Datenskandal Cambridge Analytica meldet Insolvenz an

Das ehemalige Hauptquartier von Cambridge Analytica in London.

(Foto: AP)
  • Die Firma im Mittelpunkt des Facebook-Datenskandals wird geschlossen.
  • Die Kontroverse um millionenfachen Datenabfluss kostete offenbar fast alle Kunden und sorgte für hohe Anwaltshonorare.
  • Aktivisten befürchten, dass die Firma unter einem anderen Namen weiter agiert.
Von Claus Hulverscheidt, New York

Politische Schmierenkampagnen, versuchte Beeinflussung der US-Wahl, widerrechtliche Nutzung von Millionen Facebook-Daten: Die Liste der Vorwürfe, die seit Wochen gegen die britisch-amerikanische Firma Cambridge Analytica erhoben werden, könnte länger kaum sein. Jetzt hat es die Manipulationsspezialisten selbst erwischt: Wie am Mittwochabend bekannt wurde, schließt das Unternehmen seine Pforten, weil es sich die Anwaltskosten in Folge des Facebook-Skandals nicht mehr leisten kann und "praktisch alle" Kunden verloren hat. Der Schritt sollte noch am Mittwoch vollzogen werden.

"In den vergangenen Monaten war Cambridge Analytica Gegenstand zahlreicher unbegründeter Vorwürfe", erklärte das Unternehmen auf seiner Internetseite. Viele der Anschuldigungen seien falsch, weil die Praktiken der Firma nicht nur legal gewesen, sondern in der politischen wie der Online-Werbung für Unternehmen völlig üblich seien. Angesichts des erlittenen Image-Schadens und der "prekären finanziellen Situation" sei eine Fortführung des Unternehmens nicht möglich.

Die Firma sieht sich selber offenbar als Opfer einer unausgewogenen Berichterstattung durch die Medien: "Obwohl diese Entscheidung extrem schmerzhaft für die Führung von Cambridge Analytica war, erkennt sie an, dass es für die engagierten Angestellten umso schwerer ist, die heute erfahren haben, dass sie ihre Jobs als Resultat unfairer Medien-Berichterstattung verlieren werden."

Cambridge Analytica steht im Mittelpunkt des Skandals um missbräuchlich verwendete Nutzerdaten, die Facebook weltweit massiven Ärger und Konzernchef Mark Zuckerberg gleich zwei Vorladungen vor Ausschüsse des US-Kongresses eingebracht hatte. Die Datenanalysefirma hatte von einem Professor, der sich für eine Umfrage an Nutzer des sozialen Netzwerks gewandt hatte, die persönlichen Daten der Teilnehmer erworben. Obwohl nur einige Hunderttausend User an der Umfrage teilnahmen, konnte Cambridge Analytica auch die persönlichen Informationen von deren Facebook-"Freunden" einsehen. Insgesamt gelangte die Firma damit an die Daten von bis zu 87 Millionen Menschen. Als Facebook davon erfuhr, forderte der Konzern die Datenanalytiker zur Löschung der Informationen auf. Cambridge Analytica ignorierte den Wunsch jedoch - und Zuckerbergs Firma fragte nie wieder nach.

Kunden kehrten Cambridge Analytica den Rücken

Je nachdem, wie viel ein Nutzer bei Facebook über sich verrät und welche Kommentare und Webseiten er weiterempfiehlt, geben die Daten etwa Auskunft über sein Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder die politische Einstellung. Cambridge Analytica nutzte die Informationen, um Persönlichkeitsprofile zu erstellen und eine Software zu entwickeln, die Nutzer gezielt mit politischen Botschaften versorgt. Ob sich damit tatsächlich das Wahlverhalten beeinflussen lässt, ist noch unklar. Tatsache allerdings ist, dass sowohl das Team des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump als auch die Initiatoren der EU-Austrittskampagne in Großbritannien sich 2016 sehr für die Arbeit von Cambridge Analytica interessierten.

Nachdem die Machenschaften aufgeflogen waren, trennte sich die Firma im März von ihrem Chef Alexander Nix. Wie der britische Fernsehsender Channel 4 aufdeckte, brüstete sich Nix in Werbevideos damit, dass er in der Lage sei, Wahlkämpfe durch Schmiergeldzahlungen an Politiker und fingierte Sex-Geschichten gezielt zu beeinflussen. Nach Nix' Entlassung leitete Cambridge Analytica eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe ein. Das änderte aber offenbar nichts daran, dass viele Kunden der Firma aus Angst vor Reputationsverlusten den Rücken kehrten und die Anwaltskosten immer mehr in die Höhe schnellten. Laut Wall Street Journal erhielten die Angestellten jetzt die Aufforderung, umgehend alle Firmenlaptops zurückzugeben.

Unklar war am Mittwoch zunächst, ob von der angekündigten Schließung auch die im Sommer 2017 registrierte Firma Emerdata sowie ein weiteres Unternehmen mit Namen Firecrest Technology betroffen sind. Im Aufsichtsrat sitzen laut Registrierung hochrangige Mitarbeiter von SCL, bis vor kurzem auch der ehemalige CA-Chef Nix. Auch Rebekah und Jennifer Mercer, Tochter des konservativen Milliardärs Robert Mercer, sind seit März diesen Jahres im Kontrollgremium gelistet. Die Mercers waren die Hauptfinanciers von Cambridge Analytica.

Aktivisten befürchten, dass die Praktiken der Firma einfach in einem Unternehmen fortgeführt werden, das einen anderen Namen trägt.

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