Digitale Zeitung Gutenberg trifft Halbleiter

Filme gucken in der Zeitung soll bald möglich sein. Forscher arbeiten an kleinen Bildschirmen, die auf Papier gedruckt werden können.

Von Christian Deker

Zeitungen mit gedruckten Bildschirmen, die kleine Filme abspielen, oder Tapeten, die auf Knopfdruck die Farbe wechseln - so etwas gab es seither nur in Science-Fiction-Filmen. Eine neue Technologie könnte in Zukunft aber genau das ermöglichen und den Druckmarkt revolutionieren: Mit Hilfe von Lösungsmittel werden elektronisch leitende Polymer-Kunststoffe flüssig gemacht. So lassen sie sich von normalen Druckmaschinen verarbeiten und verwandeln gewöhnliches Papier in Sekunden in einen Datenspeicher.

Polymer-Bildschirme könnten das Zeitungslesen revolutionieren: Die Blätter sollen in naher Zukunft gedruckte Bildschirme enthalten, die Filme abspielen.

(Foto: Foto: ap)

Die Polymer-Technik ist nicht neu, sie findet vor allem bei Bildschirmen Anwendung, etwa beim neuen Macbook Air von Apple. Auch Sony brachte jüngst einen nur Millimeter dicken Bildschirm mit organischen Leuchtdioden auf den Markt. Neu ist die Kombination mit Papier: Einer der ältesten Kulturträger verschmilzt mit moderner Technik. Gutenberg trifft Halbleiter.

Hoffnung, bald leuchtende Polymere zu drucken

Auf diesen Zukunftsmarkt will man in Chemnitz setzen. Dort gründeten vor fünf Jahren zwei Tüftler, Arved Hübler und Andreas Ehrle, die Firma Printed Systems. Sie bedrucken Papier mit elektronischen Strukturen im Massenverfahren. Mehrere Millionen Datenträger kann das Tochterunternehmen der Technischen Universität (TU) Chemnitz am Tag herstellen. "Erst ab einer Auflage von fünf bis zehn Millionen kommt man in wirtschaftlich gesehen vernünftige Größenordnungen", sagt Geschäftsführer Ehrle. In Kooperation mit dem Institut für Print- und Medientechnik der TU wird in Chemnitz geforscht - und gehofft, in Zukunft auch leuchtende Polymere drucken zu können. Diese Technik wäre günstiger als die gängige Herstellung von Displays. "Die modernen Druckmaschinen haben im Vergleich zur bisherigen Elektronikfertigung eben einen enormen Output", sagt Ehrle.

Potential sieht auch Edgar Dörsam, Professor für Drucktechnik an der TU Darmstadt. Es gebe schon eine Reihe von Anwendungen, trotzdem sei der Markt noch zögerlich. "Wir haben aber auch 50 Jahre gebraucht, um industriell Farbe aufs Papier zu bringen", sagt Dörsam. Einen echten Boom sagt das Marktforschungsunternehmen ID-Tech-Ex der gedruckten Elektronik voraus: Von derzeit zwei Milliarden Dollar soll der weltweite Umsatz in den nächsten Jahren um mehrere Milliarden steigen.

Keine Konkurrenz zur Computertechnologie

Als Konkurrenz zur heutigen Computertechnologie sieht die Chemnitzer Firma Printed Systems ihre Produkte nicht. Die Papier-Elektronik werde ihren eigenen Markt finden, sagt Geschäftsführer Ehrle, nämlich "in einem Segment, in dem Siliziumelektronik aus Kostengründen und wegen der fehlenden Eigenschaften nicht vordringen kann". Die neue Papier-Elektronik ist wesentlich biegsamer als Silizium und lässt sich als gewöhnlicher Papiermüll recyceln. Außerdem stehen größere Flächen für die Elektronik zur Verfügung. "Ein erster wirklicher Durchbruch ist deshalb bei Solarzellen möglich", sagt Edgar Dörsam aus Darmstadt. Die flächigen Stromerzeuger benötigten nicht die Präzision beim Druck auf Folien wie ein kleiner Transistor.

Zu den Produkten, die es schon zur Marktreife geschafft haben, zählen eine Papiertastatur für Computer und ein Online-Sammelkartenspiel. Eine weitere neue Anwendung sind bedruckte Papiere von der Größe einer Visitenkarte, auf der man die Adresse einer Internetseite speichern kann. Firmen können die Karten dann zum Beispiel auf Messen verteilen und so ihre Kunden auf die Firmenwebseite lotsen oder den Zugriff auf geschützte Seiten ermöglichen. Massentauglich ist die Technologie also schon. Bis man in gedruckten Zeitungen kleine Bildschirme finden kann, dauert es allerdings noch. "Das ist sicherlich ferne Zukunft", sagt Ehrle.