Blogeintrag zu Terroropfern Sind arabische Leben weniger wert?

Eine Frau in Beirut trauert um eines der Opfer vom Donnerstag. Der Tote war Mitglied der schiitischen Hisbollah-Miliz, die vom sunnitischen Islamischen Staat bekämpft wird.

(Foto: REUTERS)

Weltweite Trauer um die Opfer von Paris - aber was ist mit denen, die einen Tag zuvor im Libanon zerfetzt wurden? Der Arzt Elie Fares aus Beirut traf mit einem Blogbeitrag einen Nerv. Lesen Sie seine Klage auf SZ.de.

Elie Fares ist 26 Jahre alt und Arzt in Beirut. Am Samstag sprach er mit einem Beitrag auf seinem Blog vielen Arabern aus dem Herzen: Die Welt fühle mit den Toten von Paris, Terroropfer in arabischen Ländern ignoriere sie aber. Der Text wurde mehr als eine Viertelmillion Mal auf Facebook geteilt, tausend Male getwittert - auch wenn andere Beobachter bestreiten, Medien hätten den Anschlag in Beirut vom Donnerstag ignoriert. Mit Genehmigung von Fares veröffentlicht SZ.de den Text auf Deutsch.

Als ein Freund mir nach Mitternacht sagte, ich solle mir die Nachrichten aus Paris ansehen, hatte ich erst einmal keine Ahnung, dass ich den Stadtplan einer Stadt sehen würde, die ich liebe, nur dass er die Tatorte mehrerer gleichzeitiger Terrorangriffe zeigte. Ich zoomte näher heran. Einer der Tatorte lag genau dort, wo ich 2013 gewohnt hatte, auf demselben Boulevard.

Je länger ich las, desto höher stieg die Zahl der Toten. Es war schrecklich; es war entmenschlichend; es war völlig und unwiderruflich hoffnungslos: 2015 endete so, wie es begonnen hatte - mit Terroranschlägen, die im Libanon und in Frankreich beinahe zur selben Zeit stattfanden - ausgeführt von verrückten Kreaturen, die Hass, Angst und Tod verbreiteten, wohin sie auch gingen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und zwei Städte waren zerbrochen. Meine Freunde in Paris, die noch gestern gefragt hatten, was denn in Beirut passiert sei, lernten nun plötzlich die andere Seite kennen. Unsere beiden Hauptstädte waren zerbrochen und vernarbt. Für uns hier waren das vielleicht alte Nachrichten, für sie aber Neuland.

Mehr als 128 unschuldige Zivilisten aus Paris sind nicht länger bei uns. Am Tag zuvor waren 45 unschuldige Zivilisten aus Beirut nicht länger bei uns. Die Opferzahlen steigen, aber wir lernen offenbar nie dazu.

Wir sind nicht wirklich wichtig

In all dem Chaos und der Tragödie nagte ein Gedanke an mir und wollte meinen Kopf nicht verlassen. Es ist derselbe Gedanke, der in meinem Schädel nach jedem dieser Ereignisse widerhallt, die mittlerweile leider immer wieder passieren: Wir sind nicht wirklich wichtig.

Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts in Stücke gesprengt wurden, lautete die Schlagzeile: "Explosion in Hisbollah-Hochburg", als könnte der politische Hintergrund einer urbanen Gegend den Terror irgendwie in einen Kontext einordnen.

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Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts starben, standen die Führer der Welt nicht auf und verurteilten das. Es gab keine Statements, in denen Sympathie mit dem libanesischen Volk ausgedrückt wurde (Anm. d. Red: UN und Barack Obamas Nationaler Sicherheitsrat äußerten sich allerdings sehr wohl). Es gab keine weltweite Empörung darüber, dass unschuldige Menschen, deren einziger Fehler war, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nie so etwas passieren sollte oder dass ihre Familien niemals auf solche Weise zerstört werden sollten. Religion oder politischer Hintergrund eines Menschen sollten nicht darüber entscheiden, ob man erschrocken ist, dass sein Körper auf dem Zementboden verbrennt.

Obama gab keine Mitteilung dazu heraus, dass ihr Tod ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei; was ist Menschlichkeit überhaupt außer einem subjektiven Ausdruck, der den Wert eines bestimmten menschlichen Wesens bestimmen soll?

Stattdessen verkündete ein amerikanischer Möchtegern-Senator, wie glücklich er sei, dass meine Leute gestorben sind, dass die Hauptstadt meines Landes zerschmettert wurde, dass Unschuldige ihr Leben verloren und dass die Opfer Menschen aus allen möglichen Hintergründen gewesen waren.

Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten. Nicht einmal Facebook hielt es für nötig, dass meine Leute sich als "sicher" markieren konnten, so banal das auch sein mag. Hier ist euer Facebook-Safety-Check: Wir haben, zum jetzigen Zeitpunkt, alle Terrorangriffe in Beirut überlebt.