Computer-Kenntnisse der Deutschen Excel-Kenntnisse? PC-Profi!

Balsam für die geschundene deutsche Pisa-Seele: Laut einer EU-Studie haben Bundesbürger europaweit mit die besten PC-Kenntnisse. Doch die Methodik der Erhebung ist dubios.

Von Mirjam Hauck

Die frohe Botschaft liest man gerne: "Deutsche bei PC-Kenntnissen international weit vorne", verkündete am Donnerstag der IT-Unternehmensverband Bitkom. Eine EU-Studie habe ergeben, dass 60 Prozent der Bundesbürger mittlere bis gute Computer-Kenntnisse haben, Deutschland belege Platz vier. Nur in Luxemburg, Dänemark und den Niederlanden wohnen schlauere Anwender. Nachholbedarf gebe es dagegen in Mittelost- und Südeuropa: Beim Schlusslicht Rumänien, das laut Pressemitteilung "mit Abstand am schlechtesten abschneidet" haben nur 15 Prozent gute bis mittlere PC-Kenntnisse.

Wer nun wissen will, welche Aufgaben die schlauen Deutschen lösen mussten, um beim PC-Pisa-Test derart gute Noten zu bekommen, kommt beim Urheber der Meldung, der Bitkom, nicht weiter. "Die Zahlen hat die Eurostat, die Statistikbehörde der Europäischen Union ermittelt", teilt ein Pressesprecher des Verbandes mit. Wie das Ergebnis zustande gekommen sei, wisse man leider nicht.

Die Eurostat mit Sitz in Luxemburg ist auskunftsfreudiger. Eine freundliche Dame schickt prompt die Unterlagen, aus denen hervorgehen soll, wie die massenhafte Häufung von deutschen PC-Cracks ermittelt wurde.

"Haben Sie einen Computer?"

Doch statt eines Tests mit Fragen wie: "Wieviel Bits sind ein Byte?" oder "Wie reagiert man adäquat auf eine Fehlermeldung in Windows Vista?" erhält man einen zehnseitigen Fragebogen. Dieser will zunächst wissen, ob man einen Computer zu Hause hat. Kann man das mit "Ja" beantworten, darf sich der repräsentativ ausgewählte Studienteilnehmer auf Seite acht zu seinen PC-Kenntnissen äußern. "Was haben sie mit ihrem PC einmal gemacht?", wollen die EU-Statistiker wissen.

Wer bereits ein Dokument oder einen Ordner bewegt hat und die Copy&Paste-Funktion kennt, hat laut EU "geringe Computerkenntnisse". Die nächste Stufe erreicht, wer schon einmal eine Datei gezippt oder Programm wie Excel genutzt zu haben. Er darf jetzt tief durchatmen, er hat das Klassenziel "mittlere Computer-Kenntnisse" erreicht - wie 60 Prozent der Deutschen. Zum PC-Streber mit der Höchstnote "gute Kenntnisse" wird, wer ein Teufelsgerät wie einen Drucker installiert hat.

In Sommerlochzeiten, in denen nicht mal eine kleine Urzeitechse durch einen Baggersee paddelt, greifen selbst internationale Agenturen wie AFP die freudige Pressemitteilung des Bitkom auf. Der Verband kann für weiteren Nachschub in Sachen IT-Lobhudelei sorgen: Die EU hat mittels Selbstauskunft nicht nur die PC- sondern auch die Internetkenntnisse der Bürger ermittelt. Wer also schon einmal eine Suchmaschine genutzt, eine E-Mail mit Anhang verschickt und in einem Forum diskutiert hat, verfügt dann bereits über mittleren Kenntnisstand. "Gut" ist, wer in einen P2P-Netzwerk ein Lied oder einen Film getauscht - legal oder illegal spielt keine Rolle.

Bitkom-Präsdent August Wilhelm Scheer könnte also in den nächsten Wochen die aktuelle Pressemitteilung seines Verbandes recyceln und erneut frohgemut verkünden: "Die meisten Menschen in Deutschland haben sich den Anforderungen des Informationszeitalters gestellt". Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Bitkom bis dahin auch den Anforderungen seriöser Statistikauswertung stellt.