Digitalkonferenz SXSW Fünf Lehren für die Zukunft

Vorführung bei der South-by-Southwest: Warum nicht mal mit einem Roboter-Skelett vor die Tür gehen?

In Austin geht am Dienstag der digitale Teil der South-by-Southwest zu Ende. Von den Anti-NSA-Strategien der amerikanischen Tech-Gemeinde über Visionen von implantierten Sensoren bis zur Gesundheitsvorsorge: Fünf Dinge, die uns weiter beschäftigen werden.

Von Johannes Kuhn, Austin

Fünf Tage, 30.000 Besucher, hunderte Veranstaltungen: Am Dienstag geht das Digital-Festival South-by-Southwest Interactive in Austin, Texas zu Ende. Es war eine stark international besuchte Konferenz, auf der längst auch Branchen jenseits des Kernpublikums vertreten sind. Bei der Vielzahl der Debatten, Ideen und Gespräche ist ein Überblick schwer - hier der Versuch, die wichtigsten Erkenntnisse zu sammeln.

1. Vergesst das "nächste große (App-)Ding"

Wer auf der Suche nach dem Hype der Stunde war, reist enttäuscht von der SXSW ab. Keine App, kein Projekt ragte heraus. Anonyme soziale Netzwerke wie Whisper und Secret mögen zwar in der Branche ein Thema sein, spielen aber außerhalb der medialen Tech-Blase keine Rolle. "Wir sind noch dabei, zu lernen", erklärte Secret-Gründer David Byttow auf Fragen zu Strategie und Weiterentwicklung hin - und steht damit stellvertretend für die Ausprobier- und Anschubphase, in der sich viele ähnliche Dienste befinden. Weil gerade aber viel Investorengeld fließt und eine allgemeine Aufgeregtheit herrscht, erhalten sie trotzdem viel Aufmerksamkeit.

2. Anzieh-Elektronik wird Gesundheitstechnologie

"Wearable Technologies" sind im Kommen, doch die tragbare Technik wird wird bald weit mehr können, als per Sensor sportliche Aktivitäten oder einfache vitale Funktionen zu messen: Pflaster, die bei anstehende Herzproblemen ein Signal senden oder den Insulinbedarf eines Patienten melden; implantierte Chips, die anhand körperlicher Reaktionen psychologische Analysen von Situationen vornehmen. In den USA ist die Digitalisierung der Gesundheit nur noch eine Frage der Zeit. Auch Europa wird sich auf Diskussionen über Ethik und Regulierung einstellen dürfen. Denn ob ein Sensor sagt, wie viele Kalorien man verbraucht hat oder anhand der Daten einen Essens- oder sogar einen Heilmittelvorschlag macht, ist ein großer Unterschied.

3. Keine Panik nach der NSA-Affäre

Die Enthüllungen zur Geheimdienst-Überwachung spielten eine Rolle, aber keine zentrale. Natürlich füllten Edward Snowden und Wikileaks-Chef Julian Assange die Hallen, doch andere Debatten zum Thema fanden deutlich weniger Zuhörer. In der Logik des Tech-Kapitalismus bietet der Skandal ohnehin auch eine Chance, weil er den Markt für leichter verständliche Verschlüsselungstechniken und Sicherheitsanwendungen öffnet.

Ob die technischen Lösungen der "Feuerwehrmänner" (O-Ton Snowden), also der Entwickler und Gründer, aber genügen? Der Ärger über die schwache politische Reaktion der amerikanischen Regierung war im klassisch-progressiven Millieu der US-Techies zwar durchaus zu spüren; die Wut ist aber weit geringer, als man annehmen könnte, weil viele der von Snowden ans Licht gebrachten Programme Amerikaner nicht betreffen.

4. Programmieren ist ein Bildungsziel - und könnte einfacher werden

Sollten Kinder programmieren lernen? Ja, sagen inzwischen größere Teile der amerikanischen Gesellschaft. Doch während die Code-Bildungsprogramme in den amerikanischen Schulen langsam ausgebaut werden, arbeitet Computer-Pionier Steven Wolfram daran, die Programmiersprachen simpler zu machen. Sein Projekt "Wolfram Language" soll Computersprache der menschlichen Sprache ähnlicher machen. Das Projekt ist noch in der Frühphase, es gibt sehr viele Fragezeichen und technische Grenzen, doch die Vision dahinter ist spannend: Wenn Computersprachen einfacher zu lernen sind, sinkt das Einstiegslevel - größere Teile der Gesellschaft könnten so in Zukunft selbst programmieren.

5. Große Fragen für die nächsten Phase

Nicht nur die Digitalisierung des Gesundheitswesens wirft Fragen auf. Joi Ito, Chef des Medialabs der Elitehochschule MIT in Boston, prognostizierte: "Was in den Achtzigern das Internet war, ist heute Biotechnologie. Wir werden uns alle sehr bald damit beschäftigen müssen." Wenn Chromosomen zu Speichermedien werden und wir in 10 bis 20 Jahren statt mit dem 3-D-Drucker Objekte schlicht wachsen lassen können, sind wir mittendrin in der Zukunft - und in der Gentechnik-Debatte.

Eine anderen, derzeit brennendere Frage: Was bedeutet die wachsende Leistungsfähigkeit und Intelligenz von Maschinen für die Arbeitswelt? Selbstfahrende Fahrzeuge ersetzen Taxi- und Busfahrer, intelligente Roboter Industriearbeiter und Servicekräfte. Carl Bass, Chef der Softwarefirma Autodesk erwartet im Jahr 2050 mehr intelligente Maschinen als Menschen auf dem Planeten. Prognosen rechnen dadurch mit wachsender Ungleichheit, Arbeit wird zum seltenen Gut. Die Triebkräfte dieser Entwicklung hatten auf der SXSW 2014 noch keine überzeugenden Antworten zu bieten - doch die Debatte nimmt Fahrt auf und könnte zur wichtigsten dieses Jahres werden.