Warum nur kommt uns die Cebit vor wie ein Raumschiff, das einmal im Jahr in Hannover landet?
Schnelligkeit zählt, analog wie digital. Auf dem Messegelände wird entweder gelaufen oder mit dem Shuttle-Bus gefahren, man hat ja schließlich nicht ewig Zeit. Auch auf den Datenautobahnen ist nur noch die linke Spur geöffnet, Trödler müssen draußen bleiben. Das Raumschiff Cebit ist wieder in Hannover gelandet.
Brain drain mal anders: Mensch steuert Computer nur mit Gedanken. (© Foto: AP)
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High-Tech in allen Lebenslagen versprach sie im Jahr 2006, "join the vision" lautete das Motto der Messe. In der Welt von morgen soll es keinen Bereich geben, der nicht hoch technisiert ist. Der Alltag der Menschen wird sich verändern, alles wird schneller, alles wird besser.
Das hört sich allerdings bekannt an. Wurde mit diesen plakativen Schlagworten nicht auch schon in den Sechzigern gewuchert, dann in den Achtzigern, Ende der Neunziger? "Zukunft ist immer" lautet ein philippinisches Sprichwort.
Und Zukunft ist offenbar immer erfolgreich: Die Veranstalter und Aussteller zogen denn auch ein positives Fazit. Die Cebit 2006 habe den Aufwärtstrend der Informationstechnik und Telekommunikation bestätigt, erklärt der Branchenverband Bitkom, die Aussteller berichten von rund 20 Prozent mehr Vertragsabschlüssen als 2005. Es gebe wieder eine höhere Investitionsbereitschaft, vor allem beim Mittelstand.
Was sie nicht so gerne veröffentlichten: Die Besucher gehen weiter zurück. Nur 450.000 Menschen wollten die digitale Zukunft sehen, 25.000 weniger als im Vorjahr. Das schlechte Wetter sei schuld gewesen, sagte Messe-Vorstandsmitglied Ernst Raue. Dagegen kann natürlich nicht einmal die Zukunft etwas machen.
Natürlich: Die Cebit ist eine reine Fach-Messe. Es sollen Kontakte geknüpft, Verträge abgeschlossen, Kooperationen eingegangen werden. Das ist, abgesehen von einigen Abschlüssen oder Allianzen, die spektakulär verkündet werden können, eine Angelegenheit mit eher geringem Glam-Faktor.
Gleichzeitig aber weckt die Messe ganz gezielt die Erwartung, hier werde - wenigstens technologisch - der Weg gewiesen, ein Blick in die Zukunft eröffnet. Daher erwartet das Publikum draußen im Land seit jeher, dass eine Aufbruchsstimmung ausgehen möge von so einer seltenen Ballung technologischer Macht.
Doch die digitale Revolution steht in Wahrheit noch vielfach am Anfang. Während im Raumschiff Hannover die irrsten Home-Installationen aufgebaut sind, flimmern in den meisten Wohnzimmern analoge Fernseher und sie werden noch lange dort flimmern. Während auf der Cebit alle möglichen elektronischen Büro-Orga-Trends demonstriert werden, stellt für viele Büromenschen das Faxgerät nach wie vor die Spitze der technologischen Entwicklung dar.
Bei Breitband-Internet-Zugängen hinkt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinterher. Fachverbände sehen darin eine Gefahr für den Standort Deutschland, wie auch durch einen drohenden IT-Fachkräftemangel.
Zwar kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Cebit ein milliardenschweres Programm und einen nationalen "IT-Gipfel" an, um die Innovationskraft Deutschlands zu stärken. Passiert ist damit erst einmal - nichts.
Was zuvörderst gelingen muss, sind nicht Programme und Gipfel. Die Menschen müssen erst den gedanklichen Schritt vollziehen, sich selbst in all den Zukunftsvisionen zu erkennen. Müssen diese Visionen annehmen und mitgestalten, nicht im Sinne einer naiven Technikgläubigkeit, sondern durch kritische, aber nicht technophobe Aneignung.
Erst wenn eine solche, im doppelten Wortsinn kritische Masse entsteht, wird die Cebit mehr sein als ein Raumschiff, das einmal im Jahr in Hannover landet.
(sueddeutsche.de)
OB-Kandidatin Nallinger