Digitale Anonymisierung Wer sich schützt, ist verdächtig

Wo ist XKeyscore? Offenbar auch in Deutschland.

(Foto: OH)

Die NSA überwacht einen 27-jährigen Deutschen. Offenbar allein deshalb, weil er sich mit Anonymisierung befasst. Die einzige Konsequenz kann da nur sein, dass sich jeder Einzelne im Netz selbst besser schützt.

Von Andrian Kreye

Die Enthüllungen über die weltweiten Überwachungsprogramme des US-Geheimdienstes National Security Agency NSA funktionieren schon seit vergangenem Sommer wie einer dieser brillant geschriebenen Thrillerserien im amerikanischen Fernsehen, wie "Homeland" oder "Breaking Bad". Mit jeder Folge bekommt die Handlung eine Wende, durch die sich die Protagonisten immer tiefer in einem Netz aus Ängsten und Gefahren verfangen. Und weil sich hinter jeder Angst eine neue verbirgt, steigt die Spannung ins Unermessliche. Dazu kommt das mulmige Gefühl, dass all die Verschwörungstheorien, die man in den letzten Jahren so leicht abtat, sich Stück für Stück als Realität bestätigen.

Jüngster Twist in der epischen NSA-Saga ist nun der Fall von Sebastian Hahn, einem 27-jährigen Studenten und Mitarbeiter am Informatiklehrstuhl in Erlangen. Der ist nach Recherchen eines internationalen Teams im Auftrag von NDR und WDR nach Kanzlerin Angela Merkel der zweite namentlich bekannte Deutsche, der von der NSA direkt ausgespäht wurde. Diese Nachricht ist schon empörend genug. Dahinter aber tut sich ein Abgrund auf, der das Verhältnis der amerikanischen Staatsmacht zu Bürgern im In- und Ausland noch einmal neu definiert.

Auch im Fall Hahn ist es nötig, sich kurz mit den technischen Details auseinanderzusetzen. Neben seinem Studium und seiner wissenschaftlichen Arbeit engagiert sich Sebastian Hahn für das so genannte Tor-Netzwerk. Tor gilt als eine der besten Methoden, sich anonym im Internet zu bewegen. Das funktioniert durch eine Kombination von digitalen Schleiern und einem Netz aus Vertrauen. Für die Geheimdienste ist Tor schon lange ein Problem, weil es zwar nicht unmöglich, aber äußerst schwierig ist, Menschen zu überwachen, die sich in diesem Netzwerk bewegen. Das sind neben sehr vielen Normalbürgern vor allem Netzaktivisten, Menschenrechtler und Oppositionelle in Diktaturen, sowie Drogenhändler, Waffenschieber und andere Verbrecher, die in die Anonymität von Tor abtauchen.

Sebastian Hahn ist kein extremer Aktivist, er beharrt nur auf ein Bürgerrecht

Letztere haben dem Netzwerk einen üblen Ruf verschafft. Seit einigen Jahren wird das Tor-Netzwerk auch diffamierend mit dem "Darknet" gleichgesetzt. Netzaktivisten sehen in Tor aber vor allem eine Möglichkeit für Normalbürger, sich vor Überwachung zu schützen. Häufiger Einwand war bisher: Werden die Geheimdienste nicht gerade deswegen auf einen aufmerksam? Wirkt das nicht genauso verdächtig, als ob man mit Gesichtsmaske und Kapuzenpulli auf eine Demonstration geht? Das galt als paranoides Unken. Jetzt aber stellt sich einmal mehr heraus, dass die Verschwörungstheoretiker recht hatten.

Nun ist Sebastian Hahn kein gewöhnlicher Internetnutzer, der sich vor Zugriffen schützen will. Er gehört zum kleinen Kreis der Tor-Aktivisten, die das Netz betreiben. In der Nähe von Nürnberg betreibt er einen der Server, die im Anonymisierungsnetzwerk Tor einen Knotenpunkt bilden. Die Kennziffer von Hahns Server tauchte nun tief in Daten des NSA-Spähprogrammes XKeyscore auf. Diese unscheinbare Folge von Ziffern und Satzzeichen bedeutet im digitalen Netz so viel wie ein Fahndungsplakat. Mit dem Unterschied, dass man so eine digitale Brandmarkung im Netz nur schwer wieder los wird. Und sie wird in Sekundenbruchteilen automatisch erstellt.

Wichtig ist dabei, dass Hahn zwar kein normaler Nutzer, aber auch kein extremer Aktivist ist. Er beharrt nur auf einem Bürgerrecht und ermöglicht mit seinem technischen Wissen anderen, dieses wahrzunehmen. Was aber heißt es, wenn schon der Versuch, sich zu schützen, als Verdachtsmoment gilt? Wie so oft bei den NSA-Enthüllungen zeigt sich, dass mit dem globalen Überwachungsprogramm im Internet die ganze Welt von einer Kultur der Angst und des Misstrauens erfasst wird, die sich in den USA nach den Anschlägen des 11. September 2001 tief in der Substanz des Landes festgesetzt hat. Mit den Sicherheitsgesetzen des Patriot Act, den George W. Bush schon am 26. Oktober 2001 unterzeichnete, wurde diese Kultur Gesetz.