Digitalisierung Lasst euch von den Alarm-Autoren keine Angst machen!

Das Smartphone-Spiel Pokémon Go hat das vorherrschende Bild der aufs Display gesenkten Köpfe in den Städten der Welt noch einmal deutlich verstärkt

(Foto: Bloomberg)

Autoren wie Manfred Spitzer und Harald Welzer sowie der "Spiegel" erklären das Smartphone zur gefährlichen Droge. Jenseits der Hitparaden-Literatur gibt es klügere Gedanken.

Von Dirk von Gehlen

Die Symptome sind besorgniserregend: Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit in Abhängigkeit von einem in Wahrheit höchst bedrohlichen - ja körperlich schädlichen - Phänomen. Es verbreitet sich über Endgeräte, die überall präsent sind und wird über ein Netz auch in abgelegene Teile des Landes getragen. Niemand kann sich ihm entziehen, mehr noch: Es wurden sogar trag- und aufladbare Varianten erfunden, um es auch dort nutzen zu können, wo Kabel nicht hinkommen. Doch trotz der offensichtlichen Gefahren drückt sich die Gesellschaft um eine ernsthafte Debatte über die Folgen dieses bedrohlichen Phänomens.

Die Rede ist von der Elektrizität.

Kein einziges Buch in der Sachbuch-Hitparade warnt vor der Abhängigkeit von Elektrizität, in die sich die Gesellschaft klaglos fügt. Kein alternder Professor lobt die geistesgeschichtliche Bedeutung des warmen Kerzenscheins im Vergleich zum kalten elektrischen Licht. Keine Talkshow thematisiert die lebensbedrohlichen Folgen der unsachgemäßen Nutzung.

Anders als mit vermeintlicher Internet-Abhängigkeit lassen sich mit dem (gesellschaftlichen) Krankheitsbild der Elektrizitäts-Sucht offenbar keine Geschäfte machen. Dabei ist ein bisschen zu viel Internet weit weniger gefährlich als ein bisschen zu viel Starkstrom im Körper. Aber die Elektrizität war eben schon da, als diejenigen geboren wurden, die bisher die Debatte über die Digitalisierung bestimmen. Bestseller-Autoren wie Manfred Spitzer ("Digitale Demenz"), Harald Welzer ("Smarte Diktatur") oder der Spiegel in seiner aktuellen Titelgeschichte über Smartphones ("Der Feind in meiner Hand") kämen gar nicht auf die Idee, Alarm zu schlagen ob der Folgen, die Elektrizität für das menschliche Gehirn (elektrische Demenz) oder die Gesellschaft (smarte elektrische Diktatur) haben kann. Sie nehmen sie als selbstverständlich hin - obwohl sie in der Menschheitsgeschichte durchaus als jung und keineswegs normal, aber vor allem als nicht gerade ungefährlich angesehen werden muss.

Schon Douglas Adams kannte den Reflex gegen das Netz

Richtig spannend finden die Menschen aber immer nur die Erfindungen, die auf den Markt kamen, bis sie selber etwa 30 Jahre alt sind. Was hingegen entsteht, nachdem man sich gesellschaftlich verortet hat, gilt Menschen seit jeher als bedrohlich und als Zeichen für den anstehenden Untergang der Kultur. Das Internet und die Alarm-Autoren, die vor ihm warnen, bilden da keine Ausnahme.

Vier Vorschläge, um die Datenapokalypse zu verhindern

Facebook überwacht uns, die Geheimdienste ohnehin. Big Data nur zu kritisieren, hilft aber nicht weiter. Es ist Zeit, mit dem Widerstand zu beginnen. Eine Antwort auf Byung-Chul Han. Gastbeitrag von Yannick Haan mehr ...

Wer einen Ausweg aus dieser Falle sucht, findet ihn in einem Text aus dem Jahr 1999: Damals hatte Douglas Adams eine Prognose auf das verfasst, was wir heute in Talkshows und Sachbuchhitparaden erleben: ein Muster in der Beurteilung von Innovationen. "Auf diese Weise hat die Menschheit schon immer auf technische Neuerungen reagiert", schrieb der Science-Fiction-Autor 1999 - und so reagiere sie auch auf das Internet: lamentierend, dass etwas neu, anders und nicht so ist, wie man es kannte.

Bezugsgröße ist dabei immer die eigenen Sozialisation - und in der gab es nun mal keine Handys in der Schule und auch keine Computerspiele. Allein deshalb sind diese verdächtig, denn in dem, was man selber für normal hält, spielten sie bisher keine Rolle. Sie können nur gefährlich sein - so der sehr einfache, aber populäre Gedanke.

Mit der Warnung vor diesem Neuen und natürlich Bösen lässt sich trefflich Geld verdienen. Sie bedient populäre Grundmuster und verkauft sich gut. Zu einem konstruktiven Umgang mit den neuen Technologien trägt sie indes kaum bei. Wer (wie Manfred Spitzer) die Smartphone-Nutzung mit dem Rauchen vergleicht, oder gar mit Heroin (wie der Spiegel), und rät, die Handys ganz wegzulegen, wird damit kein Training im Umgang mit dem Neuen befördern. Aber Training ist notwendig, um die Probleme zu lösen, die sich mit dem Neuen ergeben. In einer Welt, in der es kaum Vorbilder für die angemessene Nutzung zum Beispiel von Smartphones gibt, ist es nahezu fahrlässig, ausgerechnet Schülerinnen und Schülern vorzuwerfen, sie verwendeten diese falsch - und verdummten dadurch (was in Wahrheit übrigens immer nur heißen soll, dass sie nicht so klug sind wie der Mahner).