Bundestagswahl So behalten Sie den Durchblick im Informationskrieg

Mit kritischem Blick surft es sich besser.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters; Bearbeitung SZ)

Propaganda gab es immer, doch nie war es so schwer, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Diese Tipps helfen Fake News, Social Bots und manipulierte Bilder zu erkennen.

Von Christian Simon und Marvin Strathmann

Ein paar Teenager in Mazedonien erfinden Lügen über Hillary Clinton und verdienen damit Hunderttausende Dollar, weil Trump-Anhänger die vermeintlichen Nachrichten in Scharen teilen und lesen. Ein deutscher Rechtsradikaler legt Politikern ausgedachte Zitate in den Mund und bekommt mit seiner Facebook-Seite in Einzelfällen mehr Aufmerksamkeit als große Medien. Und auch Linke fallen bereitwillig auf Falschnachrichten über Donald Trump herein, wenn die nur ins Weltbild passen.

Propaganda und Desinformationskampagnen gab es schon immer. Dazu brauchte es weder Internet noch soziale Netzwerke. Und Journalisten haben schon immer Fehler gemacht. Doch je mehr Menschen sich jenseits der klassischen Medien informieren, desto öfter können sie mit gefälschten Nachrichten, neudeutsch "Fake News", konfrontiert werden und auf diese hereinfallen.

SZ-Exklusiv: Der Facebook-Faktor

2017 findet der Wahlkampf auch auf Facebook statt. Wie wird im sozialen Netzwerk Politik gemacht? Und wie wird das die Bundestagswahl beeinflussen? Eine große SZ-Datenrecherche hat Antworten in einer Million Likes gefunden. Lesen Sie hier alle Texte zum Thema.

Auf Facebook und Twitter achten viele Menschen kaum noch auf die Quelle einer Meldung - die Netzwerke machen es ihnen auch nicht besonders einfach, Quellen zu erkennen - und teilen sie mit ihren Freunden, die sie wiederum weiterverbreiten. Dieser Schneeballeffekt macht es von Ideologie oder der Aussicht auf Werbeeinnahmen motivierten Fälschern besonders einfach, virale Enten zu produzieren. Dagegen helfen gesunde Skepsis und Medienkompetenz, und die kann man lernen. Zum Beispiel mit den folgenden Tipps.

So erkennen Sie "Fake News"

Nach Trumps Wahlsieg sind "Fake News" zum Modewort geworden. Der Präsident selbst verwendet den Begriff gerne für Berichterstattung von Medien, die ihm zu kritisch sind. Auch deutsche Politiker sprechen oft von "Fake News", wenn sie missliebige Meinungen oder journalistische Fehler meinen. Auch Meldungen von Satire-Seiten wie dem Postillon wurden schon so genannt.

Wenn hier von Fake News die Rede ist, sind absichtliche Falschmeldungen gemeint, die wie echte Nachrichten aussehen.

Prüfen Sie, wer hinter dem Angebot steckt

Der wichtigste Anhaltspunkt ist die Quelle der Nachricht. Von wem kommen diese Informationen, ist die Seite seriös? Das ist oft nicht einfach herauszufinden, denn viele Betreiber von Fake-News-Webseiten versuchen, die Optik bekannter Nachrichtenportale zu kopieren. Sie geben sich Namen, die seriös klingen sollen. In den USA heißen sie etwa National Report oder The Boston Tribune.

Achten Sie zuerst auf die URL in der Adresszeile Ihres Browsers: So hat etwa die Webseite www.abc.com.co falsche Nachrichten über Michael Jordan und Donald Trump verbreitet und damit auch professionelle Journalisten verwirrt. Ziel der Fälscher: Leser sollten denken, sie wären auf der Webseite des US-Senders ABC gelandet, erreichbar über www.abc.com. Ein Punkt und zwei Buchstaben (".co") waren der einzige Hinweis, dass es sich um eine Fälschung handelte. Und selbst buchstabengetreue Webadressen bekannter Seiten können Fälschungen sein (mehr dazu hier).

Auch ein Blick ins Impressum kann helfen, um zu erfahren, wer hinter dem Angebot steckt. Jede kommerzielle Seite in Deutschland muss ein Impressum angeben. Fehlt es und mangelt es auch sonst an Möglichkeiten, den Betreiber zu kontaktieren, sollten Sie misstrauisch werden. Manchmal reicht es, den Namen der Webseite zu googeln und auf die Erfahrungen von anderen Nutzern zu setzen, um sie als Fake zu entlarven. Auch aufklärende Kommentare unter Facebook-Posts können auf falsche Nachrichten hinweisen.

Wenn keine Quellen genannt werden, ist das ein Alarmsignal

Lügen und Fälschungen lassen sich nicht nur anhand des Absenders erkennen. Auch die Nachricht selbst kann Hinweise auf falsche News geben. Das beginnt bei der Überschrift: je reißerischer, desto mehr Skepsis ist angebracht. Darauf alleine sollten Sie sich allerdings nicht verlassen, denn hinter drastisch formulierten Zeilen können sich auch seriöse Nachrichten befinden, insbesondere in sozialen Netzwerken.

Überprüfen Sie außerdem die Quellen, die in der Nachricht genannt werden. Gibt es überhaupt welche, oder behauptet der Autor einfach Tatsachen, ohne dafür Belege zu sammeln? Zusätzlich sollten Sie prüfen, ob andere Seiten den Fall ebenfalls aufgreifen, und wie sie das tun. Wenn nur eine einzelne dubiose Seite über einen angeblich riesigen Skandal berichtet, ohne dass in kurzer Zeit andere Portale weitere Recherchen veröffentlichen, handelt es sich womöglich einfach um eine Ente oder Irrelevantes, und eher nicht um eine Verschwörung der "Systempresse".

Google und Facebook gegen Falschmeldungen

Nachdem sie von Politikern und Nutzern dazu gedrängt worden sind, versuchen auch Tech-Firmen dabei zu helfen, Fake News zu erkennen. Facebook arbeitet mit externen Organisationen zusammen, die den Wahrheitsgehalt von Nachrichten prüfen sollen, und hat bereits begonnen, ausgewählte Meldungen zu kennzeichnen, wenn diese wenig glaubwürdig sind. In Deutschland ist das Recherchebüro Correctiv Partner des US-Konzerns. Außerdem gibt Facebook Nutzern mit einem großen Hinweis über dem Newsfeed Tipps, wie diese Fake News identifizieren können.

Mittlerweile versucht auch Google, mit Hilfe von insgesamt 115 Organisationen Nachrichten zu überprüfen. Spezielle Labels in den Suchergebnissen und in Google News sollen Aufschluss über den mutmaßlichen Wahrheitsgehalt einer Meldung geben und Informationen verifizieren.

Die Mitarbeiter des Vereins Mimikama aus Wien sammeln schon länger deutschsprachige Falschmeldungen im Netz und stellen sie richtig. Sie geben Tipps, wie Internetnutzer die Glaubwürdigkeit von Beiträgen einschätzen können. Außerdem hat die Tagesschau seit Anfang April eine eigene Abteilung gegen falsche Nachrichten: Auf dem Portal Faktenfinder analysieren ihre Journalisten aktuelle Gerüchte und prüfen ihren Wahrheitsgehalt. Ein Blick auf diese beiden Seiten kann in manchen Fällen helfen, wenn Sie unsicher sind, ob Sie eine Meldung teilen sollten.

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