Von Frank Hartmann

Warum die Medientheorie den Cyberspace nicht erklären kann.

(SZ vom 13.9.2002) - Ihm, der über die "schreckenerregende Vielzahl von Büchern, die ständig zunimmt" klagte, hätte unsere Zeit Respekt eingeflößt: Eine Welt des rationalen Entwurfs, mit Algorithmen als Grundlage fast aller Kommunikationen und der technischen Nutzbarmachung seiner Idee von einem dualen Zahlensystem für neue wunderbare Maschinen. Dabei erlebte Leibniz, den die Informationsflut schon Ende des 17. Jahrhunderts störte, nicht einmal die Ära der Enzyklopädien.

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Unsere Kultur müht sich mit der Einlösung eines Versprechens: Wissen, über das alle gleichermaßen und jederzeit verfügen können. Was kann es für das Bildungswesen bedeuten, wenn die Informationsströme nicht länger kanalisiert, sondern gerecht verteilt würden? Das Internet bietet dafür eine mediale Basistechnologie. Die Vernetzung der Infrastruktur und die Digitalisierung der Inhalte öffnen - für den Einzelnen und für das Kollektiv - ein völlig neues Kapitel in der Geschichte der Medien.

Aber bedingen die neuen medialen Technologien eine neue Form der Nachhaltigkeit? Kommt der Mensch, frei nach einem Gedanken Vilém Flussers, endlich dazu, Werte zu verwirklichen statt bloß Wirklichkeit zu verwerten? Der langfristige Gebrauch eines Kommunikationsmediums, so stellte der kanadische Wirtschaftshistoriker Harold Innis Ende der vierziger Jahre fest, prägt die Gestalt gesellschaftlichen Wissens. Irgendwann aber entspricht die Logik des Mediums nicht mehr der erforderlichen Effizienz. Leben und Veränderung werden schwieriger, schließlich formieren sich neue Medien: Eine These, in der McLuhans berühmtes Theorem vom Medium als der Botschaft seine Wurzel hat. Im Zeitalter der Audiovisualität werden Medien neu begriffen. "Medien" hat es als Allgemeinbegriff zuvor nicht gegeben; nun gibt es Medientheorie. Nicht Buch, Zeitung, Radio, Fernsehen - nein, Medien: Agenten einer subjektlosen Geschichte, die sich unabhängig von Interessen fortschreibt. Die Medientheorie brachte die letzte narzisstische Kränkung des modernen Menschen auf den Punkt: dass Denken und kulturelle Ausdrucksform im radikalen Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Mit neuen Medien zu neuen Welten - in diesem Sinn hat die typografische Wissensproduktion die Gestalt der Moderne geprägt. Sie bedeutet vor allem die Auslagerung des Gedächtnisses in Bücher und Bibliotheken einerseits, die Herrschaft des Prinzips der Linearität andererseits. Die Auslagerung ist ein Motor sozialer Evolution, doch theoretisch begriffen wurde das spät: Leibniz gilt als einer der letzten, dessen Kopf noch eine ganze Welt zusammendachte. Dabei hatte gerade er an die Mechanisierbarkeit des Denkens geglaubt. Wenn die Maschine rechnet, bleibt der Kopf frei für andere Dinge. Dies wäre als Befreiung im Sinne Rabelais' zu verstehen, wonach ein gebildeter Kopf besser ist als ein voller.

Doch im Fortschritt der neuen Technologien, in denen das Rechnen und die Bibliothek zusammenfallen können, will die Kulturtheorie stets nur eine Logik des Zerfalls erkennen: Sprachzerfall, Bilderflut, Antihumanismus, Kulturverlust. Die Medientheorie argumentiert differenzierter. Sie zeigt, wie Sprache, die angesichts der neuen Medien "zerfällt", aus dem typografischen System der Druckkultur überhaupt erst entstanden ist. Durch die Druckerpresse haben die Menschen nicht aufgehört zu sprechen, aber sicher anders gesprochen.

Über die Kritik der Linearität - neben der Auslagerung des Gedächtnisses der zweite große Punkt der Medienevolution - ist viel geschrieben worden. Linearität bestimmt die westliche Logik. Instrumentell vereinfachte Kommunikationsmodelle, nach denen eine Botschaft vom Sender zum Empfänger übermittelt wird, spiegeln diese Logik ebenso wider wie das Szenario der Massenmedien, die nur Sendezentralen und ein "disperses Publikum" kennen. Doch der große Paradigmenwechsel des 20. Jahrhunderts setzt Rückkopplungen und Vernetzungen gegen derlei Vereinfachungen. Lange vor seiner technischen Realisierung gab es eine mathematisch fundierte Theorie des Kommunikationsnetzes. Michel Serres zeigte Anfang der sechziger Jahre - also zeitgleich mit McLuhans Thesen - Kommunikation als vielschichtig und widersprüchlich. Sie lässt sich gerade nicht auf die Übertragung einer Nachricht von A nach B reduzieren.

