Cyber-Attacken Der Krieg, den niemand sieht

Länder in aller Welt rüsten ihre IT-Infrastruktur auf, um sich gegen Angriffe über das Internet zu rüsten. Weil die Bedrohung diffus ist, schüren Lobbygruppen die Angst.

Von Johannes Kuhn

Alles beginnt mit einer schädlichen App: Ein solches Miniprogramm verbreitet sich auf Smartphones und verschickt riesige Videodateien über das Internet. Bald sind auch herkömmliche Computer betroffen, die Datenmengen bringen den Internetverkehr quasi zum Erliegen. Zwei Bombenanschläge auf das Elektrizitätsnetzwerk und eine Gas-Pipeline verschärfen die Situation: Wie soll der Präsident reagieren?

So unrealistisch das Szenario wirken mag: In den USA werden derzeit solche Katastrophenfälle durchgespielt, in diesem Fall öffentlichkeitswirksam von ranghohen Sicherheitspolitikern und ehemaligen CIA-Direktoren für eine überparteiliche Nichtregierungsorganisation. Die Botschaft: Die USA müssen sich künftig auf Angriffe aus dem Internet einstellen, die das komplette Sicherheitssystem des Landes ins Wanken bringen können.

Nicht erst seitdem Google im Januar erklärte, chinesische Hacker hätten das Unternehmen sowie verschiedene andere Firmen angegriffen, wird das Thema Cyberkrieg in Washington wieder heiß diskutiert. Dabei geht es nicht nur um die künftige IT-Sicherheitsstrategie der Regierung, sondern auch darum, wer sie umsetzen darf.

Ende Februar sorgte John Michael McConnell, in den Bush-Jahren Direktor der Nationalen Nachrichtendienste (DNI), für Aufsehen. "Die USA kämpfen heute in einem Cyberkrieg", schrieb er in einem Gastkommentar für die Washington Post, "und wir verlieren ihn. So einfach ist das."

"Das ist ein furchtbares Konzept"

Nachdem der früherer Geheimdienstkoordinator McConnell seine Aussage in einer Anhörung vor dem US-Senat wiederholte, bremste ihn der höchste Cybersicherheits-Koordinator des Landes aus: "Es gibt keinen Cyberkrieg", sagte Howard Schmidt vor wenigen Tagen Reportern des Internetportals Wired.com in einem Interview, "Das ist eine furchtbare Metapher und ein furchtbares Konzept."

Wie immer sind die Interessenlagen in Washington schwer auseinanderzuhalten: McConnell ist inzwischen Vorstandsmitglied bei Booz Allen Hamilton, einer der einflussreichsten Beratungsfirmen im Bereich der Militär- und Technologieberatung. Sein Vorschlag geht dahin, die Überwachung des Internets zu verbessern, um "in Millisekunden" Angreifer aus dem Netz zu identifizieren. Das Netz, so eine Vorstellung, müsse "umgearbeitet" werden: Privatfirmen könnten die entsprechende Technologie bereits zur Verfügung stellen - die Regierung müsse sie nur einsetzen.

Eine solche Strategieänderung würde nicht nur Sicherheitsunternehmen wie Booz Allen Hamilton viel Geld einbringen, sie würde auch der bisherigen Politik der Obama-Administration entgegenlaufen: Diese legt sehr viel Wert auf ungehinderten Internet-Verkehr - Kritiker denken bei McConnells Vorschlag hingegen sofort an Deep Packet Inspection, also die Durchsuchung aller Datenpakete, die im Internet unterwegs sind. "Der größte Feind des offenen Internets sind nicht die Hacker der chinesischen Regierung", schrieb deshalb jüngst Wired.com-Autor Ryan Singel, "es ist Michael McConnell."