Tilmar F. über Gewalt im Spiel und eine Verschärfung der Kontrollmechanismen.
sueddeutsche.de: Bleiben wir bei "Counter-Strike". Was gefällt Ihnen an diesem Spiel?
Bild vergrößern
Tilmar F.: "Die Gemeinschaft ist riesig und neue Freundschaften werden geschlossen, die im wirklichen Leben fortgesetzt werden." (© )
Anzeige
Tilmar F.: Wie gesagt: Es geht um den taktischen Aspekt. Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber und jede versucht ihr Ziel zu erfüllen. Teamfähigkeit ist gefragt. Einzelgänger oder "Möchtegern-Rambos" haben hierbei nichts zu suchen, sind zum Scheitern verurteilt und von den Mitspielern nicht gerne gesehen. Es gibt eine große Anzahl verschiedener Ligen, wo die Clans, also die Mannschaften aufeinandertreffen; mit Ranglisten und einem Punktesystem, wo es unter Umständen um recht hohe Preisgelder geht. Die Gemeinschaft ist riesig und neue Freundschaften werden geschlossen, die im "wirklichen" Leben fortgesetzt werden. Man hilft sich, man verkracht sich, man diskutiert und man verträgt sich wieder.
sueddeutsche.de: Neben diesen Taktiken und Community-Aspekten gibt es aber doch auch sehr viel Gewalt, oder?
Tilmar F.: Wenn im Spiel jemand getroffen wird, setzt er sich hin, das ist alles. So sieht die hierzulande erhältliche Version von "Counter-Strike" aus. Keine abgetrennten Gliedmaßen oder dergleichen. Ich habe mir überlegt, ob ich "Counter-Strike" noch spielen würde, wenn in dem Spiel mit Taschenlampen agiert wird. Ich leuchte mit meiner Taschenlampe auf einen Gegenspieler und der ist dann aus dem Spiel. Am Spiel würde sich damit gar nichts ändern. Das Spielprinzip bliebe das Gleiche, die Taktik bliebe die Gleiche. Der Spielspaß würde nicht geschmälert werden. Sehr viele "Counter-Strike"-Spieler haben die Darstellung von Waffen ausgeschaltet, ich auch. Gewalt ist bei diesem Spiel nicht einmal drittrangig. Es geht eben nicht um sinnloses "Ballern", sondern um das Erfüllen einer Vorgabe mit Hilfe von Absprachen innerhalb des Teams, bestimmte Positionen, die eingenommen werden müssen, Reaktionsvermögen und Geschicklichkeit. Der letzte Satz lässt sich ohne weiteres 1:1 auf eine beliebige Mannschaftssportart übertragen.
Wenn ich mir zum Beispiel "Moorhuhn" anschaue, wo ist denn da der Sinn? Es geht um das Töten von Tieren, das ist der einzige Zweck. Die armen Vögel können sich nicht mal wehren. Die Comic-artige Darstellung trägt zur Verharmlosung bei. Ich will nicht wissen, wie viele Singvögel schon ihr Leben lassen mussten, nur weil Sohnemann mit Papas Luftgewehr Moorhuhn gespielt hat. Liegt da die Schwelle zur Gewalt nicht viel niedriger? Wenn man alles ganz genau hinterfragt, kann man in unserer Gesellschaft sehr schnell die eine oder andere "harmlose" Sache in einem schlechten Bild erscheinen lassen.
sueddeutsche.de: Vorausgesetzt andere Online-Spiele - etwa Sportsimulationen, Adventure oder Geschicklichkeitsspiele - würden ausreichend Anreiz zum vernetzten und gemeinsamen Spiel zur Verfügung stellen. Würden Sie auf Ihren Ego-Shooter dann verzichten?
Tilmar F.: Diese Voraussetzung ist doch schon längst erfüllt. Kaum ein neueres Spiel bietet nicht die Möglichkeit online mit oder gegen andere antreten zu können. Auch "Counter-Strike" wird, gerade im schnelllebigem Spielesegment, nicht ewig fortbestehen und hat seinen Zenit eigentlich schon überschritten. Wenn mir dann ein anderes Spiel mehr Freude bereitet, dann spiele ich das. Ob mir dann ein Sportspiel besser gefällt oder ein Geschicklichkeitsspiel, hängt in erster Linie von dem Spiel selbst ab.
sueddeutsche.de: In den "Counter-Strike"-Foren regen sich die Spieler maßlos über eine schärfere Kontrolle der Spieleindustrie auf. Warum?
Tilmar F.: Diese "Aufregung" gilt nicht einer Kontrolle an sich. Eine Kontrolle wird sogar von vielen Spielern begrüßt. Es geht darum mit welcher Argumentation und nach welchen Kriterien eine Kontrolle gehandhabt werden soll. Seitens der Befürworter derselben stößt man oft auf Polemik und eine Tendenz zur Polarisierung der Sachverhalte. Da wohl die überwältigende Mehrheit junger Menschen von Seiten des Elternhauses sowie der Schule und auch ihres sozialen Umfeldes ein Verständnis von Demokratie auf den Weg bekommen haben, welches als Grundfeste unseres rechtsstaatlichen Systems überall zum Tragen kommen soll, fühlen sich die meisten, wegen einer solchen Argumentation, ohne die "Gegenseite" anzuhören, vor den Kopf gestoßen. Deshalb regen sich die Leute auf.
sueddeutsche.de: Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen den wohl sehr harten Spielen, die man bei Robert S. gefunden hat, und dem schrecklichen Massenmord gibt?
