und Zuständigkeiten der einzelnen Diensthabenden festgelegt. Wer mögliche Hinweise auf die Institutionalisierung der später enthüllten Foltermethoden sucht, wird in diesem Dokument allerdings nicht fündig: An mehreren Stellen ist davon die Rede, dass Gefangenen keine Gewalt angedroht und angetan werden soll.

Da der Hochlade-Mechanismus der Seite seit mehr als zwei Jahren außer Betrieb ist, dürfte es sich bei den Wikileaks-Dokumenten um älteres Material handeln. Ob es aus dem Datensatz stammt, der bereits für andere Enthüllungen amerikanischer Militärinformationen genutzt wurde, ist unklar. Der US-Soldat Bradley Manning wird beschuldigt, geheime Materialien an Wikileaks weitergegeben zu haben und steht deshalb vor einem Militärgericht.

Anweisungen zur Gefangenenbefragung

Die Enthüllungsplattform veröffentlichte bereits 2007 spätere Versionen des Handbuchs. Diese stammen aus den Jahren 2003 und 2004. Dort sind detailliertere Anweisungen zu finden, unter anderem ist dort indirekt festgelegt, dass das Internationale Rote Kreuz bestimmte Gefangene nicht zu Gesicht bekommen soll.

Zu diesem Zeitpunkt hatte General Geoffrey Miller das Kommando im Lager übernommen. Während er Leiter des Gefängnisses war, sollen Insassen misshandelt worden sein. Als er im Sommer 2003 die Aufsicht über das irakische Militärgefängnis Abu Ghraib erhielt, kam es dort zu einem Folterskandal. Das nun von Wikileaks publizierte Dokument legt nahe, dass es erst zu Millers Amtszeit zu einer Verschärfung der Situation kam.

Neben der Guantanamo-Akte will Wikileaks auch Dokumente zu Militärgefängnissen im Irak und in Europa veröffentlichen, heißt es in einer Pressemitteilung. Diese sollen Anweisungen zur Gefangenenbefragung enthalten und Beweise dafür liefern, dass die US-Geheimdienste noch 2008 die Anweisung erhielten, Aufzeichnungen von Verhören in der Regel innerhalb von 30 Tagen zu vernichten. Diese Regel hat die Obama-Regierung Wikileaks zufolge wieder außer Kraft gesetzt.

Anonymous plant eigene Plattform

In diesem Jahr hat Wikileaks bislang erst zwei Datensätze ins Netz gestellt: Anfang des Jahres publizierte die Seite fünf Millionen E-Mails des umstrittenen privaten Nachrichtendienstes Stratfor, die Unbekannte bei einem Hackerangriff erbeutet haben sollen. Im Sommer veröffentlichte Wikileaks 2,4 Millionen E-Mails syrischer Behörden und Organisationen. Beide Aktionen blieben ohne große Resonanz.

Wikileaks-Gründer Julian Assange befindet sich derzeit in der ecuadorianischen Botschaft in London. Das südamerikanische Land hat ihm diplomatisches Asyl gewährt, um eine Auslieferung an Schweden zu verhindern. Der 41 Jahre alte Australier steht unter dem Verdacht, dort zwei Frauen sexuell genötigt und eine der Frauen vergewaltigt zu haben.

Vor wenigen Tagen distanzierten sich Mitglieder der Internet-Aktivistengruppe Anonymous von Assange. In einem im Web veröffentlichten offenen Brief warfen sie dem Plattform-Gründer vor, nicht mehr die ursprüngliche Idee zu verfolgen. Als Belege führten sie PR-wirksame Treffen Assanges mit Prominenten, aber auch die Einführung eines Banners über veröffentlichten Dokumenten, das nur mit einer Spende oder einer Nachricht auf Twitter oder Facebook wieder ausgeblendet werden konnte. " Es war eine grandiose Idee, die von Egos ruiniert wurde", hieß es in einem der bekanntesten Anonymous-Accounts bei Twitter.

Anonymous-Mitglieder haben inzwischen angekündigt, selbst eine Whistleblower-Plattform zu starten. Diese soll "Tyler" heißen und bereits kurz vor Weihnachten online gehen. Die Sicherung der Daten soll über die dezentrale Peer-to-Peer-Technologie erfolgen. Dies soll eine vollständige Löschung des Materials oder eine Schließung der Plattform unmöglich machen.