Der Facebook-Faktor Was links und rechts verbindet - und trennt

Wie nahe sind sich links und rechts, Sahra Wagenknecht und Frauke Petry, wirklich?

(Foto: dpa(2); Montage SZ)

Feindbilder, Gutmenschen und Jan Böhmermann: Das hat die SZ-Datenrecherche über linke und rechte Vorlieben, die wichtigsten Köpfe und die Macht der Satire herausgefunden.

Von Katharina Brunner und Sabrina Ebitsch

Links wird Martin Schulz gefeiert, rechts vor ihm als "dem Ding aus dem linken Sumpf" gewarnt. Rechts wird Stimmung gegen "Multikulti" gemacht, links ist man "pro Asyl". Das Wahlkampfgetöse wird vier Monate vor der Bundestagswahl, wenige Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen lauter, zumal im Netz. Wie weit sind rechts und links auseinander, wie polarisiert ist der politische Diskurs? Womit sind die Wände der Echokammern den verschiedenen politischen Lagern tapeziert - sprich, welche Themen bestimmen die Agenda der politischen Lager in den sozialen Netzwerken und wer tut das?

In den vergangenen Monaten hat die SZ mehr als eine Million öffentliche Likes von 5000 Facebook-Nutzern analysiert, um die politische Landschaft in dem sozialen Netzwerk zu kartografieren (mehr über die Methodik erfahren Sie hier, mehr über das gesamte Projekt hier). Auf Basis der Daten wurden unter anderem Ranglisten der populärsten Seiten in jedem Parteimilieu erstellt. An ihnen lässt sich ablesen, welche Facebook-Seiten beispielsweise bei Nutzern aus dem AfD-Umfeld besonders beliebt sind - und damit welche Interessen, Präferenzen und Personen die Timelines prägen. In verschiedenen Analysen ergibt sich so, welche Überschneidungen und welche Trennlinien es entlang des politischen Spektrums von AfD bis Linkspartei gibt.

SZ-Exklusiv: Der Facebook-Faktor

2017 findet der Wahlkampf auch auf Facebook statt. Wie wird im sozialen Netzwerk Politik gemacht? Und wie wird das die Bundestagswahl beeinflussen? Eine große SZ-Datenrecherche hat Antworten in einer Million Likes gefunden. Lesen Sie hier alle Texte zum Thema.

Es gibt keine Querfront: Den rechten und den linken Rand verbindet wenig

Kurz nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt lobte der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Markus Pretzell die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht in einem Tweet als "kluge Frau". Wagenknecht hatte in einem Interview Kanzlerin Merkel eine Mitverantwortung für die Toten vom Breitscheidplatz zugeschrieben. Pretzell selbst hatte die Opfer kurz nach dem Anschlag "Merkels Tote" genannt. In einem Doppelinterview von Wagenknecht und AfD-Chefin Frauke Petry in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde auch über den Satz gesprochen: "Wer sein Gastrecht missbraucht, hat es verwirkt." Er könnte von Petry stammen, ist aber von Wagenknecht. Immer wieder wird deshalb vor einer demokratiefeindlichen "Querfront" aus Linken und Rechten gewarnt, nach dem Motto: Die vermeintlich gegensätzlichen Extreme berühren sich.

Aber die Nähe, die sich hier womöglich herauslesen ließe, ist ebenso umstritten wie womöglich überbewertet. Denn Wagenknechts Anbiederungen nach rechts stoßen nicht nur in der Parteispitze, sondern auch an der Basis auf massive Kritik. Das spiegelt sich auch in den aus Facebook gewonnenen Daten wider. Denn eine politische Querfront lässt sich unter den Anhängern von AfD und Linkspartei nicht finden. Nur elf der 100 populärsten Seiten haben User aus beiden Milieus gemeinsam.

Damit steht der Grad der politischen Nähe von ganz links und ganz rechts auf Rang 19 von 21 möglichen Parteienkombinationen. Betrachtet man die Zahl der direkten Verbindungen, stehen sich AfD und Linke damit nicht wesentlich näher als etwa Grüne oder FDP den Rechtspopulisten; sie haben ähnlich viele Seiten gemein.

Darunter fallen zum einen reine Informations- oder Unterhaltungsangebote wie etwa das Politikressort von Focus Online, die Tageszeitung Die Welt oder eine Seite namens "Geniale Tricks", die ganz unpolitisch Life Hacks für den Alltag verspricht. Vereinzelt finden sich auch Seiten, die politische Sympathien erkennen lassen, wie etwa der Facebook-Auftritt von Sahra Wagenknecht oder jener der CSU. Sie fallen aber quantitativ nur bedingt ins Gewicht, zumal etwa Wagenknecht einen der beliebtesten Politiker-Accounts in den Daten der SZ hat und auch bei Usern aus dem Umfeld von CSU, Grünen und SPD Anhänger hat. Das zeigt sich auch in der Grafik unten, in der die Felder entsprechend der Popularität der links gelisteten Seiten in der jeweiligen Partei-Spalte dunkler oder heller eingefärbt sind:

Exklusiv, also ausschließlich bei AfD und Linken populär, sind nur wenige Seiten - in der Grafik die Zeilen, die nur in den Spalten ganz links oder rechts eingefärbt sind. Dazu zählen die Facebook-Seite des deutschen Ablegers von Russia Today, dem staatlichen russischen Auslandssender, oder ein Blog, das sich "Gegen den Strom" nennt und "Eindrücke abseits vom Mainstream" verspricht. Hier lässt sich womöglich ein gewisses Misstrauen gegenüber der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung ablesen, ein dominanter Faktor im politischen Gefüge auf Facebook ist dies aber nicht.