Darum beugt sich noch jede heutige Geisteswissenschaft dankbar über die 24 Bände des "Meyer" in der 6. Auflage aus den Jahren 1908 bis 1909. Versammeln sie doch den gesamten, fundierten Wissensschatz des 19. Jahrhunderts. Mutmaßlich also das, was Nietzsche, Wagner und die geistige Welt ihrer Zeit auch an Irrtümern (etwa die Theorie des Licht-Äthers) in den Köpfen hatten. Solche wissensarchäologischen Forschungen sind angesichts der flottierenden, mutmaßlich selbstreinigenden Kräften ausgesetzten Bestände einer fortlaufend aktualisierten Internet-Enzyklopädie perdu, womit diese als historisches Wissens-Reservoir ausfällt. Der Wechselmantel dieser Gegenwart wirft keine Zeitfalte mehr, in die man sich legen könnte.
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Demütigung des Suchenden
Seit je unterscheidet man zwei Formen enzyklopädisch ordnender Strukturierung: die sogenannte systematische Gliederung des Wissens und die alphabetische. Während die ältesten Enzyklopädien eine systematische Einteilung des Wissenskanons vornahmen, etwa gemäß der sieben artes liberales, bevorzugen Enzyklopädien der Neuzeit, so die 35-bändige Erstausgabe der berühmten "Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers" (1751 bis 1780) von Jean d' Alembert und Denis Diderot, eine alphabetische Auflistung ihrer Bestände.
Die systematischen Notierungen verbürgen quasi in ihrer Struktur, dass alle Regionen menschlichen Denkens und Handelns insgesamt begriffen werden, also Begriff geworden sind. Die alphabetischen Ordnungen entspringen dagegen einem utilitaristischen Denken und orientieren sich an konkreten Fragen. Während die systematische Darstellung das Wissen wie einen Baum denkt, das sich von einem Stamm ableitet und dann in immer feinere Äste gliedert, gewinnt die alphabetische Anordnung eher die Form eines Wurzelstocks, der sich in alle Richtungen verzweigt.
Internet-Enzyklopädien führen, wie alle digitalen Enzyklopädien, "Baum und Wurzel" zu disparater Einheit zusammen. Sie erlauben sowohl den systematischen wie den rein utilitaristischen Zugang. Ihre Wissens-Texte sind als Hypertexte realisiert, das heißt, innerhalb eines Artikels sind Verweise auf themenverwandte Bereiche eingewoben. Und das in allen multimedialen Darreichungsformen: Bildern, Animationen, Video-Sequenzen und Tondokumenten. Insofern ist der Hypertext des Netzes zugleich der hypertrophe Über-Text. Darin liegt der kognitive Clou einer im Internet geführten Enzyklopädie. Sie demütigt den Suchenden mit der überbordenden Fülle dessen, was er noch wissen könnte, wenn er es denn zu bewältigen vermöchte.
Wenn also die Ordnung der Dinge explodiert, dann im Kopf des Enzyklopädisten. Die neue Wissenszeit kennt nicht mehr den seligen Hoch- und Übermut des sich in Zeitfalten kuschelnden Hirnstürmers Schmidt'scher Prägung, sondern nur das Stichwort-Hopping des eiligen Überforderten über den immer kalten Wassern des instanten Wissenstransfers: kurz und richtig, vielleicht. Aber nie mehr wahr.
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- Brockhaus im Netz Herzen und Köpfe 13.02.2008
- Inhalte im Netz Kulturelle Antimaterie 13.02.2008
(SZ vom 14.02.2008/mri)
Probleme beim Berliner Flughafen lange bekannt
habe schon verstanden, lieber SZ-Zensor. Bringt man Kritik an diesem infantilen Geheule an, wird halt gesperrt. So einfach kann doch die Welt sein!
DW
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@Herrn Graff
"Der Abschied von der Illusion des abgeschlossenen, vollständigen und vollständig verfügbaren Welt-Wissens kam schleichend..................................
Wenn also die Ordnung der Dinge explodiert, dann im Kopf des Enzyklopädisten. Die neue Wissenszeit kennt nicht mehr den seligen Hoch- und Übermut des sich in Zeitfalten kuschelnden Hirnstürmers Schmidt'scher Prägung, sondern nur das Stichwort-Hopping des eiligen Überforderten über den immer kalten Wassern des instanten Wissenstransfers: kurz und richtig, vielleicht. Aber nie mehr wahr."
Es fehlt aber noch der beruhigende Nachsatz für die SZ-Leser, dass alle diese Gefahren bei Herrn Graff nicht bestehen. Er steht über allen Dingen. Und weiß immer alles.
Paging