Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung.
Seit fast einem halben Jahrzehnt gibt es das "partizipative Web". Das klingt nach Leistungskurs, meint aber neue Formen der Beteiligung und der Berichterstattung im Internet. Diese Formen werden von engagierten Zeitgenossen genutzt, weil sie - sei es aus Idealismus, sei es, weil sie sonst keine Beschäftigung haben - eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen. Man spricht auch schon von "Bürger-Reportern" und "Graswurzeljournalisten".
Eigensinniges Wissen oder Narren im Netz? (© Foto: oH)
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Eine Art: Vierte Digitalgewalt? Schlaue Menschen werden darauf hinweisen, dass das Internet immer schon ein Beteiligungsnetz war, und dass die Ansätze zu dieser Berichterstattung wesentlich älter sind als fünf Jahre. Leider nun sind jene Schlauen, die wir aus unserem gut gewärmten Mainstreammedia-Bett heraus und hinein in ihr debattenknisterndes Web grüßen: das Problem.
Sie zerfleddern - wie es gerne auch wir Zeitungsmenschen tun - jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung.
Haben wir Entrüstung gesagt? Setzen Sie dafür bitte beliebig ein: Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn, Spott. Ja, wir müssen uns die Kräfte des freien Meinungsmarktes als äußerst destruktiv vorstellen.
Querulanten und Freizeitaktivisten
Nun könnte man sagen: diese Inquisitoren in eigener Sache, das sind halt Querulanten und Leute mit seltsamen Präferenzen. Freizeitaktivisten mit ein bisschen Schaum vor dem Mund. Die gibt es eben. Das könnte man so sehen. Man sollte es aber nicht.
Das von US-Visionären importierte Problem ist, dass man dem unter dem Mantel des Web 2.0 rumorenden Plebiszit die Zukunft anvertrauen möchte.
So zimmert sich der Wired-Autor Kevin Kelly in "We are The Web" daraus bereits das Internet als globale Hirnmaschine zurecht, die ihre überragende Intelligenz noch entwickeln wird. Kelly tut das mit einem Pathos, das man nur magengestärkt erträgt: "Es gibt nur eine einzige Epoche in der Geschichte jedes Planeten, in der seine Bewohner ungezählte Einzelteile zu einer einzigen großen Maschine zusammenbauen. Diese Maschine wird immer weiter laufen, aber es gibt nur eine Zeit, in der sie geboren wird. Du und ich dürfen dies gerade erleben."
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- Wikipedia Masse im Dilemma 23.07.2007
- Mitmachnetz Kiffen im Web 2.0 11.07.2007
In einer Zeit, in der jeder Abiturient Journalist wird, weil er sich über ehrliche Arbeit erhaben fühlt, kann man Graffs Vorwürfe an das Web beinahe 1:1 auf die selbsternannten Qualitätsmedien übertragen.
Ich seh das inzwischen etwas anders, etwas differenzierter.
G:raff hat überwiegend recht,was die überwiegende Mehrzahl der User betrifft als auch die Beschreibung des Zustandes in vielen Bereichen des Internet betrifft.
Aber das ist nicht das ganze Internet! Und wenn G:raff nur in einem Nebensatz dem Internet auch was positives abgewinnt, so ist das für meine Begriffe zu wenig.
Weiter, wenn der erwähnte Suchbegriff "Kaffeemachen in Japan" in den vorderen Rängen platziert wurde, so ist das für mich ok und durchaus positiv zu bewerten.
Es ist doch für diese Gruppe ein Zugewinn, wenn sie jetzt mit Menschen kommunizieren können die das gleiche Hobby haben. Das kann, weiß Gott, das Printmedium nicht leisten!
Was bleibt? Ich finde den Rundumschlag von G:raff unangemessen und zu grob gerastert.
Umgekehrt sehe ich auch die Probleme der Printmedien, dass sie nicht in der Lage sind eine Rückbesinnung auf ihre eigentliche Domäne zu tätigen: Nämlich? mehr Qualität in ihren Artikeln einzubringen, weniger Mainstream, mehr Distanz zum Thema.
Dann die Prioritäten zu überarbeiten, was ist wichtig. Das eine Frau Will lesbisch ist und eine Partnerin hat, das interessiert doch nur den Boulevardleser. Und wenn ich den ansprechen muss ich mich nicht wundern, dass ich den auf einmal hier sehe, und damit ein anderes Image habe.
Die Amerikaner haben es doch schon fast hinter sich. Dort haben sie schon reagiert, nämlich mit Qualität,Qualität und nochmals Qualität und habe die Auflagenverluste gestoppt und sogar umgekehrt.
Das Idealbild entwirft der Printschreiber Graff:
"Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen"
Meine Lebenserfahrung und Kontakte mit Journalisten stimmen damit nicht ganz überein.Ich meine eher, dass die Leserforen eine gewichtigere Fracht an Lebenserfahrung und Kompetenz enthalten( und weniger Alohol getränkt sind)als die der ,allerdings wenigen Reakteure , die ich kenne.
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dieser artikel ist für ein traditionsmedium wie die süddeutsche eine bodenlose peinlichkeit. der autor schreibt wie jemand, der wütend auf den bus ist, weil er ihn verpasst hat - ich hoffe, man schämt sich bereits und arbeitet an einer neuen sichtweise auf das thema.
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