Digitale Kommunikation Wie uns die Technik entmenschlicht

Tippen wir bald nur noch, statt "in echt" miteinander zu reden? Das befürchtet jedenfalls Sherry Turkle.

(Foto: dpa)

Die Soziologin Sherry Turkle warnt eindringlich vor zu viel Technik im zwischenmenschlichen Alltag. Bloße Panikmache oder fundierte Kritik?

Von Michael Moorstedt

Es sind zwei Nachrichten aus den letzten Wochen, die mal wieder belegen, dass die menschliche Kommunikation im Netz vor allem eines ist, nämlich fehlbar. Da ist zum einen Facebook, das derzeit eine neue Funktion namens Take a break testet. Sie soll gerade auseinandergegangenen Paaren helfen, die Trennung besser zu verkraften. Dazu verbannt sie Statusmeldungen des ehemaligen Partners von der eigenen Timeline. Außerdem können Foto-Markierungen gelöscht und die Einsicht auf die eigenen Einträge gesperrt werden.

Und da ist zum anderen Googles neue E-Mail-Erweiterung namens Smart Reply. Die liest sich die Mails der Nutzer durch und bietet je nach deren Inhalt automatische Antwortmöglichkeiten an. So soll die Informationsflut endlich wirksam bekämpft werden. Einmal wird die Kommunikation der Nutzer also blockiert, und einmal automatisiert. In jedem Fall aber wird sie bevormundet.

Technologie ersetzt das Gespräch von Angesicht zu Angesicht

"Wir werden von unserer Technologie stumm geschaltet", schreibt die Soziologin und Buchautorin Sherry Turkle, "und in gewisser Weise vom Sprechen geheilt." Es gebe zu viele Bildschirme und zu wenig Blickkontakt. Zu viel Elektronik lässt die menschlichste aller Kommunikationsformen, nämlich das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, langsam aber sicher erodieren. Und so auch Fähigkeit der Menschen, sich in ihr Gegenüber einzufühlen.

"Ich poste, also bin ich"

Wie verändert der Umgang mit Computern uns und unser Bewusstsein? Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology mit den Folgen der Digitalisierung. Im Interview spricht sie darüber, wie sich unser Sozialverhalten durch Facebook und Co. verändert und wie Apple der digitalen Oberflächlichkeit den Weg bereitete. Johannes Kuhn mehr ...

In ihrem neuen Buch "Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age" teilt Turkle in alle Richtungen aus. Gegen Jugendliche, die durch den steten Informationsstrom verlernt hätten, allein zu sein und genauso gegen deren Eltern, die den Kampf gegen Handys am Esstisch längst aufgegeben haben. Es ist gar nicht mal so leicht, ihr zu widersprechen. In manchen Sinus-Milieus wird ja nicht mal mehr das Smartphone selbst dazu benutzt, miteinander zu reden. Stattdessen: Textnachrichten, Likes und Tinder-Swipes, kleine paraverbale Signale, die Verbundenheit simulieren und doch vor allem maximal unverbindlich sind.

Die Fähigkeit zur Empathie ist in drei Jahrzehnten um 40 Prozent gesunken

Turkle führt schockierende Belege an, die auf einer ganzen Reihe von Anekdoten, Tiefeninterviews und Studien fußen. Zum Beispiel auf eine Untersuchung, die Universitätsstudenten in den letzten 30 Jahren einen Rückgang ihrer Empathie um rund 40 Prozent bescheinigt. Die steilste Talfahrt beginnt um das Jahr 2000, also zu dem Zeitpunkt, an dem digitale Kommunikationstechnik ein Massenphänomen wurde.

Den Vorwurf der Verflachung hat man natürlich schon von vielen Warnern und Mahnern gehört. Bei Turkle ist das ein bisschen anders. Immerhin war sie früher ja eine absolute Verfechterin der Geräte. Sie hält noch immer einen Lehrstuhl am Massachusetts Institute of Technology, und ihre Bücher "The Second Self" und "Life on the Screen" sind Muster an ausgewogener Digital-Kritik.

Es ist heutzutage nicht leicht, Technik-Fürsprecher zu sein. Neue Funktionen wie Take a Break oder Smart Reply machen es nicht einfacher. Vielleicht hätte Google seinen E-Mail-Assistenten auf einer frühen Version belassen sollen. Da lautete der häufigste Antwortvorschlag des Algorithmus: "Ich liebe Dich."