Bitcoin Glücksspiel ohne Bank und ohne Staat

Ein Beispiel ist die Website Rouleth, im Untertitel verspricht sie "die Glücksspielrevolution". Ein grüner Roulettetisch erscheint auf dem Bildschirm, man setzt Digitalgeld auf einzelne Zahlen, ungerade oder gerade, rot oder schwarz. Bei diesem Roulette gibt es keine Bank, und auch der Staat sieht keine Steuern von der Zockerei. Welche Zahl fällt, berechnen Tausende Rechner gleichzeitig, die jeweils einen kleinen Teil ihrer Rechenpower beisteuern. Der Gewinn wird anschließend unter den Zockern streng nach Formel in digitaler Münze verteilt.

14,49 TWh Strom

verbraucht das Bitcoin-Netzwerk im Jahr, mehr als der Stromverbrauch von Slowenien (13,87 Terawattstunden). Die Elektrizität ist für Überweisungen und das Errechnen neuer Bitcoin nötig. Der Strom für eine einzelne Bitcoin-Transaktion könnte einen typischen US-Haushalt vier Tage lang versorgen. Wegen des hohen Energiebedarfs sitzen Nutzer häufig in Ländern wie China oder Island, wo Strom billig ist.

So braucht es keinen Betreiber oder Hintermann für das Glücksspiel. Es funktioniert einfach ewig weiter, solange sich Mitspieler finden. Staatliche Stellen haben kaum eine Handhabe gegen derartige smarte Verträge - da sie nicht an einer Stelle gespeichert sind, können sie auch nicht gelöscht werden. Bereits jetzt ist es für Staaten wie Deutschland sehr schwierig, das Glücksspielgeschäft im Internet zu regulieren - mit smarten Verträgen könnte es technisch unmöglich werden.

Einer der Vordenker von solchen Programmen ist der 23-jährige kanadisch-russische Programmierer Vitalik Buterin. Das soziale Netz Akasha und das Glücksspiel Rouleth, ebenso wie einige Hundert weitere Projekte laufen mithilfe der von ihm erfundenen Software Ethereum. Wie Bitcoin basiert Ethereum auf einer dezentralen Blockchain als Datenspeicher, birgt aber für Programmierer viel mehr Spielraum. Wenn Bitcoin ein Taschenrechner ist, dann ist Ethereum das neueste iPhone. Und nebenher dient Ethereum ähnlich wie Bitcoin auch als Digitalwährung, nur dass die Münzen hier "Ether" heißen. Das Projekt gibt es seit etwa zwei Jahren, alle Ether zusammen sind rund 23 Milliarden US-Dollar wert. In diesem Jahr stieg der Kurs eines Ether um rund 2500 Prozent - ein noch steilerer Anstieg als der von Bitcoin.

Die Ethereum-Szene ist verteilt über den ganzen Globus, trifft sich aber oft zum Austausch, wie kürzlich in Paris. Vitalik Buterin, kurzer Bürstenhaarschnitt, trägt einen schwarzen Pullover mit einem bunten Einhorn darauf, eine grüne Umhängetasche mit Katzenmotiv und weiße Plüsch-hausschuhe, in denen er von Meeting zu Meeting eilt. Bislang programmierte er im Hauptsitz der von ihm gegründeten Ethereum-Stiftung in der schweizerischen Stadt Zug. Seit Kurzem lebt er in Singapur, in Asien spielt die digitale Zukunft.

Banken wollen mit der Blockchain MIlliarden sparen

Buterin verzieht keine Miene, als er die komplexesten Gedankenketten stringent, fehlerfrei und druckreif aufbaut wie Programmzeilen. Glücksspiel? Wie langweilig. Mittlerweile gebe es doch ganz andere Anwendungen seiner Technik. Kürzlich gaben 30 Firmen wie Microsoft und die Bank JP Morgan Chase bekannt, Ethereum für den Aufbau einer eigenen "Business-Blockchain" zu nutzen, über die sie Geschäfte abwickeln wollen. Laut der Marktforschungsfirma Accenture könnte die Dezentralisierung allein den zehn größten Banken zehn Milliarden US-Dollar pro Jahr einsparen. "Zentralisierte Systeme sind in den letzten Jahren ziemlich oft gehackt worden", sagt Buterin. "Das hat zu sehr vielen Datenlecks geführt." Wenn man solch ein zentrales Einfallstor entferne, mache man die Anwendungen am Ende sicherer, ist Buterin überzeugt.

Zu was so ein dezentrales Computerprogramm noch gut sein könnte, führt Risto Karjalainen von der finnischen Datenanalyse-Firma Streamr Oy auf dem Kongress in Paris vor. Der Programmierer zapft das Verkehrssystem Helsinkis an - die Stadt veröffentlicht live, wo sich welche Straßenbahn befindet. Mit diesen Daten baut Karjalainen einen smarten Vertrag, also wieder ein autonomes Computerprogramm. Am Bildschirm verbindet er die Bewegungsdaten der Bahnen mit einer Auszahlung über die Blockchain. Jedes Mal, wenn die Bahnen hundert Meter zurückgelegt haben, soll der Straßenbahnbetreiber von der Stadt einen kleinen Geldbetrag über die Blockchain erhalten. In fünf Minuten hat Karjalainen das Programm zum Laufen gebracht, es verteilt im Minutentakt Geld anhand der gefahrenen Strecke. Die metergenaue Überwachung soll dazu dienen, dass der Anbieter seine Leistungen exakt abrechnet und nicht zu viel kassiert.