Tilmar F.: Ob es bei diesem Fall einen Zusammenhang gibt, kann ich nicht beurteilen. Bei psychisch labilen Menschen kann alles Mögliche Auslöser für eine Gewalttat sein. Der Ursache, weshalb ein Mensch überhaupt in so eine Situation gerät, muss entgegengewirkt werden. Hier hat eindeutig das soziale Umfeld versagt. Lehrer, Eltern und Freunde.
sueddeutsche.de: Sie haben in einem der "Counter-Strike"-Foren im Internet eine Satire hinterlegt, in welcher Sie beschreiben, wie ein Spieler versucht, allein aus seiner Erfahrung mit virtuellen Waffen heraus, eine reale Waffe zu bedienen. Das geht komplett in die Hose. Der Spieler landet in der Psychiatrie. Offenbar waren Sie über die Medienberichterstattung der vergangenen Tage und die Ankündigungen der Politik verärgert. Was speziell hat Sie geärgert?
Tilmar F.: Zum einem hat mich geärgert, mit welcher Zielstrebigkeit die Medien über "Counter-Strike" hergefallen sind und, der zweite Punkt, noch dazu mit so wenig Sachkenntnis. Es wird berichtet von Schulmädchen, die bei "Counter-Strike" getötet werden müssen oder dass der gewinnt, der zuletzt am Leben bleibt. Weder gibt es Schulmädchen oder Zivilisten, die "getötet" werden müssen, noch gewinnt der letzte "Überlebende" im Spiel. Man kann eine Runde gewinnen, ohne dass nur ein Schuss fällt (beziehungsweise die "Taschenlampe" angeknipst wird). In meinem kleinen Text habe ich nur das nachvollzogen, was sich laut Medienberichten zugetragen hat: "Robert S. hat mit Hilfe von Counter-Strike seine Tat geplant und den Gebrauch von Schusswaffen geübt". Die Abwegigkeit so einer Behauptung, diese ungenügende Recherche haben meine Meinung zu den Medien nicht gerade sehr positiv beeinflusst: Wenn über "Counter-Strike" nur Märchen erzählt werden, wie kann ich da noch einem Bericht über ein anderes Thema glauben schenken, über das ich nichts weiß und somit auf die Berichterstattung der Medien angewiesen bin? "Wer einmal lügt..." Die Medien haben sich auf "Counter-Strike" gestürzt, weil die Gemeinschaft nicht im großen Stil organisiert ist. Es gibt keinen Dachverband, keine Lobby. Da fällt es nicht schwer, einfach ein paar wirksame Schlagzeilen in die Welt zu setzen, es wehrt sich ja niemand. Hätte Robert S. einen Kampfhund besessen, wäre "Counter-Strike" wohl verschont geblieben. Außerdem hatte er kurze Haare und kam aus den neuen Bundesländern. Na klingelt da was? Entschuldigung für meinen Sarkasmus.
sueddeutsche.de: Irgendwie müssen die Menschen doch reagieren. Viele Medien haben diverse Spielausschnitte veröffentlicht, um zu demonstrieren, welches Gewaltpotenzial am PC und im Internet derzeit Anwendung findet. Diese Bilder sind derart schrecklich, dass einem beim Betrachten ein Verbot gar nicht so abwegig erscheint. Oder, beziehungsweise was würden Sie der Politik empfehlen?
Tilmar F.: Rund um die Uhr werden wir doch mit Gewalt konfrontiert. Ich kann den Fernseher einschalten, wann ich will. Irgendwo wird immer jemand umgebracht. Mir persönlich wird es richtig übel, wenn ich zum Beispiel "Notruf" sehe. Die Politik hat wohl nicht bemerkt, dass die seit Jahren gewünschte Globalisierung, zumindest im Internet, bereits bei dessen Entstehung nicht nur eine Tatsache, sondern auch eine Grundvoraussetzung war. Wenn "Counter-Strike" jetzt verboten werden sollte, wird nur eines damit bezweckt: den Forderungen der Medien nach einem Verbot, was dann nach einiger Zeit den Forderungen der Bürger entspricht, genüge zu tun.
Über das Internet findet es trotzdem Verbreitung, weltweit. Statt "Counter-Strike" werden dann andere Spiele gespielt, die "richtig" blutrünstig sind. Bis ein Verbot greift, wenn überhaupt, werden sich die meisten Verbotsbefürworter das vergleichsweise harmlose "Counter-Strike" zurückwünschen. Erschwerend hinzu kommt, dass man bei einem Verbot jegliche Kontrollmöglichkeiten aus der Hand gibt. Wenn das Spiel "unter der Hand" oder über das Internet Verbreitung findet, kann der Staat nicht mehr eingreifen. Ich denke aber, dass das den Politikern bewusst ist. Es geht also nicht um ein Verbot im Sinne des Jugendschutzes, sondern um eine Entsprechung der Forderung der Allgemeinheit verursacht durch eine einseitige Berichterstattung der Medien. Bald sind Wahlen und ein Spiel zu verbieten ist ja schließlich einfacher, als nach den wahren Gründen zu forschen. Ich wünsche mir von der Politik keinen Reaktionismus, sondern den Versuch eine Problematik zu erkennen, ihre Ursachen einzukreisen und diesen dann entgegenzuwirken. Auch wenn "Counter-Strike" jetzt verboten wird: Solange man die Ursachen nicht wirklich bekämpft, welche bei Eltern, Lehrern und Freunden zu finden sind, wird man nicht wirklich Herr der Lage. Solange Filme wie "Rambo II" das "Prädikat Wertvoll" erhalten, muss ich wohl nicht weiter ausführen, weshalb mir so eine Diskussion fadenscheinig erscheint. Vielleicht ist dann beim (hoffentlich nie eintretenden) nächsten Blutbad doch das "Moorhuhn" Schuld.
Wirbel um Obama-Biographie