Debatten im Netz Eine neue Diskussionskultur muss her

Das mag arrogant klingen, öffentlich geäußert setzt es aber Standards für eine Diskussionskultur, die nicht nur online dringend fehlt. Es ist ein überfälliger Schritt, dem (Netz-)Dialog eine Richtung zu geben: Warum redet man überhaupt? Welches Ziel verfolgt das Gespräch? Es ist keine Form der Zensur, sondern vielmehr Voraussetzung für einen geglückten Dialog, Antworten auf diese Fragen zu geben - und auch durchzusetzen. Leser und Autoren wissen dann, worum sich das Gespräch dreht, das sie nun führen können. Und sie kennen auch dessen Grenzen.

Eine deprimierende Erkenntnis mancher aus dem Ruder laufender Netzdebatte lautet nämlich: Zahlreiche Kommentatoren sind nicht einmal Leser (geschweige denn Abonnenten), sie nutzen lediglich die Öffentlichkeit des jeweiligen Mediums, um ihre Ansichten breitzutreten. Dass sie diese bekommen, ist häufig schlicht Ergebnis beständigen Wegsehens. "Hart moderieren" lautet der Ansatz, der auch außerhalb des Netzes nicht unbekannt ist: Die geachtete Institution eines Parlaments würde innerhalb weniger Stunden zu einem Palaverabgrund, würde man dort alle Regeln abschaffen oder deren Einhaltung nicht mehr kontrollieren.

Brüllkommentare sind vielleicht ein Problem, das man offline lösen muss

Einzig eine "Netiquette" als Verhaltenskodex im Netz zu fordern lenkt deshalb von einem gesamtgesellschaftlichen Defizit ab, das die Grundlage der aktuellen Diskussion bildet. Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann. Stattdessen werden Kontrahenten in TV-Talkshows einzig nach dem Provokationsprinzip und nicht mit dem Ziel der Verständigung eingeladen. Und außerhalb des Fernsehens gilt: Je spitzer die These, umso größer der Platz auf dem Titel der Magazine.

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten "Lassen Sie jetzt mal mich ausreden"-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Wie die Zivilgesellschaft künftig diskutiert

Befördern die digitalen Plattformen unsere politische Debattenkultur? Oder hemmen sie diese? Welchen Einfluss haben die Empörungswellen in der digitalen Sphäre auf den politischen Betrieb? Kann die Politik auf die sozialen Netzwerke überhaupt noch verzichten? Ein Diskussionsbeitrag zum Auftakt der Artikelreihe "Digitales Morgen" von Süddeutsche.de und Vocer. Von Stephan Weichert mehr ...

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre - es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Die Mozilla Foundation hat unlängst eine Kooperation mit der New York Times und der Washington Post angekündigt, um die Frage zu beantworten, wie Online-Leserkommentare künftig aussehen könnten. Denn das Unbehagen damit ist keineswegs eine national deutsche Herausforderung - auch wenn es hierzulande oft so aussieht. Die Rolle der Medien verändert sich in der strukturgewandelten Öffentlichkeit, historisch gesehen steht dieser Wandel noch ganz am Anfang. Es ist also keineswegs zu spät, Vorbilder in diesem neuen Ökosystem zu schaffen - auch wenn es derzeit manchmal so wirkt.