Computerspiel-Kommentator TobiWan "Wie Fußball mit fünf Bällen gleichzeitig"

Toby "TobiWan" Dawson (rechts) und Co-Kommentator Ben "Merlini" Wu bei der Arbeit

(Foto: Matthias Huber; Matthias Huber)

In der "Dota-2"-Szene ist er bekannter als mancher Spieler: Viele Fans kommen zu Turnieren, um den Live-Kommentar von Toby "TobiWan" Dawson zu hören. Kein Wunder - der Australier macht das, wofür es anderswo mindestens drei Leute bräuchte.

Von Matthias Huber, Frankfurt am Main

"Entschuldigung, darf ich kurz stören? Sorry, excuse me!" Eigentlich hatte sich Toby Dawson, genannt TobiWan, gerade zu einer kleinen Pause zwischen zwei Einsätzen zurückgezogen. Aber für einen Fan steht er gerne auf. Der trägt eine Hose aus weißem Pelz mit angenähtem Schwanz, eine hellblaue Filzweste und einen Plastik-Zylinder. Das Gesicht ist weiß, blau und grün geschminkt. Der junge Mann gestikuliert mit einem knorrigen Stab aus Pappmaché in der linken Hand, in der ausgestreckten rechten hält er einem unbeteiligten Dritten nervös ein Smartphone entgegen. "Please, can you take a picture of me and TobiWan?"

Dass er erkannt wird auf einer Veranstaltung wie dem ESL One in Frankfurt, dem ersten Computerspiel-Turnier, das in einem ehemaligen Fußball-WM-Stadion stattfindet, ist TobiWan gewohnt. Der gebürtige Australier ist einer der Stars der Szene um das Online-Spiel "Dota 2" - obwohl er nicht zu den spielenden Profis gehört. TobiWan ist im Fachjargon der Fangemeinde ein Caster, ein Kommentator für professionelle Computerspiel-Matches.

"Ich sehe mich nicht als Journalist", sagt TobiWan, "sondern als Entertainer." Der 28-Jährige lebt in Berlin und bereist die ganze Welt, um Online-Spiele zu kommentieren. In einer Woche ist er in Schweden, in der nächsten in Frankfurt, dann wieder in Schweden und Mitte Juli schon beim weltgrößten Dota-2-Turnier in Seattle. Turnierveranstalter wie ESL-Chef Ralf Reichert wissen um die Rolle von Mitarbeitern wie TobiWan: "Viele Zuschauer kommen nur, um die Kommentatoren mal live zu erleben. Das ist ihnen wichtiger, als die Spieler selbst zu sehen."

"Dota ist wie Fußball mit fünf Bällen gleichzeitig auf dem Feld."

Deshalb ist es auch selbstverständlich, dass auf einer Veranstaltung wie dem ESL One in Frankfurt kaum ein deutsches Wort fällt, anders als bei vergleichbar großen traditionellen Sportveranstaltungen. "Die besten internationalen Kommentatoren sprechen nun mal englisch", sagt Reichert. Und unter Online-Spielern ist englisch sowieso die gängige Verkehrssprache.

Leute wie TobiWan mit einem gewöhnlichen Sportkommentator zu vergleichen, greift aber deutlich zu kurz. Während eines Matches sitzt er selbst an einem PC, klickt mit der Maus einzelne Figuren auf dem Bildschirm an und blendet Statistiken über den Spielfortschritt der Teams ein. Oder er zeichnet Pfeile und andere Markierungen ins Spielfeld. Taktik-Analyse, live und in Echtzeit, für Zehntausende Zuschauer im Stadion und Hunderttausende im Online-Livestream.

Außerdem ist TobiWan sein eigener Regisseur: "Bei einem Sport wie Fußball heißt es 'Folge dem Ball und du folgst dem Spiel'. Dota ist wie Fußball mit fünf Bällen gleichzeitig auf dem Feld." Die zehn Dota-Spieler liefern sich gleichzeitig kleine Scharmützel, überall in der virtuellen Arena verteilt. Jedes davon könnte spielentscheidend sein. Deshalb steuert TobiWan selbst - ebenfalls live -, auf welchen Teil des Spielfelds die Kamera gerade gerichtet ist. "Ich kann nie alles zeigen", sagt er. "Sondern suche das Ereignis, das die Geschichte des Matches am besten erzählt. Das würde nicht funktionieren, wenn ein anderer den Bildausschnitt wählt."

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Die Füße trippeln unaufhörlich

Diese Arbeit ist für TobiWan der Hauptberuf. "Für ein zweites Spiel hätte ich gar keine Zeit", sagt er. Gerade, wenn Spielehersteller Valve mal wieder die Regeln ändert, macht das besonders viel Arbeit: "Da kann ein komplett neues Spiel entstehen, und ich muss versuchen, vorher schon zu wissen, was die Teams mit diesen Änderungen anstellen."

Klick, klick, klick. Profi-Spieler klicken bis zu 400 Mal pro Minute, in der heißen Phase eines Dota-2-Spiels ist TobiWan kaum langsamer. Neben seinem Kommentatorenplatz stehen fünf leere Energy-Drink-Dosen, in einer kurzen Sprechpause nippt er an der sechsten. Und auch, als die Festung eines Teams gefallen ist und der Sieger der ersten Runde feststeht, redet TobiWan weiter, obwohl das Mikrofon längst aus ist. Die Füße unter dem Tisch trippeln unaufhörlich. Das Adrenalin verhindert, dass sich TobiWan in der Pause zwischen zwei Spielen wenigstens für ein paar Minuten wie ein erschöpftes Opossum zurücklehnt und entspannt.

Das geht erst eine halbe Stunde später, abseits der Kabine. Von der Hektik, die seinen Beruf bestimmt, ist ihm jetzt nichts mehr anzumerken. Auch nicht, als ihn der kostümierte Fan aus der verdienten Pause reißt, im Gegenteil. Bereitwillig steht er auf, legt dem Fan den Arm auf die Schulter, lässt sich die Waffenattrappe zeigen, posiert für das Foto. Und holt dann sein eigenes Smartphone aus der Hosentasche. "Kannst du für mich auch ein Foto von uns machen?"