Browser-Spiel "Fake It To Make It" Fake News zum Selberbauen

Das Browser-Spiel "Fake It To Make It".

(Foto: Screenshot: Yannic Hannebohn/fakeittomakeitgame.com)

"Foto beweist: Reicher Unternehmer tut sich mit Regierung zusammen, um Meinungsfreiheit abzuschaffen": Ein Computerspiel lässt Spieler Propaganda basteln. Um sie aufzuklären.

Von Yannic Hannebohn

Die Mainstream-Medien beschimpfen, eine Verschwörung der "Umwelt-Lobby" vermuten, dem Präsidenten eine Affäre nachsagen? Wer geschickt solche Propaganda in Umlauf bringt, gewinnt im Browser-Spiel "Fake It To Make It". Dessen Ziel ist es, möglichst viele Nutzer auf die eigene Website zu locken und dann Geld mit Werbung einzunehmen. Der effektivste Weg zum Ziel ist, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Das sind die Regeln des Spiels, das die seit der US-Wahl tobende Fake-News-Debatte aufgreift - mit dem Anspruch, über die Desinformation aufzuklären.

Der Spieleinstieg geht so schnell von der Hand, wie es einem reale Webseitenanbieter gerne versprechen: Mit ein paar Klicks lässt sich eine Webseite samt Logo erstellen, ein Design auswählen und "online" gehen. Die Spieloberfläche sieht aus wie eine Mischung aus Fußballmanager und Wordpress-Dashboard. Oben sieht der Spieler die aktuellen Zahlen, gemessen in Views, Likes und Shares, und wie viel Gewinn durch Anzeigen er bereits gemacht hat. Um den nach oben zu drücken, muss die Webseite mit möglichst reißerischen Artikeln bestückt werden.

Artikel laufen gut, wenn sie bestehende Ängste bestätigen

Das Spiel bietet dafür eine großzügige Sammlung, von links nach rechts klickt man sich durch Stücke mit Titeln wie "Den Präsidenten JETZT absetzen!" oder "Friedliches Demo-Camp von Polizei brutal niedergefackelt". Hat man einen Artikel ausgewählt, postet man ihn im nächsten Schritt in die richtige Gruppe auf einem fiktiven sozialen Netzwerk, das an Facebook erinnert. All das ist innerhalb des Spiels simuliert, in keinem Moment ist man etwa wirklich mit Facebook verbunden.

Die fiktiven Artikel besitzen Eigenschaften, die man kennen muss, um sie reichweitenstark zu platzieren. Beispiel: Der Artikel "Spielt Ihr Arzt mit Ihrem Leben????" passt gut in eine Gruppe wie "Rettet unsere Kinder", weil er die Angst vor Krankheiten bedient. Das Spiel zeigt, dass sich Nachrichten in vielen Themenbereichen erfinden lassen: Bildung ("Wie unser Bildungssystem zerfällt"), Geld ("So werden Steuern sinnlos vergeudet") und natürlich Politik ("Foto beweist: Reicher Unternehmer tut sich mit Regierung zusammen, um Meinungsfreiheit abzuschaffen").

Programmiert wurde "Fake It To Make It" von Amanda Warner aus Ohio. Es ist ihr erstes eigenes Spiel, normalerweise arbeitet sie mit NGOs an Gesundheitsthemen. Die Idee kam der Web-Designerin, als sie zum ersten Mal von den mazedonischen Teenagern hörte, die mit Fake-Nachrichtenseiten während der US-Wahlen tausende Dollar eingenommen hatten. "Das hat mich gepackt", sagt sie, "Diese Leute waren nicht unbedingt daran interessiert, wie die Wahl ausgeht oder ob sie Leute mit ihren Artikeln beeinflussen. Sie haben einfach nur eine Möglichkeit gesehen, an Geld zu kommen."

Die Lüge

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"Fake News" sind nicht dasselbe wie journalistische Fehler

Warner will genau das deutlich machen: Dass hinter Fake News nicht immer politische Motive stehen und wie das Geschäft funktioniert. Auch Jestin Coler, ein ehemaliger Fake-News-Produzent aus den USA gab Gewinn als Motivation an. Coler wurde vom Radiosender NPR enttarnt und ungewollt zu einem bekannten Gesicht der Debatte. Mittlerweile gibt er sich geläutert, auch die mazedonischen Webseiten sind zum größten Teil nicht mehr erreichbar - die Diskussion über das Thema geht aber weiter.

Fake News - der Begriff wird so inflationär und oft falsch gebraucht, dass sich einige Journalisten dafür aussprechen, ihn komplett abzuschaffen Die ursprüngliche Definition lautet: Fake News sind vorsätzlich in Umlauf gebrachte Falschinformationen oder einseitige Beiträge, die den Eindruck erwecken, journalistische Artikel zu sein. Es ist allerdings unklar, ob sie den Ausgang der US-Wahl beeinflusst haben. Warner erklärt, warum sie für das Gratis-Spiel viel Zeit investiert hat: "Wichtig ist, dass die Menschen verstehen, dass während der gründlichen journalistischen Prozesse zwar immer noch Fehler passieren, sich das aber immer noch von dem unterscheidet, was so im Web herumgeschleudert wird, um Shares zu generieren".

Patriotismus feiern, den Eliten eine Verschwörung vorwerfen

"Fake It To Make It" zeigt, wie einfach es ist, Inhalte zu generieren, die auf Interesse stoßen. Im eindringlichsten Teil wird der Spieler anhand von Bausteinen angeleitet, die perfekte Fake News zu bauen. Warner hat sich genau angesehen, wie falsche Nachrichten im echten Internet gebaut sind. Die im Spiel vorgefertigten Teile sind in vier Kategorien unterteilt: Generelles Drama, Seriosität, und eine Kategorie pro politischem Lager. Wieder stehen verschiedene Themen zur Auswahl, dieses Mal aber mit der Möglichkeit, selbst zu kombinieren.

Der Spieler wählt also, ob er im Artikel Politiker, Medien oder Reiche beschuldigt, Werte wie Patriotismus oder die Vergangenheit hochleben lässt. Will er dramatische Artikel, bieten sich Verschwörungen an, also etwa der Vorwurf, eine Elite verschweige absichtlich eine Tatsache. Für glaubwürdige Artikel lassen sich Quellen erfinden oder Zitate verbiegen. Das Ergebnis muss man sich vorstellen, das Spiel generiert keine lesbaren Artikel, sondern beschränkt sich auf ihr allgemeingehaltenes Gerüst. Das Spiel bewertet nach Fertigstellung die Komposition und die ausgelösten Gefühle. Zwar können auch positive Nachrichten erzeugt werden, Artikel über süße Katzenbabies zum Beispiel, besonders gut laufen aber negative Gefühle: Angst, Wut, Ekel, Traurigkeit und Neid.

"Das bringt die Menschen zum Sharen, weil es einen selbst betrifft", sagt Warner und bestätigt damit, was auch der ehemalige Fake-News-Produzent Cole gesagt hat: Man müsse aufs Herz zielen - oder knapp darunter.

Das Computerspiel "Fake It To Make It" kann auf PC, Mac und Linux sowie mobil kostenlos unter der URL www.fakeittomakeitgame.com gespielt werden.

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