Droh-Tweets gegen Feministin Wie zehn Pfund auf Twitter Hass schüren

Caroline Criado-Perez setzt sich für mehr Frauen auf britischen Geldscheinen ein. Für ihren Erfolg wurde die Aktivistin bei Twitter aufs Übelste beschimpft. Längst geht es nicht mehr um die Zehn-Pfund-Note. Sondern um die Freiheit aller in sozialen Medien.

Von Lena Jakat

Wie, Frauenmangel? Auf den ersten Blick mag sich der unbedarften Betrachterin britischer Pfund-Scheine dieses Problem nicht erschließen, schließlich lächelt Elisabeth II. huldvoll von jeder Banknote. Beim zweiten Hinschauen aber wird klar: Bei den Porträts auf der Rückseite der Scheine sind die Frauen deutlich unterrepräsentiert: Die christliche Wohltäterin Elizabeth Fry ist nicht nur auf den Schein mit dem niedrigsten Wert verbannt, sondern aktuell als weibliches Schmuckbild allein unter fünf Männern. Doch dieser Unstand selbst ist längst nicht mehr das Thema. Wegen Fry wird - zumindest indirekt - derzeit heftig über mehr Sicherheit bei Twitter diskutiert. Dem voran gingen Ereignisse, die wohl auch die 1845 verstorbene Sozialaktivistin Fry auf den Plan gerufen hätte.

Aber von vorn: Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine andere Frau, die sich 200 Jahre nach Fry für gesellschaftlichen Wandel einsetzt: Caroline Criado-Perez, britische Journalistin und Feministin, die unter anderem das Portal thewomensroom.org gegründet hat. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen setzte sich Criado-Perez dafür ein, dass nach der Ersetzung von Fry durch die neue Fünf-Pfund-Note mit einem Porträt von Winston Churchill im Jahr 2016 überhaupt noch eine Frau neben der Queen auf die Pfundnoten gedruckt wird. Mit Erfolg: Am Mittwoch teilte die Bank of England mit, dass die Schriftstellerin Jane Austen von 2017 an die Zehn-Pfund-Note zieren werde.

Eigentlich könnte die Geschichte mit diesem hübschen kleinen feministischen Happy End zu Ende sein. Criado-Perez wird überschwemmt mit Medienanfragen und Glückwünschen, sie freut sich über ihren Erfolg. Doch es kommt ganz anders: Gleichzeitig formiert sich bei Twitter eine Welle sexistischen Hasses. Man müsste ihr nur "ordentlich was in den Arsch rammen, dann geht's ihr wieder gut", schreiben ihr Nutzer. "Kommt alle mit im Vergewaltigungszug." Oder: "Hätte nichts dagegen, die Schlampe an meinen Herd zu fesseln."

48 Stunden lang wurde die Aktivistin Opfer von wiederholten Gewaltandrohungen. Sogar ihre angebliche Privatadresse wird herumgereicht. Am Samstag schildert sie ihre Erfahrungen im politischen Magazin New Statesman:

This has been my life for the past three days: a mixture of overwhelming pride at what we can achieve when we stick together - and overwhelming horror at the vehement hatred some men still feel for women who don't "know their place".

Doch glücklicherweise kennt Criado-Perez ihren Platz als feministische Aktivistin bestens. Und so dauerte es nicht lange, bis sich prominente Unterstützer zu Wort melden. So groß ist die Empörung, dass manche sogar zum Twitter-Boykott aufrufen - zumindest für den Fall, dass das soziale Netzwerk nichts gegen solche aggressiven Hass-Wortmeldungen unternimmt. Der Comedian Dara O'Briain zum Beispiel twittert:

Eine Petition soll Twitter dazu bringen, Beschwerden über Drohnachrichten zu vereinfachen: Durch einen Melde-Missbrauch-Button.

Bis Sonntag 13 Uhr haben bereits 21.361 Menschen die Petition unterzeichnet, die Rückendeckung für Criado-Perez ist enorm. Dem Observer sagt sie, sie sei überwältigt von der Unstützung. "Viele Menschen sagen mir, wie inspiriert sie sich von meiner Haltung in dieser Sache fühlen."

Auch die Politik hat sich eingeschaltet. Die Labour-Abgeordnete Stella Creasy forderte Twitter zum Handeln auf. "Es geht darum, Twitter zu einem Ort zu machen, den jeder genießen kann." Ihr Labour-Kollege Steve Rotheram äußerte die Hoffnung, dass die Polizei angemessen reagieren würde:

Kritikern, die in einem Report-Abuse-Button die Redefreiheit auf Twitter bedroht sehen, entgegnen Criado-Perez und ihre Unterstützerinnen mit deutlichen Worten.

Criado-Perez kann sich bereits über einen ersten Erfolg freuen. Vier Tage nach Vorstellung der neuen Pfundnoten, dieser kleinen, aber feinen Tatsache, in deren Folge sich so erschreckend viel Aggression Bahn brach, verkündet der britische Twitter-Chef Tony Wang, man prüfe den Melde-Missbrauch-Button. Über Twitter, natürlich.