Daniel Domscheit-Berg über Wikileaks "Der Streit wurde so absurd"

Daniel Domscheit-Berg half, die Enthüllungsplattform Wikileaks aufzubauen und wurde neben Julian Assange zum wichtigsten Vertreter der Gruppe. Vor einem Jahr verließ er Wikileaks wegen Assanges autoritärem Führungsstil. Ein Gespräch über seinen Großvater, Assanges Verdächtigungen und den Wert geheimer Informationen.

Interview: Janek Schmidt

Daniel Domscheit-Berg, 33, ist der wohl bekannteste Vertreter der deutschen Computer- und Hackerszene. Nach seinem Informatikstudium arbeitete er zunächst für ein Unternehmen und errichtete dort Computernetzwerke. Von 2007 an half er, die Enthüllungsorganisation Wikileaks aufzubauen, kündigte seinen Job und wurde neben Julian Assange zum zweiten Mann der Aktivistengruppe. Im Streit um den autoritären Führungsstil von Assange verließ er Wikileaks vor einem Jahr und gründete mit anderen Aussteigern das Projekt Openleaks. Neben der Arbeit an dieser Organisation hält er Vorträge über Engagement im Zeitalter des Internet.

SZ: Herr Domscheit-Berg, Sie haben ja Ihren Laptop gar nicht dabei!

Daniel Domscheit-Berg: Ja, der liegt bei mir zu Hause.

Aber ohne den gehen Sie doch sonst nie aus dem Haus!

Doch, mittlerweile schon. Ich habe aufgehört, ständig im Internet Nachrichten zu lesen.

Jetzt reden alle von Facebook und der Twitter-Revolution, und ausgerechnet Sie klinken sich aus?

Ja, ich twittere schon lange nicht mehr. Ich habe auch keinen Facebook-Account oder Blog. Selbst mein Handy nutze ich viel seltener.

Was ist passiert?

Es war am 4. August, als das Sommercamp vom Chaos Computer Club losging . . .

Auf dem Sie dann mitten in der Nacht aus dem Hacker-Club ausgeschlossen wurden . . .

. . . ja, das war der Höhepunkt eines Streits, der ein Jahr zuvor ausgebrochen war, als ich Wikileaks mit anderen verlassen hatte. Dieser Ärger wurde in den Chaos Computer Club reingetragen, zum Leidwesen aller Beteiligten.

Warum war dieses Erlebnis so ein Einschnitt für Sie?

Weil der Streit auf einmal so absurd wurde. Nach unserem Ausstieg bei Wikileaks haben wir angefangen, an unserem neuen Projekt Openleaks zu arbeiten. Jeder einzelne von uns investiert da extrem viel Zeit und Energie, weil wir daran glauben, dass wir etwas Positives für den Rest der Welt schaffen. Aber wenn das mit so einer Scheinargumentation sabotiert wird, wenn ich zu hören kriege, dass ich ein Verräter bin und nur eine Konkurrenz aufbauen will, dann geht das einem ja auch ein bisschen nahe. Dann sagst du dir doch: "O.k., lassen wir es halt" - und genau das wollen einige Leute ja auch nur, aber dafür ist die Sache zu wichtig,

Wie haben Sie das Dilemma gelöst?

Ich bin in mich gegangen und habe bemerkt: Es war alles zu hektisch. Seit 2010 ist das Wahnsinn, genug Action für fünf Jahre Lebenszeit, erst bei Wikileaks und dann das Drama um unseren Ausstieg.

Bei dem Ihr früherer Mitstreiter Julian Assange Ihnen Diebstahl vorwarf.

Es geht da um die Zeit vom September 2010, als ein paar von uns das Projekt verlassen haben. Damals hatte ich privat vier Server für Wikileaks gesponsert, die ich nicht länger bezahlen wollte und deshalb habe ich gesagt: ,Zieht die Daten von diesen Servern um.' Aber um die Übergabe hat sich dann niemand gekümmert, Julian meinte immer, er will sich um die Irak-Veröffentlichung kümmern und hat keine Zeit. Nach drei Wochen Hickhack haben wir uns entschieden, nicht länger zu warten, und dieses Datenpaket auf eine Platte zu speichern, auf der es sicher ist. Ich hatte dazu jedoch nur den Schlüssel.

Haben Sie die Platte und den Schlüssel irgendwann zurückgegeben?

Ein erstes Paket mit allen bereits veröffentlichten Dokumenten von Wikileaks habe ich einem externen Vermittler gegeben zur Übergabe an Julian. Der Vermittler hat dann aber beschlossen, all diese Daten zu publizieren, ohne zu wissen, was er tut und dabei übersehen, dass die unredigierten Botschaftsdepeschen darunter waren. Für das zweite Paket, also die unveröffentlichten Dokumente, die jemand anders aufbewahrte, wollten wir dieses Risiko nicht nochmal eingehen.

Hätten Sie nicht persönlich mit jemandem von Wikileaks sprechen können?

Ein Dreivierteljahr lang kam von Wikileaks immer nur dieser Vermittler. Ich habe nie verstanden, warum sich Julian nie direkt mit uns in Verbindung gesetzt hat. Er hat uns nicht mal selbst gesagt, dass der Vermittler in seinem Auftrag agiert, und in meiner Zeit bei Wikileaks war der Vermittler auch nicht Teil des Projekts.

Haben Sie irgendwann erwogen, die Papiere selbst zu veröffentlichen?

Nein, die gehörten ja nicht uns.

Aber zum Veröffentlichen hätte es vermutlich noch andere kompetente Abnehmer gegeben.

Sie glauben nicht, wie viele Leute zu mir gekommen sind und mir gesagt haben, wir sollen ihnen doch Zugang zu den Papieren geben, aber die hatten alle nichts mit Wikileaks zu tun. Irgendwann fühlte ich mich wie Frodo mit dem verfluchten Ring, und jeder Gollum dieser Welt will mit irgendeiner Begründung den Ring haben. Aber bevor ich das mache, stelle ich lieber sicher, dass ich keine Quelle gefährde, und deswegen habe ich den Schlüssel zu den Dokumenten vernichtet.