Verschlüsselung Russischer Richter lässt Telegram sperren

Telegram: Ein Messenger im Visier des russischen Staates.

(Foto: AFP)
  • In Russland hat ein Richter entschieden, dass der Staat die Chat-App Telegram blockieren darf.
  • Der Inlandsgeheimdienst verlangt von dem Unternehmen, digitale Schlüssel bereitzustellen, um sämtliche Kommunikation zwischen Nutzern zu dechiffrieren - ohne Erfolg.
  • Telegram ist einer der weltweit größten Chat-Apps und wird monatlich von 200 Millionen Menschen verwendet.
Von Hakan Tanriverdi

In Russland kann die populäre Chat-App Telegram von diesem Freitag an jederzeit blockiert werden. Das zuständige Amtsgericht in Moskau gab einer Klage der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor statt, berichten die russische Nachrichtenagentur Tass, Financial Times und die auf Russland spezialisierte Webseite Meduza.io übereinstimmend.

Das bedeutet: Telegram wird in Russland demnächst nicht mehr funktionieren. Die Aufsichtsbehörde kann Internetprovider dazu zwingen. Außerdem kann sie Google und Apple dazu veranlassen, das Programm aus ihren App-Stores zu entfernen. Die Firma hat einen Monat Zeit, um Einspruch einzulegen.

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Inlandsgeheimdienst verlangt digitale Schlüssel

Zwischen Telegram und der russischen Regierung tobt seit August 2017 ein heftiger Streit um Verschlüsselung. Der Inlandsgeheimdienst FSB verlangt von Telegram, den Schlüssel zur Verfügung zu stellen, mit denen sich sämtliche Kommunikation dechiffrieren lässt.

Telegram bietet die Möglichkeit, Chats komplett zu verschlüsseln. Das heißt, nur noch Empfänger und Sender können sie auf ihren Smartphones lesen. Auf den Servern von Telegram selbst, auf denen die Nachrichten zwischengelagert werden müssen, liegt die Nachricht nur in verschlüsselter Form. Hätte der Inlandsgeheimdienst einen Schlüssel, könnte er an dieser Stelle zugreifen und so an Botschaften und Fotos kommen.

Telegram widersetzte sich: Man könne der Aufforderung nicht nachkommen. Die Software sei so aufgebaut, dass die Schlüssel lokal auf den Geräten erzeugt würden. Es gebe also schlicht keinen Generalschlüssel. Diese Antwort stellte FSB nicht zufrieden. Telegram wurde in einem ersten Schritt dazu verdonnert, 800 000 Rubel zu zahlen (knapp 10 500 Euro).

Erprobt im Kampf mit russischen Behörden

Das Unternehmen wird nach eigenen Angaben weltweit von 200 Millionen Menschen monatlich verwendet. In einem Blogbeitrag heißt es: "Für uns steht hinter Telegram eine Idee, dass jeder Mensch das Recht dazu hat, frei zu sein." Dazu gehört geheime Kommunikation.

Bereits am 20. März hatte Firmengründer Pavel Durov seine Position im Streit mit russischen Behörden in einem Tweet erneut bekräftigt: "Die Drohung, Telegram zu sperren, es sei denn, man übergibt private Informationen über die Nutzer, wird keine Früchte tragen."

Durov ist erprobt im Kampf mit der russischen Regierung. Er gründete VKontakte, eine Art russisches Facebook. Die Regierung verlangte Zugriff und hartes Durchgreifen, nachdem russische Aktivisten das Netzwerk nach den Parlamentswahlen 2011 verwendeten, um Proteste zu organisieren. Durov weigerte sich, nach Angaben der Moscow Times versuchten kremlfreundliche Investoren deshalb, VKontakte zu übernehmen. 2014 verkaufte Durov seine Anteile.

In der Zwischenzeit hatte er mit einem Entwicklerteam an Telegram gearbeitet. Er sagt: Seine Erfahrungen rund um VKontakte hätten ihm gezeigt, wie wichtig es sei, vertraulich zu kommunizieren.

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