Ende des Google Reader Kapitulation vor den sozialen Netzen

Bald Geschichte: der Google Reader

(Foto: Google)

Nach acht Jahren stellt Google den populären Webdienst Google Reader ein, mit dem sich Webseiten abonnieren ließen. Es ist ein Schritt, der viele der loyalsten Kunden des Konzerns verärgert. Auch weil Google damit der Konkurrenz von Twitter und Facebook nachgibt.

Von Pascal Paukner

Es war eine denkwürdige Veranstaltung, die sich im Oktober 2011 in der amerikanischen Hauptstadt Washington abspielte. Vor der Niederlassung des Internetunternehmens Google liefen Demonstranten auf, um gegen eine Entscheidung des Unternehmens zu protestieren. Es ging dabei nicht um die Aushöhlung der Privatsphäre, die dem Konzern immer wieder vorgeworfen wurde. Auch waren es nicht wütende Verleger, die gegen das Geschäftsmodell des Suchmaschinenunternehmens protestierten. Es waren Nutzer des Webdienstes Google Reader, die mit allerlei kreativen Plakaten gegen das Abschalten einer populären Funktion des RSS-Readers demonstrierten.

Nun, anderthalb Jahre später, könnte sich dieser Protest in verschärfter Form wiederholen. Diesmal ist es nicht nur eine Funktion, die Google abschafft. Es ist das ganze Produkt. Mit Beginn des Monats Juli werde der Reader eingestellt, teilte Google in einem Blogeintrag am Mittwochabend mit. Obwohl der Dienst über eine loyale Anhängerschaft verfüge, sei die Zahl der Nutzer über die Jahre gesunken. Nun sei damit Schluss, hieß es in der Begründung, die kaum jemand zufriedenstellen konnte. Und auch niemand zufriedenstellte.

Innerhalb weniger Stunden sammelte eine Petition zum Erhalt des Dienstes fast 25.000 Unterschriften. In Blogeinträgen und Tweets zeigten sich viele Nutzer fassungslos über die Entscheidung. Vor allem Journalisten und Blogger dürften den Äußerungen nach zu den loyalen Nutzern gehört haben. Das ist kaum verwunderlich.

Schneller und übersichtlicher Nachrichtenüberblick

Google hatte den Reader 2005 als schnellen, einfachen und übersichtlichen RSS-Reader veröffentlicht. Mit der RSS-Technologie (Really Simple Syndication) lassen sich Nachrichtenquellen mittels eines RSS-Readers an einem zentralen Ort bündeln. Es ist dann nicht notwendig, permanent diverse Nachrichtenseiten oder Blogs anzusurfen und nachzusehen, ob ein neuer Artikel veröffentlicht wurde. Sondern die Artikel - oder Ausschnitte davon - laufen automatisch im Feedreader ein. Das erleichtert vor allem für Menschen, die sehr viele Informationen gleichzeitig überblicken müssen, die Arbeit.

Erfolgreich war der Google Reader vor allem deshalb, weil das Konzept nicht nur im Konsum von Inhalten bestand, sondern weil der Service bis zum Oktober 2011 auch ein soziales Netzwerk war. Interessante Inhalte ließen sich mit Followern teilen. Es ist ein Prinzip, für das seit dem Aufstieg der sozialen Medien vor allem Twitter und mit Einschränkungen auch Facebook bekannt ist.

Für Google entwickelte sich daraus eine paradoxe Situation: Einerseits wurde der Google Reader immer populärer und zur Standard-Software für die RSS-Technologie. Andererseits geriet das Unternehmen im Social Web unter Druck, weil RSS zwar an Bedeutung für das Web gewann, aber die große Masse der Nutzer nichts davon wissen wollte.

Alternativen stehen bereit

Als sich Google dann mit Google Plus daran machte, im Social Web zu Facebook und Twitter aufzuschließen, war das der Anfang vom Ende des Google Reader. Die guten Mitarbeiter wurden für Google Plus abkommandiert. Der Reader existierte als Nischenprodukt weiter, wurde aber nicht weiterentwickelt.

Jetzt hat sich Google dazu entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Für den Google Reader bedeutet es das Aus, aber RSS wird weiterleben. Möglicherweise verbessert sich die Situation für RSS-Nutzer mittelfristig sogar. Die Entwickler der RSS-Reader Reeder und Press haben bereits angekündigt, an Alternativen zu arbeiten. Feedly will Ersatz für die populäre Datenschnittstelle schaffen. Und mit The Old Reader (und vielen weiteren Alternativen) gibt es schon jetzt einen Dienst, der verspricht: "Es ist wie der alte Google Reader, aber besser."