It's the economy, stupid: Die Verklärung des Internets und seiner Geräte täuscht darüber hinweg, dass es um Geld geht, nicht um Kultur.
Die Enttäuschung war groß, nachdem der Chef des Elektronikkonzerns Apple, Steve Jobs, am vergangenen Mittwoch das neue Unterhaltungs- und Kommunikationsgerät iPad vorgestellt hatte. Aus gutem Grunde. Das iPad beendet die Offenheit des Internets und reduziert die interaktive Kultur des Web 2.0 auf ein Gerät, mit dem man nur noch konsumieren kann.
Bild vergrößern
Journalisten bei der iPad-Vorstellung: Es ging nie um revolutionäre Aufbrüche (© Foto: AP)
Anzeige
Man kann das nun als paradigmatisches Ende des Internets beklagen oder als magische Revolution bejubeln. Letztlich ist das iPad nur die konsequente Fortsetzung einer technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die Steve Jobs selbst begonnen hat. Schließlich war schon das Betriebssystem für den ersten Macintosh ein Sakrileg, weil es mit seiner geschlossenen Struktur der "Open Access"-Ethik der Computerwelt widersprach.
Tieferer Grund der Enttäuschung ist eine Verklärung des Internets und digitaler Technologien, die schon früh begann. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Welt der kalifornischen Computerpioniere entscheidend von der psychedelischen Kultur der sechziger Jahre geprägt wurde, die ähnlich weltfremd mit sich und ihren Werken umging.
Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass die digitale Kultur eine Technologie- und Wirtschaftsentwicklung mit sozialen Auswirkungen ist, während die Psychedelik in erster Linie eine gesellschaftliche Entwicklung mit künstlerischen und politischen Auswirkungen war.
Keine Manifestation des Weltgeistes
Für das intellektuelle Leben der sechziger Jahre waren die LSD-Experimente von Timothy Leary, eines Psychologieprofessors an den Universitäten von Berkeley und Harvard, ein epochaler Befreiungsschlag gewesen. Niemand hatte das Dogma des vernunftgesteuerten und linearen Denkens bis dahin so radikal angegriffen.
Dabei stellte er mit seinem Slogan "Turn on, tune in, drop out" auch gleich noch die Relevanz bürgerlicher Existenzen in Frage. Als sich Leary dann 20 Jahre später als einer der ersten Vordenker einer digitalen Kultur profilieren wollte, nahm es ihm niemand übel, dass er als Popstar des akademischen Betriebes seinen größten Hit noch einmal auflegte und proklamierte: "Das Internet ist das LSD der neunziger Jahre." Denken und Kultur sollte es verändern.
Nun wird jeder bestätigen, der sich sowohl mit der psychedelischen wie der digitalen Kultur auseinandergesetzt hat, dass der psychedelische Wert des Internets gleich Null ist.
Ähnlich vermessen klangen auch die Verklärungen des Internets als Manifestation des Weltgeistes, als philosophische Praxis, kognitive Revolution oder als der wahre Aufbruch der demokratischen Moderne. Denn es ging im Internet nie um kulturelle Inhalte und Deutungshoheiten, nie um intellektuelle Aufbrüche, sondern um Produktivität und Wirtschaftsmacht.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Apple stellt iPad vor Das unperfekte Perfektionsgerät 27.01.2010
- Phänomen Apple Dein Tablet komme 27.01.2010
- Apples iPad Überlege nicht! 28.01.2010
- Identität im Netz Man erkennt uns, weil wir leben 25.01.2010
Pop-Diva stirbt mit 48 Jahren
Oh mei...
Wasn los bei Euch in Minga?
Vielleicht mal das SZ Magazin vom Freitag studieren. Zum Thema Ideen und so....
Ich tu mir ja hart mit Prognosen, aber mein kleines bisschen Phantasie reicht schon aus, um mir eine durchaus nachhaltige Wirkung vom iPad (und allen anderen folgenden Geräten dieser Art) vorzustellen.
Ein Beispiel:
Schule. Das IPhone ist zu klein. Der Laptop zu groß und bietet zu viele Möglichkeiten der Ablenkung. Ein iPad mit entsprechender Software ....
Noch eines:
Krankenhaus:
Visite. Gleiches Thema wie oben. Gerade im Bereich Gesundheitswesen ist IT noch auf dem Stand von vor 500 Jahren. Hier gäbe es viel zu tun für das Wohl der Menschheit, und vieles davon hängt mit der schnellen und bequemen Verfügbarkeit von Daten zusammen. Wenn der Pfleger auf seinem iPad die Krankengeschichte sehen kann, und die richtige Dosierung eines Medikaments zusammen mit einem Photo des Patienten / dem CT / wichitgen Hinweisen / ... könnten viele Fehler vermieden werden.
