Zwei Männer wollen mit einer Kampagne Internetnutzern Manieren in der zwischenmenschlichen Kommunikation näher bringen

Die Anonymität im Internet verleiht Menschen die Möglichkeit sich frei zu äußern, ohne Repressalien durch staatliche oder private Organe zu fürchten. Für andere ist es eine Flucht aus ihrem Alltag und eine Chance über sich hinaus zu wachsen. Was eine große Stärke des Internets ist, kann hin und wieder negative Auswüchse mit sich bringen. Unter dem Schutzmantel der falschen Identität wird manchmal der freundlichste Nachbar zum verbalen und intellektuellen Gewalttäter.

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Wie der Guardian berichtete, haben deshalb der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Tim O'Reilly, Softwarepionier und erfolgreicher Verlagsgründer, eine neue Kampagne gestartet, die versucht verbindliche Richtlinien für die zwischenmenschliche Kommunikation im Internet durchzusetzen.

Niveau der Unterhaltungen wahren

Nachdem Kathy Sierra, Gründerin der nach eigenen Angaben größten Community-Webseite Javaranch.com und Co-Autorin der "Head First" Buchreihe, in ihrem Blog "Passionate" über längere Zeit Beschimpfungen und sogar Morddrohungen erhalten hat, sahen sich die beiden Vorreiter des Web 2.0 in der Pflicht dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Tim O'Reilly schreibt auf seiner Webseite: "Es gibt keinen Grund, warum wir Unterhaltungen im Netz tolerieren sollten, die wir nicht in unseren Wohnzimmer haben möchten". Wales und O'Reilly haben deshalb eine Liste bestehend aus sieben Punkten zusammengetragen, die den persönlichen Umgang in Blogs und Foren regeln soll. Die Autoren möchten diesen "Code of Conduct" als allgemeingültiges Gesetzbuch im Internet durchsetzen.

Neben einer Liste von sieben Richtlinien soll auch eine Möglichkeit eingerichtet werden, Webseiten auszuzeichnen, die sich an diese Regeln halten. Natürlich könnten Webseitenbetreiber sich bewusst dagegen entscheiden und ihre Plattform somit als "Kriegszone" ausweisen.

Blogs sollen frei sein

Die Stärke von Blogs ist ihre Fähigkeit als freie Plattform für alle möglichen Denkrichtungen zu dienen. Deshalb hat der Vorstoß von Wales und O'Reilly kurz nach der Veröffentlichung auf ihren Webseiten, viel Kritik und Zweifel in der Internetgemeinde hervorgerufen. Häufig steckte die Angst eines zensierten und kontrollierten Internets dahinter.

So verspottete die Webseite 901am die Vorschläge als "Waffe der Massenverdummung". Kay Giza, Audience Marketing Manager für Professional Developer bei Microsoft Deutschland, schreibt in seinem Blog, dass es eigentlich keinen "Code of Conduct" benötigen sollte. Er vertraut auf die Vernunft des Benutzers. Dan Gilmore Mitglied des "Centre of Citizen Media", einer Vereinigung, die sich mit "grassroot media" befasst und der Journalistenschule in Berkeley nahe steht, findet es auch nicht notwendig einen festen "Spielplan" im Internet zu einzuführen.

Er vertritt die Ansicht, dass es schwer zu regeln wäre, wer denn nun bestimmen soll, was man tun darf und was nicht. "Wer würde darüber richten? Die Regierung? Anwälte?", will Gilmore wissen. Regeln aufstellen, bedeute auch einzuschreiten, falls Regelverstösse statt finden.

Regeln brauchen Überwachung

Obwohl Blogs und Foren schon heute von Freiwilligen oder dem Betreiber kontrolliert werden, scheint es nicht immer zu funktionieren, wie der Fall Kathy Sierra zeigt.

Auf Kathys Blog kann ihre gesamte Situation nachgelesen werden. Darunter sind wenig charmante Bilder mit dem Foto von Frau Sierra und einem Galgenstrick, mit der Bildunterschrift: "das einzige was mir Kathy anzubieten hat, ist dieser Strick mit dem Durchmesser ihres Halses". Unter dem Stichwort "civility enforced" sollen nun eine konkrete Ermahnung an alle Mitglieder des Internets erfolgen, sich zivilisiert zu benehmen.

Auf der Webseite 901am wird deshalb die Befürchtung laut, dass diese Regeln auch von streitlustigen Feministen oder "professionellen" Opfern benutzt werden könnten, jegliche kritische Anspielung aus dem Verkehr zu ziehen. Eine Regulierung sei eine Gefahr für das Medium und würde Online-Totalitarismus den Weg ebnen.

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(sueddeutsche.de)