Von H. Martin-Jung und A. Vrouwe

Neue Techniken können das Fernsehen dreidimensional machen - und brauchen dazu noch nicht einmal eine Spezialbrille.

Aus dem Hintergrund könnte Podolski schießen. Podolski müsste schießen. Podolski schießt - vorbei, und die gesamte Familie auf dem Sofa duckt sich unwillkürlich unter dem vom Bayernstürmer mit Wucht getretenen Ball weg. Dreidimensionales Fernsehen könnte den Zuschauern eine nahezu perfekte Illusion von der Tiefe des Raumes geben und ein ganz neues Gefühl des Dabeiseins erzeugen. Technisch möglich ist das räumliche Sehen auf Bildschirmen schon seit längerem. Noch hat sich aber kein Verfahren für den Massenmarkt durchgesetzt.

3D-Brillen, dpa

3D-Brillen werden in Zukunft nicht mehr nötig sein. Jetzt will man dem Fernseher die Brille aufsetzen. (© Foto: dpa)

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Dass Menschen überhaupt dreidimensional sehen können, ist vor allem eine Leistung des Gehirns. Der Denkapparat schafft aus den geringfügig unterschiedlichen Informationen, welche die beiden Augen liefern, dreidimensionale Räume. Unterschiedlich sind die Bilder deshalb, weil die Augen aus leicht unterschiedlichen Winkeln in die Welt blicken. In der frühkindlichen Entwicklung, wenn der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes lernt die Welt zu begreifen, interpretiert das Gehirn diese kleinen Unterschiede räumlich. Dreidimensionales Sehen beruht also auf Erfahrung.

Dieses erlernte räumliche Sehen macht sich nach eigenen Angaben der deutsche Hersteller Charisma zunutze, der Fernsehgeräte im Programm hat, die 3D-Effekte ohne Hilfsmittel wie Spezialbrillen erzeugen. Das Besondere soll dabei in der Elektronik der Bildschirme stecken. Diese rechnet in Echtzeit, also während zum Beispiel eine DVD läuft, die Aufnahmen so um, dass Menschen den Eindruck gewinnen, in den gezeigten Bildern stecke räumliche Tiefe. "Das ist so, wie wenn sie es schaffen, aus einer Mono-Aufnahme über zwei Lautsprecher den Eindruck von Räumlichkeit zu erzeugen", sagt Geschäftsführer Ralf Lohmann.

Sie setzen dem Bildschirm die Brille auf

Wie die Technik genau funktioniert, will Lohmann nicht verraten, aus Furcht vor Produktpiraterie, wie er sagt. Aus Gründen der Geheimhaltung sind die Geräte angeblich sogar mit einem Selbstzerstörungsmechanismus ausgerüstet. Wenn man versuche, das Gerät zu öffnen, zerstöre sich die Bildverarbeitungseinheit binnen 0,3 Sekunden selbst, sagt Lohmann. Solche Exklusivität hat ihren Preis. Das billigste Gerät, ein Plasma-Fernseher mit 42 Zoll-Bildschirm, kostet 11.800 Euro.

Um das Gehirn zu überlisten, werden auch andere Verfahren erprobt. Sie alle haben ein Ziel: Den beiden Augen des Menschen leicht unterschiedliche Bilder zu zeigen, die im Gehirn den 3D-Eindruck erzeugen. Am bekanntesten ist das Verfahren, bei dem der Betrachter eine Brille mit zwei unterschiedlich gefärbten Gläsern tragen muss. Damit wurde bereits in den 1950er-Jahren für Kinofilme experimentiert. Neuere Verfahren setzen aber sozusagen dem Bildschirm die Brille auf. Philips etwa bietet Geräte an, auf denen viele kleine Linsen sitzen. Diese zeigen aus unterschiedlichen Blickwinkeln unterschiedliche Bilder.

Ein anderes Verfahren hat man am Berliner Heinrich-Hertz-Institut entwickelt. Auf den als Prototyp entwickelten Monitoren ist eine Maske mit feinen Lochstreifen aufgebracht. Wenn man aus dem richtigen Betrachtungsabstand von etwa 70 Zentimeter auf den Monitor blickt, bekommt jedes Auge ein eigenes Bild angezeigt. Zwei Besonderheiten zeichnen die Neuentwicklung der Berliner Forscher aus. Jeder Bildpunkt oder Pixel besteht eigentlich aus drei Subpixeln - eines für jede Farbe. Der Gruppe um Projektleiter René de la Barré ist es gelungen, auch die Farbpixel für den 3-D-Effekt zu nutzen. Damit das richtig funktioniert, hat der Monitor seinerseits ein Auge bekommen: Eine eingebaute Kamera registriert, wo sich die Augen des Betrachters befinden, und passt die Darstellung auf dem Monitor an.

Das Ergebnis wirkt gut, aber noch nicht hundertprozentig

Das funktioniert allerdings nur, wenn der Monitor auch mit Filmmaterial gefüttert wird, das stereoskopisch aufgenommen wurde. Um solche 3D-Filme zu drehen braucht man Kameras, die ihrerseits parallele Aufnahmen aus leicht unterschiedlichen Perspektiven machen. Doch können auch alte Filme von 2D in 3D umgewandelt werden. Voraussetzung dafür ist eine sogenannte Tiefenkarte, die zeigt, welche Objekte im Bild sich wo befinden - vorne oder hinten. Bis vor kurzem war die Produktion solcher Karten Handarbeit. Die 3-D-Versionen von Filmen aus George Lucas' Star Wars-Reihe sind so entstanden. Inzwischen kann auch das eine Elektronik automatisch und in Echtzeit erledigen. Die Blue Box von Philips benutzt mehrere Methoden, um herauszufinden, wo sich die Objekte im Bild befinden. So sind schnelle oder sehr bunte Objekte fast immer im Vordergrund. Das Ergebnis wirkt gut, aber noch nicht hundertprozentig. Ähnliches bietet auch die frühere deutsche Firma 3-D-Image Processing an, die 2006 von der in Hollywood ansässigen 3ality Digital Systems aufgekauft wurde.

Das Interesse daran, zweidimensionale in 3D-Bilder umzuwandeln, ist nachvollziehbar, denn die neue Technik leidet an einem Henne-Ei-Problem: Für die 3D-Bildschirme gibt es kaum Filme zu kaufen. Die aber werden nur produziert, wenn genügend Menschen sie sich auch ansehen können. Welche Art von 3D-TV sich durchsetzen wird, bleibt wohl noch auf Jahre hinaus offen, zumal Europa bei solchen Entwicklungen nicht die Avantgarde bildet. In Japan und den USA gibt es zum Beispiel schon seit einer Weile hochauflösendes Fernsehen. In Deutschland soll es erst im Jahre 2010, zu den olympischen Winterspielen, damit losgehen.

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(SZ vom 18.3.2008/mia)