Clickbait-Experiment Brüste klicken einfach besser als Statistiken

Je mehr Klicks, desto besser: Für viele Online-Seiten sind sie die wichtigste Währung, um Geld zu verdienen.

(Foto: dpa)
  • Mit einer reißerischen Falschmeldung über die im NSU-Prozess angeklagte Beate Zschäpe will das Katapult-Magazin auf die Mechanismen des "Clickbaiting" aufmerksam machen.
  • Tatsächlich ist der Post bei Facebook viel erfolgreicher als die normalen Posts des Magazins für Sozialwissenschaft.
  • "Karten und Wissenschaft sind geiler als die Brüste von Beate Zschäpe", heißt es dann in der Auflösung der Aktion. Der Initiator verteidigt das Experiment gegen Kritik.
Von Angela Gruber

"Skandal: Beate Zschäpe zeigt Brüste im Gerichtssaal": Diese Schlagzeile verbreitete das Katapult-Magazin vor wenigen Tagen auf Facebook. Es war eine gezielte Falschmeldung. Das kleine Online-Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft wollte mit dem Experiment herausfinden, mit welchen Mitteln sich möglichst viele Klicks erzielen lassen und so auf das Phänomen der Klickschinderei ("Clickbaiting") aufmerksam machen, sagt Gründer Benjamin Fredrich.

Tatsächlich wurde die Zschäpe-Meldung bei Facebook etwa fünf Mal häufiger geklickt als die Posts mit Statistiken und wissenschaftlichen Studien, die sonst auf der Seite veröffentlicht werden. Katapult will Lesern sozialwissenschaftliche Erkenntnisse mit Online-Grafiken nahebringen.

Die Aktion versucht, einen Einblick in die Mechanismen hinter der Klickschinderei zu geben. Damit bewegt sie sich in der Nähe jenes digitalen Aktivismus, der auch mit erhobenem Zeigefinger versucht, die eigenen, als ehrenwert definierten Ziele zu erreichen.

Fredrich sagt, dass seine Aktion nicht als Bevormundung oder Bloßstellung des Nutzers gedacht sei: "Ich hätte selbst auch auf die Schlagzeile geklickt. Unser Experiment soll Nutzer nicht dazu bringen, sich schlecht zu fühlen, sondern ein Bewusstsein schaffen, dass es eben nicht nur einfach gestrickte Inhalte im Netz gibt."

Klicks sind die wichtigste Online-Währung

"Clickbaiting" funktioniert durch besonders dramatische oder rätselhafte Überschriften, die Leser neugierig machen sollen. Damit wird eine Geschichte angerissen, die sich erst durch einen Klick auf den beworbenen Artikel auflösen lässt. Du glaubst nicht, was dann passiert ist. Dieses Katzenvideo ist unfassbar. Diese 15 Tricks machen dein Weihnachten perfekt. Solche Köder sollen den Seiten viele Klicks bringen, denn die sind die wichtigste Währung im Netz, um mit Werbung Geld zu verdienen.

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Welche Mechanismen und menschlichen Reaktionen solche Überschriften so erfolgreich und verlockend machen, beschäftigt auch die Wissenschaft. Es hängt offenbar damit zusammen, wie gut ein bestimmter Mix aus Emotionen und Neugier angesprochen wird.

Zutaten für die Falschmeldung: Aktualität, Rechtsextremismus, Sexismus

Warum Fredrich Beate Zschäpe für seine Falschmeldung ausgewählt hat, begründet er in dem Artikel, mit dem er die Aktion auflöste: "Sie ist die Hauptangeklagte im NSU-Prozess (Aktualität), wurde wegen zehnfachen Mordes angeklagt (Rechtsextremismus) und hat offensichtlich Brüste (Sexismus)." Seine Vermutung: Wer auf den Text klickt, tue dies aus "niederen Instinkten" und wolle einfach Brüste sehen. Dass Leser sich vielleicht nur über die Folgen des Vorfalls für einen der wichtigsten Prozesse des Landes informieren wollen, berücksichtigt diese Argumentation nicht.

Fredrich wollte auch feststellen, ob bestimmte Gruppen besonders stark auf die Nachricht reagieren und bewarb die Zschäpe-Meldung bei Menschen, die auf Facebook die NPD, FAZ, Bild, die katholische Kirche oder die Netzfrauen, eine Gruppe von Frauen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, geliked hatten. Damit hat Fredrich bei Vertretern des politisch konservativen und rechten Spektrums sehr genau hingeschaut, während politisch eher links der Mitte stehende Menschen weniger vertreten sein dürften. Eine Vergleichsgruppe, zum Beispiel Fans der Tageszeitung taz, fehlt. Die willkürliche und leicht einseitige Auswahl macht eine Einordnung der Ergebnisse schwieriger.

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Fredrichs Experiment liefert letztlich wenig bahnbrechende Erkenntnisse, verrät dafür aber ein bisschen über die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit bei Katapult. Fredrich sagt: "Was wir anbieten, ist aufwändig recherchiert. Wir haben aber immer das Problem, dass wir unsere Arbeit nicht so gut bewerben können. Mit dieser Aktion wollten wir exemplarisch einmal auch die Mittel der Bild-Zeitung einsetzen können." Wiederholen will er seine Aktion trotzdem nicht: "So was kann man nur ein Mal machen, sonst verzeihen die Leser das nicht."