Dokumentation auf Arte Eine neue Generation der Beweisführung

Digitale Ermittler der Firma „Forensic Architecture“ gehen Spuren nach, die Angriffe des israelischen Militärs zeigen sollen.

(Foto: Jonathan Saruk)

Der Film "Truth Detectives" zeigt, wie Ermittler mit digitalen Mitteln Beweise für Menschenrechtsverletzungen finden. Auch die Bewegungen von Spinnen helfen dabei.

Von Hakan Tanriverdi

Ana Guatame sieht sich den Stecken an, den sie gerade aus dem Boden gezogen hat. Sie sieht menschliche Haare. Sie und ihr Team könnten am richtigen Ort sein, glaubt Guatame. Sie riecht an der entnommenen Probe: Verwesungsgeruch. "Treffer", sagt sie; sie könnten auf eines der nicht gekennzeichneten Gräber gestoßen sein, in dem kolumbianische Paramilitärs Menschen begruben, die sie in den vergangenen Jahrzehnten entführt hatten.

Guatame arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Equitas. In Kolumbien ließen Paramilitärs Tausende Menschen gewaltsam verschwinden. Die Vereinten Nationen klassifizieren das als psychologische Folter, die Angehörigen haben ein Recht auf Aufklärung. Die Mehrzahl der Vermissten wurde an schwer zugänglichen Stellen begraben, die sich nicht ohne Weiteres finden lassen.

In der Dokumentation Truth Detectives werden Menschen und Organisationen begleitet, unter anderem Equitas und Guatame, die dank neuer Werkzeuge Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen aufdecken, belegen und international zur Anklage bringen wollen. Die Filmemacher porträtieren dabei nicht nur Aktivisten und deren Arbeit, sondern vielmehr eine neue Generation der Beweisführung mit digitalen Mitteln: mit Smartphones, in sozialen Netzwerken, mithilfe von künstlicher Intelligenz und leistungsfähigen Rechnern für komplexe Visualisierungen.

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Wie also hat Equitas die Gräber in Kolumbien gefunden? Die Organisation verlässt sich auf digitale Technik, mit der sich die Welt heutzutage neu vermessen lässt. Ein Algorithmus, den Forscher ursprünglich dazu entwickelten, um die Bewegungen einer Spinnenart zu berechnen, könnte vielleicht auch Rückschlüsse darauf zulassen, wie sich Paramilitärs durch den Dschungel von Kolumbien bewegen. Denn ganz so willkürlich bewegen diese sich nicht fort. Es gebe ein Muster - Höhe, Vegetation, Zugang zu Wasser zum Beispiel -, aus dem sich Rückschlüsse ziehen lassen.

Dass diese Art der digitalen Ermittlung erfolgreich sein kann, zeigt auch der Fall des Islamistenführers Ahmad al-Mahdi. Dieser ließ in Timbuktu Mausoleen zerstören, Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) verurteilte ihn wegen Kriegsverbrechen zu neun Jahren Haft.

Videoaufnahmen und digitale Rekonstruktionen der Bauwerke ermöglichten es den Anklägern, al-Mahdi als Täter zu überführen. Sie kreierten 360-Grad-Panoramabilder und glichen diese mit Videos ab, auf denen al-Mahdi seine Taten begründet. Religiöse Propaganda, die Jahre später als Beweismittel dient. Satellitenbilder, die zeigen, wann die Bauwerke genau zerstört wurden. Erdrückend viele Indizien. "Wir zeigen den Richtern eine Geschichte", sagt Fatou Bensouda, Chefanklägerin am ICC. "Sie müssen sich nichts mehr vorstellen. Sie können es sehen."

Anklagepunkte, untermauert durch digitale Artefakte. Dass diese grundsätzlich gefälscht werden können, und wie Ankläger damit umgehen, wird zwar als Problem angeführt, aber nicht weiter diskutiert. Dabei gefährdet derjenige, der es schafft, den Anklägern ein gefälschtes Bild unterzujubeln, das gesamte Verfahren.

Die Dokumentation zeigt auch die Arbeit von Gruppen in der Ukraine und in Israel. Forensiker wollen zeigen, wie brutal das israelische Militär während des Gazakriegs 2014 vorgegangen ist. Euromaidan SOS hingegen versucht, Beweise zu sammeln, die Kriegsverbrechen während des Konflikts in der Ostukraine dokumentieren, zum Beispiel, dass ein Kinderkrankenhaus mit einer Granate beschossen wurde.

Auch Euromaidan organisiert seine Informationen über weite Teile aus dem Netz. In einer Datenbank werden Informationen gesammelt, zum Beispiel Bilder auf Facebook. Diese Bilder müssen anschließend auf ihre Echtheit hin geprüft werden. Dafür reisen die Aktivisten auch direkt vor Ort und sprechen mit Augenzeugen. "Ich trage Geschichten von Hunderten Opfern in mir", sagt Oleksandra Matviychuk von Euromaidan SOS. Sie hoffe sehr, dass diejenigen, die für den Krieg im Donbass verantwortlich seien, vor Gericht stehen werden. Einmal im Jahr versammeln sich die ICC-Mitgliedsstaaten, um über die Menschenrechtslage zu diskutieren. Euromaidan wurde eingeladen.

Truth Detectives, Arte, 21.45 Uhr.

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