Die seit Jahrzehnten dauernde technische Umsetzung der Vernetzung reagierte darauf, dass Kommunikationen immer komplexer wurden. Die Metapher von der "kollektiven Intelligenz" mag einer mechanistisch geprägten Denkkultur vermessen erscheinen, doch sie beschreibt zutreffend die Möglichkeit einer Kultur ohne steuerndes Zentrum und ohne transzendente Vermittlung.

Ein weltweites Kommunikationssystem erzeugt eine neue Ökonomie. Doch nicht die virtuelle Realität befriedigt die Bedürfnisse der Menschen, und die Plattitüde, dass es um Menschen und nicht um Technik geht, hilft nicht weiter. Die Weltgesellschaft ist eine medial verfasste; allerdings prallen die Kulturen genau auf der medialen Ebene aufeinander: Die globale Mediensphäre öffnet der Theorie ein Aufgabenfeld, denn in der Kultur und im Sozialen kommt das sonst wenig fassbare Mediale zum Tragen.

Das erklärt vielleicht, warum die existierende Medientheorie so eindimensional ist. Ihre Begrifflichkeit entstammt einer Zeit vor dem Netz, ganz ähnlich wie bei der etablierten Publizistikwissenschaft, die hilflos auf ihr neues "Forschungsobjekt" starrt. Medientechnisches und medienökonomisches Wissen machen im Großen und Ganzen vor dem Internet noch Halt. Wie und was hier geforscht und gelehrt werden kann, ist Thema der unmittelbaren Zukunft: Studierende sind den Dozenten im praktischen Know-How weit voraus.

Man kann darauf wetten, dass die Netzkultur bald "massenkulturell" genug sein wird und die Cultural Studies künftig auch Net Studies betreiben werden. Ganz sicher aber müssen neue medienanthropologische Lehr- und Forschungsansätze ausgearbeitet werden.Dabei geht es nicht um einen Techno-Diskurs über die Konstruktion neuer Welten, sondern um die schlichte Einsicht, dass - so wie die Sprache unser Denken bedingt - , die Medien unsere Kommunikationen prägen und unsere Welt modellieren. Damit ergibt sich aber als Fluchtpunkt der Überlegungen zum künftigen Verhältnis von Menschen und Netztechnologien nicht die Vision eines anderen Sprechens und Handelns, sondern die eines anderen Denkens.

Die wahren Veränderungen, die dieser mediale Umbruch mit sich bringen wird, sind nicht weniger spektakulär. Wenn derzeit 90 Prozent des Wissens in der nördlichen Hemisphäre produziert werden und das mit unmittelbarer ökonomischer Wirkung, dann kann man sich die Folgen kaum vorstellen, wenn tatsächlich ein neues Bildungskonzept greift: Lernen erfolgt bei Bedarf, und Wissen ist immer dort, wo es gebraucht wird.

Schon immer gab es Vorschläge zur Verbesserung der menschlichen Kommunikation. Wie armselig diesbezüglich unsere antizipative Kraft ist, lässt sich daran ermessen, dass es zahllose Versuche einer Idealsprache gab, aber eigentlich keine einzige akzeptable Kommunikationstheorie. Wir sind befangen in den Fragen der alltäglichen Pragmatik und nehmen die übergeordnete Perspektive nicht wahr, die die Medienevolution bedeutet. Philosophen der Kommunikation sprechen von einem neuen Zeitalter der Menschwerdung. Biologisch wird der Mensch der Medienzukunft nicht viel anders gebaut sein als heute. Aber er wird sich vom Menschen der Gegenwart so radikal unterscheiden, wie wir von Menschen des 18. Jahrhunderts. Doch so wie jene für Meinungs- und Pressefreiheit gekämpft haben, werden heute neue Kämpfe geführt - die gegen technische Monopolisierungen, und für das Recht auf Partizipation an den globalen Kommunikationen.

Technisch gesehen ist das Internet genau die Innovation, die eine demokratische und selbstbestimmte Gesellschaftsform verlangt. Das ist sein Potenzial und seine Kraft. Ende des 21. Jahrhunderts wird man auf den Kampf, der heute gegen die industriellen Kommerz-Haie geführt wird, ähnlich zurückblicken, wie wir heute auf jenen um Publizität zur Zeit der Aufklärung.

Der Autor ist Dozent am Publizistik-Institut der Universität Wien. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Medienphilosophie" (UTB).

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