Datennetze Wenn es aus dem Kanaldeckel funkt

Die unscheinbaren Deckel sind aus sehr belastbarem Plastik.

(Foto: Kathrein)

Mobilfunknetze müssen aufgerüstet werden, weil die Volumina immer weiter steigen: Die Firma Kathrein hat jetzt Antennen entwickelt, die tief im Boden installiert werden.

Von Helmut Martin-Jung

Thorsten Dirks kennt das Problem: Ständig steigt der Bedarf nach mehr Kapazität in den mobilen Netzwerken. Telefónica Deutschland, deren Chef Dirks ist, hat gerade jede Menge damit zu tun, die Netze der fusionierten Netzanbieter E-Plus und Telefónica O2 zusammenzubringen und neue Standorte für Sender aufzubauen. Vielleicht sollte er mal in Rosenheim vorbeischauen. Denn dort in Oberbayern hat der mittelständische Antennenspezialist Kathrein eine Idee zur Marktreife gebracht, wie sich innerstädtische Gebiete auch ohne neue Sendeanlagen auf den Dächern mit mobilem Internet versorgen lassen.

Die Idee, mit der der Auftraggeber für dieses Projekt, der Schweizer Telekomkonzern Swisscom, auf Kathrein zukam, ist eigentlich ganz einfach: Wenn es von oben nicht (so einfach) klappt, wird eben von unten gesendet. Wie das gehen soll? Der Sender verschwindet in einem Schacht im Boden. Darüber befindet sich ein scheinbar ganz gewöhnlicher Kanaldeckel, der aussieht, als wäre er aus Gusseisen gefertigt.

Doch dem ist nicht so, wie Projektleiter Marcus Bergagård von Swisscom auf dem Mobile World Congress in Barcelona erläuterte. Das Metall würde die Funksignale nicht durchlassen. Der Deckel ist aus Kunststoff, hergestellt von einer italienischen Firma, die sich auf solche Imitate spezialisiert hat. Das kann nicht jeder, denn der Deckel muss nicht bloß aussehen wie einer aus Eisen, er muss auch so viel aushalten - 40 Tonnen, um genau zu sein, damit auch ein Lastwagen darüber fahren kann, ohne einzubrechen.

Im Probebetrieb

Das ist aber noch nicht alles, denn da der Sender im Boden durch den Verkehr auch Vibrationen ausgesetzt ist, würde das Antennensignal dadurch beeinträchtigt werden. Das war der Punkt, an dem Kathrein seine Stärke ausspielen konnte. Das Unternehmen gehört in diesem Bereich zur Weltspitze, fast alle großen Autohersteller setzen auf die Rosenheimer, wenn es um Antennentechnik in Fahrzeugen geht. "Die Idee mit den Schächten gab es schon lange, aber keiner hat es gemacht", erzählt Marcus Bergagård. Ein anderer Netzwerkausrüster habe das Projekt sogar abgelehnt. Auch bei Kathrein war man sich nicht so ganz sicher, ob es auch wirklich klappen würde, erzählt Projektleiter Helmut Mühlbauer.

Zurzeit sind die ersten funkenden Schächte in Lausanne und Basel im Probebetrieb. Bald schon sollen dann die größten zwanzig Städte der Schweiz mit der neuen Technik ausgestattet werden. In einer Stadt wie Zürich könnten dann um die hundert Kanalsender eingebaut werden, sagt Bergagård.

Für Kathrein ist das ein Durchbruch, denn mit dem Problem, das die Schweizer haben, sind sie nicht allein. "Wir haben sehr viele Anfragen", bestätigt Mühlbauer. Der Grund: In vielen Städten tun sich die Netzbetreiber schwer, neue Standorte für Sendeanlagen zu finden. Allein in der Schweiz sind im vergangenen Jahr schon 105 000 Gigabyte an Daten durch die mobilen Netze der Swisscom gerauscht, doppelt so viele wie im Jahr davor. So sei man schließlich auf die Idee verfallen, die Schächte zu nutzen, die ohnehin bereits der Swisscom gehören. Ein weiterer Vorteil: Über sie sind die Glasfaserkabel zugänglich, die unterirdisch in Röhren verlaufen, außerdem gibt es in den Schächten auch Strom.

Etwa 300 000 solcher Schächte gibt es in der gesamten Schweiz - genug Potenzial also, um die Versorgung mit mobilem Internet deutlich zu verbessern. Denn ganz ersetzen können die funkenden Kanaldeckel die auf Dächern angebrachten herkömmlichen Sendeanlagen nicht, aber sie können an Orten, an denen viel Datendurchsatz gebraucht wird, schnell und unauffällig installiert werden. Da die Sendeleistung nicht sehr hoch ist - die Reichweite beträgt nur etwa 200 Meter - eignet sich die Technik vor allem für Innenstädte.

Die geringe Leistung ist auch der Grund dafür, weshalb man nicht fürchten muss, nun auch noch unten mit starken Sendern bestrahlt zu werden. Die strengen Schweizer Vorschriften würden nicht nur eingehalten, versichert Swisscom-Mann Bergagård, sondern weit unterschritten.