Handy, Auto, DVD: Wie uns die Hersteller mit unnötigen Funktionen das Leben schwer machen - und was sie sehr schnell von der Generation 50plus lernen könnten.
Auf meinem Schreibtisch und wahrscheinlich auf dem von Millionen anderer Menschen auf dieser Welt steht das Telefon eines großen Elektrokonzerns. Cremefarben, schlichtes Design aus den frühen 90ern, ein kleines Display, an dem sich die Nummer des Anrufers ablesen lässt sowie neben den Ziffernfeldern 14 weitere kleine Tasten. Bis heute weiß ich nicht, wozu die gut sind. Es soll auch einen Anrufbeantworter in diesem Gerät geben.
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Sicher erfüllen die Tasten wichtige Funktionen, die das Telefonieren erleichtern. Von dem schicken Display einmal abgesehen, das die Nummer des Anrufers zeigt, weshalb man inzwischen die ewigen Nörgler und Besserwisser kaltstellen kann, brauche ich aber eigentlich nur den Hörer und das Zahlenfeld.
Manchmal drücke ich zum Vergnügen die Tasten. Dann erscheint auf dem Display "Parken" oder "Anruf übernehmen nicht möglich". Parken? Wo? Anruf?
In solchen Momenten wäre ich am liebsten Klaus Wuttig. Der ist pensionierter Ingenieur in Berlin. Früher hat er dafür gesorgt, dass die Arbeitsplätze in seiner Firma ergonomisch gestaltet waren - die Drehstühle fünf Beine hatten, der Bildschirm richtig ausgeleuchtet war.
Heute testet er zum Vergnügen: Für das Projekt "Seniorengerechte Technik im Alltag" am Institut für Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Berlin prüft Wuttig Handys, Videorekorder und Blutdruckmessgeräte. Ihm und den anderen Testern macht es Spaß, unnötige Knöpfe und sonderbare Gebrauchsanleitungen anzuprangern. "Muss das Display so blenden?" trompetet Wuttig einem eingeschüchterten Vertreter entgegen, der ein neues Handy speziell für Senioren vorbeigebracht hat.
Mit einem kurzen Blick hat der resolute Rentner die Schwachstellen des Senioren-Handys diagnostiziert. Er ist Experte, seine Tochter lebt im Ausland, und da ist es am einfachsten, per SMS zu kommunizieren. Das große Display sieht auf den ersten Blick zwar gut aus, die Tastatur übersichtlich. Dann aber stellt Wuttig fest, dass man zwischen zwei Buchstabenfeldern von A bis K und L bis Z hin- und herspringen muss. "Schreiben Sie da mal eine SMS mit dem Wort Azteken!", ruft Wuttig dem Vertreter zu.
So schlecht wie Wuttig das Handy macht, müsste der Vertreter vor Scham in den Boden versinken. Andererseits könnte seine Firma dem Pensionär dankbar sein. Schließlich will die das Senioren-Handy demnächst auf den Markt bringen, in hohen Stückzahlen.
Allerdings scheinen sich die meisten Hersteller nicht dafür zu interessieren, was ältere Menschen wirklich kaufen wollen. Warum würden sie sonst Telefone entwickeln, deren Funktionsweise man trotz naturwissenschaftlichen Studiums nicht kapiert? Welcher ältere Mensch will ein Handy besitzen, bei dem es schier unverständlich ist, wie man die Mailbox einstellt, so dass sie nicht schon nach viermal, sondern erst nach siebenmal Klingeln meldet? Bei dem es ohne langem Studium der Bedienungsanleitung unmöglich ist, den Klingelton von "basic tune" auf "torrero" umzustellen?
Snake II zu spielen, Sätze aufzusprechen und einen Brieftaschencode (Was ist das?) einzugeben: das ist dagegen ein Kinderspiel. Besagtes Handy ist angeblich besonders benutzerfreundlich.
Insofern ist es gut, dass es Klaus Wuttig gibt. Er vertritt eine wachsende Gruppe von Menschen. "50plus" heißen sie im Jargon der Marketing-Leute.
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