Digitale Kultur Die Anti-Piraten

Rechteinhaber wie Musikunternehmen haben ein neues Geschäftsfeld entdeckt: Abmahnungen. Die Debatte um das Urheberrecht wird sich dadurch weiter radikalisieren.

Von Johannes Boie

Man darf die Debatte um Urheberrechte nicht als trockene Prinzipienreiterei missverstehen. Die Kritiker des bestehenden Urheberrechts kämpfen letztlich nicht gegen Paragrafen, sondern für die Zukunft der digitalen Gesellschaft.

Oft radikal, weswegen sich die Vordenker des digitalen Wandels in Politik und Gesellschaft so schnell und auffällig mit Forderungen positioniert haben. Organisationen wie die Piratenpartei treten für eine digitale Gesellschaft ein, in welcher der Nutzer ebenso Rechte zugesprochen kommt wie der Produzent eines kreativen Werkes.

Sie kämpfen dafür, dass der digitale Wandel nicht für die Zensurvorhaben mancher Politiker missbraucht wird und sie wünschen sich eine Novelle des Patentrechtes, um die Entwicklung und Verbreitung immer besserer Software zu beschleunigen. Ihre Forderungen sind radikal und man tut gut daran, jede einzelne genau zu hinterfragen. Doch argumentieren die digitalen Vordenker nachvollziehbar und ihre Motivation ist in den allermeisten Fällen die Überzeugung, für eine bessere Welt einzutreten.

Gegen die digitalen Vordenker hat sich längst ein konservativer Gegenpol positioniert, der weit weniger Beachtung findet. Hin und wieder tritt ein Essayist für die Bewahrung der alten Ordnung ein. Doch ähnlich, wie die Piraten mit radikalen Lösungen die Debatte verschärften, hat sich im konservativen Lager nun eine radikale Fraktion etabliert.

Eine Abmahn-Industrie ist entstanden

Mit dem Unterschied - die radikalen Urheberrechtsschützer debattieren nicht, sondern schaffen lieber mit juristischem Druck Fakten. Sie sprechen von Gerechtigkeit, von der Notwendigkeit, Gesetze, Recht und Moral auch im Internet durchzusetzen. Doch ihr Anliegen ist nur scheinbar juristisch und politisch motiviert.

Die Rede ist von einer Handvoll High-Tech-Unternehmen und Anwaltskanzleien, die sich darauf spezialisiert haben, Urheberrechtsverstöße gezielt aufzuspüren und abzumahnen. Dabei ist in Deutschland eine regelrechte Industrie entstanden.

Die Techniker der Spezialfirmen wie zum Beispiel Evidenzia in Karlsruhe, DigiRightsSolution in Darmstadt oder Textguard in Hamburg durchsuchen Tauschbörsen im Internet nach illegalen Musik- und Filmdateien oder durchsuchen private Webseiten, Nachrichtenportale und Foren nach unzulässigerweise veröffentlichten Texten.

Sobald bei der Überwachung der Tauschbörsen, in denen Tausende, vor allem jugendliche Nutzer illegal und kostenfrei Musik und Filme bereitstellen, ein unzulässiger Down- oder Upload festgestellt wird, speichern die Spezialfirmen, die in aller Regel von Rechteinhabern aus Musik- und Filmbranche beauftragt sind, die digitale Adresse des Computers, von dem die illegale Aktion ausging.

Mit Hilfe von spezialisierten Anwaltskanzleien werden dann die zuständigen Gerichte gebeten, die notwendigen Schritte einzuleiten, um der Computeradresse eine reale Person, den Besitzer des entsprechenden Internetzuganges zu ermitteln.

Finanzielle Gewinne locken

Der Ablauf zur Ermittlung von Menschen, die unerlaubt Texte Dritter veröffentlicht haben, ist dagegen simpler: Diese Übeltäter lassen sich meist ohne Hilfe von Gerichten ausfindig machen, weil die Besitzer von Internetadressen in aller Regel über eine zentrale Stelle, das Deutsche Network Information Center, per Mausklick abzufragen sind.

Bei circa 300 Millionen unerlaubt verbreiteten Songs liegt der Jahresdurchschnitt in Deutschland. Insofern ist das Wachstum der Abmahnindustrie nicht verwunderlich. Andererseits mehren sich die Anzeichen, dass es vielen Anwälten und Rechteinhabern weniger darum geht, Recht und Ordnung herzustellen, als auf Kosten privater Personen mit mangelndem Unrechtsbewusstsein große finanzielle Gewinne zu verbuchen.

Diese Vermutung gründet sich auf mehrere Fakten. Zum Beispiel auf das Akquiseschreiben eines Überwachungs-Unternehmens, das vor wenigen Wochen im Netz auftauchte. Offensichtlich an die Vertreter der Musikbranche gerichtet, rechnet der Autor des Dokumentes Rechteinhabern vor, dass ein legal verkauftes Lied 60 Cent Netto-Gewinn einbringe.

Dem gegenüber stünden "90 Euro pro erfasstem illegalem Download bei Rechtsverletzern, die zahlen." Wer das Papier liest, könnte zu dem Schluss kommen, dass es das Ziel der Musikindustrie im Jahr 2009 ist, so viele Urheberrechtsverletzungen wie möglich zu ermöglichen, um dann die Liebhaber der Musik, die sich illegalerweise bedient haben, teuer abzumahnen.