Die gewöhnliche Tonlage des Netz-Gezwitschers aus ungefähr drei Millionen täglichen Einträgen der mutmaßlich eine Million Twitter-Mitglieder ist monoton und von ergreifender Schlichtheit. Normale Einträge lauten: "Eltern zurück aus dem Urlaub. Bekomme ich Geschenke?" Oder: "Hocke im Zentrum von Moskau und warte auf Kollegen. Er ist immer zu spät."
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Stenographie des Lebens
Zur Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Dienstes gibt es auf Youtube einen Trickfilm, "Twitter in Plain English", der erläutert, dass Menschen untereinander gerne "die Daten ihres Alltags austauschen", dass aber kaum jemand auf die Idee käme: "Ich trinke gerade Kaffee" und andere "kleinen Ereignisse in jedermanns Leben" per Mail an seine Freunde zu verschicken. Aus diesen aber bestünde nun einmal das Leben. Und darum, so muss man das wohl deuten, habe Twitter jede Existenzberechtigung, weil es das Leben selbst stenographiere.
Von Jorge Luis Borges, dem argentinischen Schriftsteller, stammt eine beeindruckende Erzählung: "Del rigor en la ciencia" Darin berichtet er von der Arbeit der Kartographen in einem fiktiven Reich, die nicht ruhten, bis sie "eine Karte des Reichs erstellt hatten, die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem Punkt deckte."
Würde man das Getwitter als Mitschrift der globalen Geschäftigkeit bezeichnen, würde man daraus dennoch nicht schlau werden und wüsste nichts über das Denken der Menschen. Denn ebenso wie eine Karte im Maßstab 1:1 keine Orientierung verschafft, weil sie die Welt nur doppelt, mangelt es einer weltweiten Mitschrift von Gedanken an Abstraktion: Wenn alle 40 000 Besucher eines Fußballspiels ihre Erlebnisse kundtun, entsteht in Summe eben nicht der akkurateste Spielbericht, selbst wenn jede Spielsekunde von allen protokolliert würde.
Darum mag der Hinweis, Twitter sei eine Mitschrift des Lebens selbst, zugleich stimmig wie unsinnig sein. Er stimmt, weil man in nie gekannter Weise am Leben der anderen teilhaben kann. Er ist aber auch unsinnig, weil Teilhabe an jedem Leben unmöglich ist. In Borges' Geschichte heißt es: "Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und sie überließen sie den Unbilden der Sonne und der Winter."
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(SZ vom 5.12.2008/jb)
Rekord in Deutschland
Um mich einfach mal selbst zu zitieren:
"Das Auftauchen neuartiger Informations- und Kommunikationsgeschmacksrichtungen führt bei Kulturpessimisten eben zwangsläufig zu einer Stimmulierung ihrer Beißreflexe. Ein Automatismus mit langer Tradition."
Quod erat demonstrandum, gell Herr Graff :-P
Quelle:
http://www.elektrischer-reporter.de/elr/video/83/
Genauso gut könnte man den Sinn von Gesprächen in Frage stellen: "Warum sollte man sein Leben, seine Gedanken und Befindlichkeiten" anderen mitteilen? Am Ende auch noch ausserhalb der eigenen vier Wände, wo jeder mithören kann? Schliesslich werden auch Gespräche in den seltensten Fällen für die wichtigen Dinge, wie Sensationsmeldungen aus Mumbai (Jetzt noch mehr Tote!) genutzt.
Kurzfazit: Hier hat jemand nicht verstanden was dieses Internet Dings ist und bläst sein Unverständnis auf volle 2790 Zeichen auf.
An den Autor: Gucken Sie mal hier vorbei: is.gd/8Qj3
Sicherlich kann man stunden-, dissertationen- und blogbeitraege-lang Internet Kommunikation analysieren, aber hier schwingt natuerlich auch immer die Restarroganz der 'Profis' mit: Interessanten Journalismus der Menschen bewegt und zum Nachdenken anregt den koennen Blogger, Twitter und andere 'Selbstdarsteller' natuerlich nicht liefern. Nur wer AFP-Meldungen umschreiben kann, Presseinfos als Berichte tarnen kann und jede Fernesehsendung kulturironisch zerlegen kann ist ein vollwertiger Journalist. Deswegen laeuft der Zeitungsmarkt auch gerade so gut...'Warum sollte man sein Leben, seine Gedanken und Befindlichkeiten für alle einsehbar ins Internet stellen?' Genau, das darf nur Axel Hacke Freitags im SZ-Magazin ;)...ein bisschen mehr Respekt fuer die Medienvielfalt waere manchmal angebrachter, sonst kaufe ich am Ende eure DVDs nicht mehr und der SZ-Verlag guckt in die Roehre ;)!