Industrie / Handel
Man kann für sehr viel Geld Speziallösungen zur Bestandsverwaltung anschaffen, samt tragbarer Geräte zur Datenerfassung. Bringt aber nix für den kleinen Laden um die Ecke. Ein iPad mit entsprechender Software wäre bezahlbar und würde das Problem auch elegant lösen.
Als das iPhone rauskam war der Tenor ( vor allem auch hier bei der SZ): So ein Unsinn, wer braucht das zum Telefonieren. Jetzt ist jeder froh, daß er in einer fremden Statt den Weg vom Bahnhof zum Hotel auf seinem Handy angezeigt bekommt... Oder in der UBahn nach dem Telefonat mit der Freundin noch eine Theaterkarte mehr bestellen kann. Und bezahlen.
Untersendlinger
Zitat:
"Und visuell haben Computer und Internet bisher weder in der Kunst noch im Design nennenswerte Spuren hinterlassen."
Modernes Design - ob in der Architektur, dem Automobilbau oder sonstwo - wäre ohne Computer nicht denkbar. Hat der Autor den Begriff "CAD" - Computer Aided Design schon einmal gehört?
Zitat:
"Tauschbörsen und iPod haben die Musikindustrie verändert, nicht die Musik (...)".
Wäre die Musik des 20. Jahrhunderts ohne Musik denkbar? Ohne Synthesizer, Autotune usw.? Das muss man nicht mögen, aber zur Kenntnis nehmen sollte es auch die Jazz- und Klassikfraktion.
Zitat:
"Fast alle epochalen Texte, die das Internet hervorgebracht hat, beschäftigen sich mit: dem Internet."
Und es ist nicht epochal, das wir dank Youtube und Twitter binnen Stunden sehen und erfahren können, was auf der Welt passiert? Ob Demonstrationen in Teheran oder Attentate in Dehli, ganz zu schweigen von schöneren Nachrichten?
Die kulturelle Leistung des Internets ist eine epochale, die mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist. Die Fähigkeit, ein Buch zu drucken statt es schreiben zu müssen, hat per se keine neuen Inhalte hervorgebracht - Gutenberg hat als erstes die Bibel gedruckt.
Aber die Fähigkeit, kostengünstig mittels gedruckten Büchern, Flugblättern usw. kommunizieren zu können, hat die Welt verändert und Millionen Menschen inspiriert, neue Inhalte zu schaffen.
Heute nehmen viel mehr Menschen am Kommunikationsprozess teil, als jemals in der Geschichte der Menschheit - u.a. auch ich.
Wenn das nicht epochal ist....
dass massenhaft Leute bereit sind, für Musik, Filme und demnächst vermehrt auch Bücher fast denselben Betrag abzudrücken, den sie auch bisher schon entrichten durften beim Kauf "analoger" Ware, während die Verwerter der Kulturware alle Kosten des Vertriebs und Verkaufs auf ein Minimum reduzieren.
Und dies bei freiwilliger Unterwerfung unter ein proprietäres System eines Anbieters von Soft- und Hardware, mit Zwangsverträgen, Kontrolle von Inhalten, Beschneidung prinzipiell möglicher Fähigkeiten der Hardware etc.pp.
Zudem darf der Kunde selbst auf eigene Zusatzkosten alle Vertriebswege der Ware bereitstellen und fortlaufend auf den neuen Stand bringen (DSL, Modem, Speichermedien), darf sich ständig fortbilden und mit den Unzulänglichkeiten der Technik herumärgern, all das oft genug, ohne wirklich auf Dauer der Besitzer der teuer bezahlten Ware zu werden (Kopierschutz).
Ich bin auch nicht eben begeistert von einigen der Designentscheidungen, die für das iPad getroffen wurden. Den Satz "Das iPad beendet die Offenheit des Internets und reduziert die interaktive Kultur des Web 2.0 auf ein Gerät, mit dem man nur noch konsumieren kann" verstehe ich allerdings nicht. Mit dem Web interagiert man mit Hilfe eine Web-Browsers. Auf dem iPad ist ein Web-Browser enthalten, der all das kann, was ein Web-Browser können sollte (abgesehen von Flash). Man kann also mit dem iPad genauso interaktiv auf dem Web sein wie mit jedem Linux-Rechner. Diesen Text hier hätte ich auch mit einem iPad schreiben können. Was ist also gemeint?
Auch etwas seltsam ist der Satz, in dem behauptet wird, das erste Mac OS widerspräche "mit seiner geschlossenen Struktur der 'Open Access'-Ethik der Computerwelt". Für alle Versionen des Mac OS gab es bisher eine große, vielfältige und sehr offene Entwicklergemeinde. Dass das Mac OS nicht "open source" ist, wird Apple wohl keiner vorwerfen wollen - zumal ja seit Mac OS X Teile des Betriebssystems sogar nun tatsächlich open source sind!
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB