Besuch beim Chaos Communication Camp Hochamt der Hackergemeinde

Internet im Zweimannzelt: Der Chaos Computer Club veranstaltet in Brandenburg ein Sommercamp für 3000 Hacker aus aller Welt. Die Teilnehmer tüfteln, feiern, diskutieren - und arbeiten an einem ambitionierten Projekt: Dem Einstieg in die Hacker-Raumfahrt.

Von Frederik Obermaier

Die Unterhaltung scheitert mal wieder am Prozessor, NXP ARM Cortex-M3 will nicht so, wie Kristian will. "Irgendwie funktioniert der Mesh nicht", sagt der Norweger.

Eine kleine Rakete mit bunten Lämpchen, Drähten und einem Display baumelt an seinem Hals, doch sie sendet einfach keine Nachrichten an die Raketen von Kristians Freunden. Dabei sitzen die gleich neben dem 29-Jährigen. Ohne Mesh gibt es jedoch keine Kommunikation, zumindest keine digitale - und das ist beim größten Hacker-Zeltlager der Welt ein echtes Problem.

Dicht an dicht sitzen die Computerfans im Hackcenter - einem Hangar im brandenburgischen Niemandsland. Vor ihnen: Laptops, auf den Bildschirmen die andere, digitale Welt, aus der viele nur ungern in die echte zurückkehren.

Entsprechend skurril ist für Nichteingeweihte ein Besuch auf dem ehemaligen sowjetischen Flugplatz Finowfurt, wo sich mehr als 3000 Hacker seit Mittwoch zum Chaos Communication Camp treffen.

Die vielen Männer und wenigen Frauen, die neben der rissigen Startbahn campen, sind spätestens seit den Enthüllungen von Wikileaks für viele die Robin-Hoods der Neuzeit, die letzten Verteidiger von Bürgerrechten, die Kämpfer gegen eine kapitalisierte Welt. Für einige Firmen und Regierungen sind sie Verbrecher, für Laien schlichtweg Nerds.

Kommunikations-Raketen zum Umhängen

Zwischen alten sowjetischen Kampfflugzeugen und Panzerwracks stehen nun ihre Zelte und Pavillons, verbunden mit kilometerweise Stromleitungen und Glasfaserkabeln. Es blinkt, piept und Tastaturen klappern, wenn die Computerfreunde vor ihrem Allerheiligsten, dem Laptop, sitzen.

Zum Hochamt der Hackergemeinde hat der Chaos Computer Club geladen, am Eingang haben Mitglieder von Deutschlands ältester Hackerorganisation Kommunikations-Raketen zum Umhängen verteilt, schließlich ist das Motto "Hackers in Space".

Wie die Computerfreaks in den Weltraum kommen, erklärt in Hangar 1 - er wurde nach dem gleichnamigen Weltraumbahnhof "Kourou" getauft - ein Endzwanziger mit lichtem Haar. "Solid rocket engines" stehen auf dem Programm.

Das Publikum lauscht andächtig, ob nun Schwarzpulver, ein Zink-Schwefel-Gemisch oder doch Hexanitrohexaazaisowurtzitan der bessere Treibstoff für des Hackers Reise in den Orbit ist.

In einer der letzten Reihen sitzt ein Mann, der an den Comicverkäufer aus der Trickfilmserie "Die Simpsons" erinnert: Die orangefarbene Short spannt über dem Po, sofern der überhaupt bedeckt ist. Die wenigen Haare hat er sich über die Glatze gekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. "Visionär und wichtig", findet er den Vortrag. Schließlich dürfe man die Raumfahrt nicht den Konzernen und "Geschäftspolitikern" überlassen, die nur nach Gewinn streben. "Denn Gewinn ist bloß ein Symptom von Macht", und die wiederum gehört geteilt - zur Not auch zwangsweise.

Der Hacker mit dem Comic-Mann-Aussehen redet sich in Rage, schwärmt von den Angriffen der Hackergruppe Anonymous auf Firmen- und Regierungsrechner weltweit, "der revolutionäre Impuls der Jugend wird jetzt genutzt - wie schon bei Mao, in der Kulturrevolution".

Am Ende will er von seinen Sympathien für solche Aktionen dann aber doch nichts in der Zeitung lesen. "Das ist ja schließlich illegal" und er selbst ein ehrbarer IT-Kaufmann. Wie so ziemlich alle hier will er auch seinen Namen nicht verraten, nicht einmal wo er aufgewachsen ist und jetzt lebt. "Daraus könnte man dann doch wieder auf meine Identität schließen." Ohnehin seien hier viel zu viele Geheimdienstler unterwegs - und er müsse deshalb jetzt weg.

Frank Rieger hingegen ist da; seit Tagen beantwortet der Sprecher des Chaos Computer Clubs die Fragen der Journalisten. "Ich sehe Hacken als das Wiederzueigenmachen von Technologie", sagt er. Wer behaupte, Hacken sei gleichbedeutend mit Cybercrime, also Verbrechen in den Weiten des Internets, habe einfach nichts verstanden. Es gehe ums Experimentieren. "Kreativen Umgang mit Technik" nennt Rieger das - und dafür wurde in der brandenburgischen Steppe sogar ein eigenes Telefonnetz eingerichtet. Allzu kreativer Umgang mit dem öffentlichen Netz könnte sonst doch schnell kriminell werden.