Von Jeanne Rubner

Warum Bildung und Online-Anschlüsse nicht viel miteinander zu tun haben.

(SZ vom 10.1.2003) - Arme kleine Niedersachsen. Ihnen droht, so haben Forscher der Hochschule Vechta herausgefunden, die digitale Spaltung. 14 Prozent der Dritt- und Viertklässler arbeiten nie mit dem PC in der Schule, ebenso unglückliche 15 Prozent besitzen zu Hause noch nicht einmal einen Computer. Was soll aus diesen Kindern werden?

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Nichts besseres und nichts schlechteres als aus der Generation vor ihnen, so kann man nach einem Jahrzehnt Erfahrung mit dem World Wide Web sagen. Zugegeben, die Netzeuphorie hat Schulen später ergriffen als Marktplätze. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass Kinder und Jugendliche, auch wenn sie schneller in die Tasten hauen, geschickter Bildschirmspiele meistern und besser durchs Web streunen als ihre Eltern, später dennoch nicht schlauer sein werden.

In einer Serie durchstreifen wir das Paralleluniversum, erzählen, wie es wurde, was es ist, was es kann und was einmal aus ihm werden könnte. Heute geht es um Schulen und Internet.

Was hatten Netzprotagonisten nicht alles versprochen! Vor den Bildschirmen würden Menschen entstehen, die anders dächten, weil sie in ihren Hirnwindungen schon das Bildhafte, das Assoziative des Netzes gespeichert hätten. Die Welt unter ihren Fingerspitzen würden sie mühelos über den Ozean des Wissens surfen, hier Fremdsprachen, dort Formeln aufsaugen. Besser noch: Via E-Mail-Austausch mit kleinen Afrikanern und Chinesen werde die Völkerverständigung gefestigt. Die Schulen würden sich in blühende Lernlandschaften verwandeln, in denen friedliche Kinder vor flachen Schirmen sitzen und statt harscher Worte freundliche Botschaften ihrer Lehrer empfangen. Nicht Bücher, sondern Laptops würden in den Ranzen stecken. Die Pädagogen selbst könnten den Frontalunterricht aus dem 19. Jahrhundert aufgeben und nur noch als Wissens- und Medienkompetenzvermittler arbeiten. Wer hatte das Diktum "Ich bin online, also lerne ich" je in Frage gestellt?

"Schulen ans Netz" hieß das Motto der sozialdemokratischen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn und des flugs zum Internet-Kanzler gekürten Gerhard Schröder. Andere verwiesen gerne auf die USA, wo bereits vor ein paar Jahren 85 Prozent der Schulen einen Internet-Anschluss bekamen, während es hierzulande nur ein Drittel war. Was im gelobten Land des Internet geschah, musste wegweisend für die Bildung sein. Jeder Kultusminister wollte sich mit möglichst vielen Online-Schülern in seinem Bundesland brüsten, und je weniger Bildungspolitiker vom Netz verstanden, desto mehr versprachen sie sich von der schönen bunten Bildschirmwelt.

Dummerweise hatten die Apologeten des Netzes ein paar Fallstricke der Vernetzung übersehen. Etwa das Geld: Mindestens 40 Milliarden Euro, so eine Schätzung der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 1998, würde es kosten, für jeden Schüler einen Computer bereitzustellen. Hinzu kämen noch einmal zwölf Milliarden Euro jährlich für die Wartung.

Auch über die Datenflut im World Wide Web wurde wenig geredet. Wer eine Information sucht, muss sich durch mehrere Milliarden oft schlecht sortierter Seiten wühlen. Im dezentralen Netz ist mehr Text gespeichert als in der Library of Congress in Washington D.C.. Doch welcher Lehrer würde seine Schüler ohne Vorwissen zum Kapitol schicken? Beim Netz dagegen hegen viele die absurde Vorstellung, der Mausklick könnte Wissen ersetzen - als ob der Griff zur Enzyklopädie schon gebildet macht. Eine Zeit lang schien es, als ob der naive Glaube an die Logik der Maschinen das Nachdenken über Bildung verdrängen könnte. Wozu noch anstrengen, wenn Lernen schneller, besser und unterhaltsamer sein kann? Und wenn es nicht voranging mit dem multimedialen Spaß im Klassenzimmer, dann waren garantiert die Lehrer schuld, die nicht wussten, wie man eine Maus bedient.

Zwei Ereignisse beendeten die Träume der Netzeuphoriker. Mit den zerplatzenden Hoffnungen der New Economy erhielt auch die "Schulen ans Netz"-Bewegung einen Dämpfer. Schließlich fehlten plötzlich eben jene Unternehmen, die die schöne neue Lernwelt propagiert hatten. Doch auch Pisa offenbarte, dass die deutschen Schulen andere Sorgen plagen als nur die Verkabelung der Klassenräume. Plötzlich wurde allen bewusst, dass der Bildungsgraben in Deutschland nicht zwischen Schulen mit und ohne Online-Zugang verläuft, sondern zwischen guten und schlechten. Dass es vielleicht wichtiger ist, Ganztagsschulen anzubieten, damit Kinder aus Familien mit weniger Bildungsbewusstsein bessere Chancen bekommen. Selbst die paar Milliarden Euro für Kantinen muss die Regierung mühsam zusammenkratzen. Von wegen: Ein Laptop für jeden Schüler!

Seitdem darf man wieder Bedenken anbringen: So entwickelten einer Umfrage zufolge Laptop-gewohnte Privatschüler aus New York bereits Abneigungen gegen das ubiquitäre Gerät, nur 60 Prozent von ihnen hielten Computerfähigkeiten überhaupt für sinnvoll. Die Hälfte der Schüler schimpften über verlorene Dateien, defekte Akkus und fehlerhafte Treiberdateien - von spaßigem Lernen war keine Rede mehr. Hohe Kosten und ein nur vager Nutzen bescheinigten kürzlich auch Forscher aus den USA und Israel den Bemühungen, Schulen ans Netz zu bringen. Bei Vergleichen zwischen Klassen mit und ohne Computerausrüstung beobachteten sie, dass die Rechner die Leistung der Schüler nicht stärken, sondern teilweise sogar schwächen. Und in den USA klagen Lehrer längst darüber, dass wegen der teuren Ausrüstung das Geld für Physiklabors und Bibliotheken fehlt. Kindergärten, die fortschrittlich sein wollen, werben mittlerweile damit, dass sie keinen Computer haben.

Überrascht waren die schlauen niedersächsischen Forscher übrigens von der Tatsache, dass ein Viertel der Grundschüler den PC im Klassenzimmer für Spiele nutzt. Sollte Lernen doch ein wenig mehr sein als Klicken?

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