Celonis Diese Software soll Unternehmensberater überflüssig machen

Illustration: Lisa Bucher

Das Start-up Celonis wächst schneller als jedes andere deutsche Technologie-Unternehmen. Das Erfolgsgeheimnis ist ein Algorithmus.

Von Helmut Martin-Jung

Als der gestreifte Pulli aus dem Lager ins Geschäft kam, lag er dort erst einmal zwei Tage in einem Karton. Dann wurde er ausgepackt und kam ins Regal. Dort wurde er fünfmal anprobiert, einmal an der Kasse zurückgelegt, aber dann doch nicht abgeholt und einige Tage später schließlich gekauft.

Woher man das weiß? Ganz einfach: Der Pulli war mit einem kleinen Funketikett versehen, Lesegeräte zeichneten seinen Weg auf. In der Bekleidungsbranche ist das im Moment noch eine Ausnahme, in vielen anderen Industrien aber werden sämtliche Schritte in der Produktion, im Bestellwesen und vielen anderen Bereichen schon lange mit Computern erledigt. Und immer fallen dabei Daten an.

Eine Art Röntgentechnolgie für Unternehmen

Daten, die viel erzählen können. Inzwischen nutzen auch mehr und mehr Unternehmen den Schatz, den sie da selbst anhäufen. Und viele - Firmen wie Siemens, ABB, Airbus, SAP, Vodafone, Edeka, Nestlé oder Bayer - tun es mit Hilfe der kleinen Firma Celonis aus München. "Wir liefern den Unternehmen eine Art Röntgentechnologie", sagt Geschäftsführer Alexander Rinke selbstbewusst. Und diese könnten dann sehr schnell und mit großer Genauigkeit sehen: "Wo sind die Probleme, wo verliere ich Zeit und Geld?"

Das funktioniert so: Die Software von Celonis sammelt zunächst Daten von den wichtigen Quellen in einem Unternehmen ein. Diese stecken in Systemen, mit denen die Kunden normalerweise nicht direkt in Berührung kommen, die im Hintergrund laufen. Das sind Systeme zur Ressourcen-Planung (ERP), für Kundenbeziehungen (CRM) und Ähnliches. Zu den führenden Herstellern solcher Software-Systeme gehören Firmen wie SAP, Microsoft, Oracle oder Salesforce.

Der gläserne Kunde

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Aus diesen Daten, die alle aus Prozessen in dem Unternehmen stammen, erstellt Celonis eine visuelle Darstellung und macht damit die Arbeitsabläufe plastisch nachvollziehbar. An jeder Stelle können die Nutzer mit einem einfachen Klick nachbohren und sich genauer ansehen, wo das Problem wirklich liegt. Und plötzlich sticht es ins Auge: Obwohl die Mitarbeiter einer Firma eigentlich alle ihre Dienstreisen über ein Online-System buchen sollten, rufen sie doch beim Reisebüro an. Oder sie buchen irgendwo selbst und reichen die Rechnung ein.

Bei Bestellungen werden entgegen den Regeln keine Vergleichsangebote eingeholt, bei eigentlich automatisierten Vorgängen müssen Mitarbeiter manuell nacharbeiten, eigentlich vorgeschriebene Abläufe werden nicht eingehalten. "Große Unternehmen haben viele Möglichkeiten, ihre Produktionsprozesse zu optimieren", sagt Celonis-Chef Rinke. "Wenn die Firmenchefs das anhand ihrer eigenen Daten sehen, sagen sie: Wahnsinn!"

Der Algorithmus gibt den Unternehmensberater

Aber wie kann Celonis sichtbar machen, was die Unternehmen selbst nicht sehen können? Wichtigste und aufwendigste Firmenleistung ist der Algorithmus, der aus den relativ ungeordneten Datenhaufen Ablaufbilder erzeugt. Zu den gängigen ERP- und CRM-Systemen hat Celonis Standard-Schnittstellen gebaut. Unternehmen können also ohne längliche Vorarbeiten nahezu sofort damit beginnen, ihre Abläufe zu analysieren. Ganz objektiv aus den Daten und viel schneller als mit herkömmlichen Methoden: "Der normale Prozess sieht so aus: Unternehmensberater reden mit den Leuten in der Firma, mit den Abteilungsleitern etc.. - das kann Monate dauern", sagt Rinke. "Unsere Technologie automatisiert das, in dem sie an den Datenstrom eines Unternehmens andockt."

In der Fachwelt hat sich dafür der Begriff process mining etabliert. An vielen Universitäten wird das bereits gelehrt, viele Firmen, die es professionell betreiben, gibt es allerdings noch nicht. Derzeit ist Celonis mit Abstand der größte Anbieter. Deshalb planen die Münchner nun auch die Expansion in die USA. Dort hat das Unternehmen bereits einige Kunden. Doch das Potenzial, das dort noch schlummert, ist weitaus größer. "Wenn wir die Anfragen betrachtet, die aus den USA kommen, dann haben wir das Gefühl: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür."

Dieser Meinung waren auch die Risikokapitalgeber Accel Partners und 83North, die 27,5 Millionen Dollar in das Unternehmen investieren, das dem Beratungsunternehmen Deloitte zufolge die am schnellsten wachsende Technologiefirma in Deutschland ist. Diese US-Investoren haben bisher noch nicht in Europa investiert.

Die Idee ist an einer Münchner Uni entstanden

Celonis wurde gegründet von Münchner Studenten, die sich während der Ausbildung in der studentischen Unternehmensberatung Academy consult engagiert hatten. Erster Kunde war der Bayerische Rundfunk, dem es damals lediglich darum ging, die internen IT-Prozesse zu optimieren. "Während der Arbeit an dem Projekt klebten irgendwann 300 Bilder mit den echten Abläufen beim BR an der Wand - und da hat es dann bei mir Klick gemacht", erzählt Alexander Rinke. Im Juni 2011 gründeten sie die Firma, weitere Rundfunkanstalten ließen sich beraten, und dann kam mit Siemens das erste Schwergewicht auf Celonis zu. Der Konzern, damals wegen Bestechungsfällen in der Kritik, suchte nach einer Möglichkeit, datengestützt Anomalien in seinen Geldflüssen herauszufinden.

Die junge Firma wurde aber auch als Start-up vom Software-Konzern SAP gefördert und hat mit der Weltfirma aus Walldorf sogar schon einen " Reseller-Vertrag" geschlossen. Das bedeutet: Die Software von Celonis wird als SAP-Produkt vertrieben - auch, weil sie gut mit SAPs Flaggschiff-Produkt S/4 Hana harmoniert - einer Sammlung von Business-Programmen und einer sehr schnellen Datenbank.

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