Cebit 2012 Heiter bis Wolke

Die weltgrößte IT-Messe ist eröffnet: Bundeskanzlerin Merkel hat zum Start der Cebit für Vertrauen in die neuen Technologien geworben. Die große Hoffnung der Branche heißt Cloud Computing, daran wollen alle verdienen - aber gerade da sind die Zweifel an der Datensicherheit besonders groß.

Von Varinia Bernau, Hannover

Die Rechnung von René Obermann ist einfach: 3,6 Millionen mittelständische Unternehmen gibt es in Deutschland. Aber nur etwas mehr als jedes zehnte hat seine digitalen Akten, Kundenlisten oder Konstruktionspläne bislang in ein fremdes Rechenzentrum ausgelagert. Die restlichen, die große Mehrheit der Mittelständler also, will Obermann als Chef der Deutschen Telekom gewinnen - als Kunden für seine Cloud, eine sichere Plattform im Internet, die sowohl Speicherplatz bietet als auch verschiedene Anwendungen ermöglicht wie etwa die Buchhaltung oder die Erstellung von Dokumenten. Von jedem Ort aus, ob Büro oder Wartehalle am Flughafen; von jedem Gerät aus, ob Smartphone oder Laptop. Nur eine Internetverbindung braucht es.

Auf der Computermesse Cebit in Hannover wird die Telekom diese Plattform vorstellen. Sie wird erklären, dass die Daten über abgeschottete Leitungen fließen und, falls sie besonders wertvoll sind, eine Kopie davon in einem zweiten Rechenzentrum liegt. Sie wird erklären, dass auch jene 60 von insgesamt 90 Rechenzentren, die die Telekom außerhalb von Deutschland betreibt, den technischen Standards entspricht, die der Gesetzgeber hierzulande vorschreibt.

"Die deutsche Cloud wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor", betont Obermann. Denn er weiß: In seiner Rechnung gibt es auch eine große Unwägbarkeit. Es ist die Sorge der Unternehmer um ihre Daten. Ihr Vertrauen muss Obermann gewinnen. Sonst wird nichts aus dem großen Geschäft mit der Cloud, der Datenwolke. Aus dem Geschäft, das neues Wachstum bringen soll, nun da die Umsätze mit den Telefondiensten stetig schrumpfen.

"Je selbstverständlicher Technologien werden, desto wichtiger ist es, dass wir diesen vertrauen können", sagte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Eröffnung der Messe am Montagabend. Über Vertrauen werde sie ebenso mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff reden. Der Staat ist Partnerland, auch Rousseff trat bei der Eröffnung auf. Merkel sagte, sie werde die Sorgen vor einem "Tsunami an liquiden Mitteln in Europa" ernst nehmen, von dem Rousseff zuvor sprach. Und sie werde ihre eigenen Sorgen vor protektionistischen Maßnahmen in Brasilien äußern. "Zwischen Deutschland und Brasilien gibt es gutes Vertrauen." Europa, so die Kanzlerin, sei nach wie vor der größte Binnenmarkt der Welt. "Wir brauchen auch Vertrauen in diesen Markt. Vertrauen darauf, dass jeder die Regeln einhält. Aber auch Vertrauen darauf, dass Mechanismen der Solidarität greifen", sagte sie in Anspielung auf die Finanzkrise.

Wenn die Computernutzer erst einmal zur Cloud Vertrauen fassen, also dazu, ihre Daten und Software auf fremden Rechnern in einer Datenwolke aufzubewahren, könnte das Geschäft damit rasant wachsen. Auf 5,3 Milliarden Euro schätzt der Branchenverband Bitkom den deutschen Markt für Cloud-Dienste bisher. Ein gutes Drittel davon entfällt auf Privatleute, die längst Musik und Fotos irgendwo im Internet statt im Regal lagern. Der große Teil, das sind die Geschäftsleute - jene Gruppe, in der es immer noch viele gibt, die eher dem eigenen Großrechner im Keller vertrauen als dem Speicher in der Wolke.

Gemessen am gesamten IT-Markt von 151 Milliarden Euro hierzulande sind 5,3 Milliarden Euro ohnehin noch wenig. Und bislang ist auch nicht ausgemacht, wer daran verdient. Ob die Telekom letztlich punkten kann gegen die großen, zumeist amerikanischen Anbieter von Serverparks, auf denen all diese Daten lagern und laufen. Oder ob es die Anbieter von Programmen sind, die Unternehmen für ihre tägliche Arbeit nutzen - und ohne die die sicherste Cloud nichts bringt.

Gerade die hiesige Softwarebranche lebt von individuell gestalteten Anwendungen, von Computerprogrammen, die Mittelständler für die speziellen Bedürfnisse eines Autoherstellers schreiben. In der Cloud aber wird nicht mehr über langjährig laufende Lizenzverträge, sondern über kurze Abonnements abgerechnet. Deshalb müssen die Programme möglichst standardisiert sein, also eine Vielzahl von Kunden ansprechen, damit sich deren Entwicklung lohnt. Eine Herausforderung für die kleinen Anbieter. "Aber gerade die kleineren Unternehmen sind auch anpassungsfähiger", sagt Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

Doch dafür sind gute Entwickler nötig. 38 000 offene Stellen für IT-Fachkräfte zählt man hierzulande. Trotzdem gibt es auch Befürchtungen, dass wegen der Cloud Jobs ins Ausland verlagert werden könnten: Von jedem Ort aus auf die Datenwolke zugreifen und damit arbeiten, das ist schließlich das große Versprechen der Cloud. Ob aus Deutschland oder aus Brasilien.